Hoteldorf in Tansania: Grillabend mit Massai-Kriegern

Von Kerstin Walker

Wände aus Kuhdung, Reisigbündel als Nachtlager: In einem perfekt nachgebauten Massai-Dorf können Touristen in Tansania das Leben des berühmten Kriegervolkes kennenlernen. Auch ohne übergroßen Komfort ist das Hotelprojekt ein Erfolg.

Massai-Motel: Eine Lehmhütte für die Nacht Fotos
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Wer sich auf die Safari zum Olpopongi Village begibt, muss sich auf eine ruckelige Fahrt gefasst machen. Hier bedeutet Safari nicht Löwen- und Giraffen-Gucken, sondern wörtlich aus der Landessprache Kisuaheli übersetzt schlicht "Reise". Zwei Autostunden nordöstlich von Arusha geht es in die tansanische Savanne. Der Landrover bockt, er tut sich schwer auf dem von Hitze und Wind zerfressenen Grund. Ein massiger Kilimandscharo und der dunkle Kegel des Mount Meru weisen den Weg.

Vereinzelt tauchen rot-blau leuchtende Punkte auf dem hellen Braun der Buschlandschaft auf: Massai, gekleidet in der traditionellen Shouka. Ihre Farbe soll die Löwen abschrecken. Manchmal sind es Kinder, acht, neun Jahre alt, deren Aufgabe es ist, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang die grasenden Ziegen und Rinder ihres Stammes zu hüten.

Kimani Mollell eilt zur Begrüßung aus dem Olpopongi-Runddorf auf die Anreisenden zu. Er trägt ebenfalls das auffällige Gewand der Massai. Kimani ist ein Warrior, ein erwachsener Krieger, doch an den meisten Tagen des Monats arbeitet er als Hotelier. Der hochgewachsene Mann stützt sich auf seinen dunklen Holzstock, seine Füße stecken in einfachen Schuhen aus alten Lkw-Reifen. "Zum Check-in bitte hier herüber", bittet er in klarem Englisch. Kimani deutet auf die Rezeption des Motel Massai in der ersten Lehmhütte.

Eine Geschäftsidee für die Massai

Über Hunderte von Jahren zogen die Massai als Nomaden durch Ostafrika. Doch in der immer kargeren Savanne wird für das Kriegervolk das Halten ihrer Rinder- und Ziegenherden immer beschwerlicher. Verständlich, dass die Massai zu Beginn des 21. Jahrhunderts für eine gute Geschäftsidee dankbar sind.

Der graubärtige Johnson, ein etwa 40-jähriger Krieger von Kimanis Stamm, suchte nach einer Möglichkeit, wie sein Volk am wachsenden Tourismus im Land teilhaben könnte. Der Zufall brachte ihn mit Tom Kunkler zusammen, sie lernten sich in Moshi kennen, einer Stadt am Südhang des Kilimandscharos. Kunkler war im Spessart aufgewachsen und als Tourist vor sieben Jahren nach Tansania gekommen. Später verlagerte er seinen Wohnsitz nach Ostafrika, entwickelte einen florierenden Handel für Motorrad-Ersatzteile, beteiligte sich am Großhandel für Tee und Kaffee und produzierte Postkarten.

Johnson arbeitete für ihn, sie wurden Freunde. "Wer mit den Menschen hier leben und arbeiten will, muss verstehen, wie sie denken", sagt Kunkler. Spricht man zum Beispiel mit dem Bürgermeister einer kleinen Stadt, um herauszufinden, was die Leute besonders dringend benötigen, heißt es: "Der Doktor braucht ein neues Moped."

Um solche Strukturen der Vetternwirtschaft zu überlisten und die Hilfe dahin zu leiten, wo sie wirklich nötig ist, müssen alle mit einbezogen werden. Nur so profitieren am Ende diejenigen, die es nötig haben. "Um die Massai am Tourismus zu beteiligen, musste ich mit Johnsons Hilfe ihre Clanchefs überzeugen", sagt Kunkler. "Erst wollte ich nicht. Ich fürchtete, dass sich das Leben seines Volkes dadurch komplett verändern würde."

Plagiat von einem Massai-Dorf

Afrika-Kenner Kunkler fand eine sinnvolle Lösung: "Ich bat die Massai um ein Stück Land, und wir bauten Olpopongi: ein Dorf mit neun Lehmhütten, das exakt wie das ihre aufgebaut ist." Im Olpopongi Village werden Touristen in authentischen Massai-Hütten beherbergt. Bloß ohne den unerwünschten Nebeneffekt, dass die Durchreisenden das traditionelle Leben in den benachbarten Stammesdörfern auf den Kopf stellen.

Seit einem Jahr ist der Olpopongi-Kral fertig. Im ersten Jahr kamen tausend Besucher in die kleine Anlage, die mit 38 Gästen bereits ausgebucht ist. Zehn festangestellte Mitarbeiter arbeiten dort. Bis auf den kenianischen Koch sind allesamt Massai. Kimani Mollell, Anfang zwanzig, war vom ersten Spatenstich bei dem Projekt dabei.

Stolz händigt er Besuchern an der Rezeption die Schlüssel aus. Tembo (Elefant) oder Simba (Löwe) lauten die Namen auf den Holztafeln der kleinen Lehmhütten. Beim Betreten muss man den Kopf einziehen. Im Innern ist es finster. Der schmale Eingangsraum mündet in zwei kleine Schlafkammern mit winzigen Sehschlitzen. Im Massaidorf nebenan teilt sich eine Familie mit zehn, zwölf Personen solche Räume.

Dem Gast im Olpopongi dagegen gebührt der Luxus, eine Lehmhütte ganz für sich zu haben. "Die Hütten bauen wir aus Kuhdung und Lehm, den wir um die Wände aus Olpopongihölzern streichen", erzählt Kimali. Riechen tut man das natürliche Baumaterial übrigens nicht. Die Dächer bedecken die Massai mit dem Gras der Savanne, jedes Jahr kommt eine neue, frische Schicht hinzu.

Biotoilette mit totem Huhn

Anders als traditionelle Dörfer hat das Olpopongi ein Freiluftbadezimmer mit richtigen Toiletten. "Die Massai schmeißen sonst einfach ein totes Huhn in den unterirdischen WC-Siphon", erzählt Kunkler. Er hat widerspenstige Haare, das sommersprossige Gesicht ist von der Sonne gezeichnet. "Wenn der Kadaver zerfällt, entstehen Bakterien, die auch das Abwasser zersetzen: eine afrikanische Biotoilette erster Güte."

Zum Übernachtungspaket gehört auch eine Wanderung mit den Massai. Unterwegs erzählt Kimani, welche Bäume als Naturheilmittel geeignet sind. Kisika zeigt, wie ein Krieger den tödlichen Speer wirft. Freddy bringt dem Reisenden bei, die Spuren der Giraffen oder der kleinen Tic Tics im Sand zu lesen.

Auf dieser Safari zu Fuß weicht die anfängliche Zurückhaltung der Krieger. Man kommt ins Gespräch, der stolze Kimani wird geradezu redselig. "Ich bin das jüngste von neun Kindern", erzählt er. Der Jüngste ist traditionell für die Mutter verantwortlich. Der älteste Sohn eines Clans kümmert sich um den Vater. Dass Kimani zur Schule gehen durfte, verdankte er dem aufgeschlossenen Familienoberhaupt. "Statt Rinder zu hüten lernte ich in Moshi Englisch. Deshalb mache ich die Museumsführungen und die Wanderungen", sagt Kimani.

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