Bergtour auf den Huashan in China Selfie am Abgrund

Im Gänsemarsch Tausende Treppenstufen nach oben, auf 30 Zentimeter schmalen Holzbrettern am Abgrund entlang: Am Huashan in China wartet eine Mutprobe auf dem wohl tödlichsten Klettersteig der Welt.

Von


Voller Einsatz für ein Selfie: Manche Besucher gehen große Risiken ein
Stephan Orth

Voller Einsatz für ein Selfie: Manche Besucher gehen große Risiken ein

Die goldene Schildkröte spielt mit dem Jadefrosch, das weiße Pferd überquert die Himmelsbrücke, und der Löwe betrachtet den Geburtstagsschatz. Ganz schön was los hier oben, zumindest laut einem Schild am Wegesrand, das die tofufarbenen Kalksteinformationen ringsum erläutert.

Huashan
Provinz: Shaanxi
Zugnummern: K560, G654
Kilometer: 1453
(bis Xi'an, von dort 120 per Zug bis Huashan)

Wenn es darum geht, klangvolle Namen und Geschichten für Naturschönheiten zu ersinnen, sind die Chinesen unschlagbar. Wanderer am Huashan in der Shaanxi-Provinz passieren auf dem Weg zu den Gipfeln die Schneeflockenhöhle, die Pflaumenblütenhöhle und die Weißer-Mantel-Höhle. An einem kleinen Tor am Wuli-Pass lernen sie: "Wenn ein Mann den Durchgang bewacht, können zehntausend nicht vorbei." Charmanter kann man einen schmalen Passierweg am Hang kaum superlativieren.

Steile Treppenstufen führen in ein paar Stunden vom 40 Millionen Euro teuren Luxusbesucherzentrum auf die fünf höchsten Punkte: den Sonnenaufgangsgipfel im Osten, den Lotusblumengipfel im Westen, den Wolkenterrassengipfel im Norden, den Jadefraugipfel in der Mitte und den Gänselandungsgipfel im Süden, der mit 2155 Metern alle anderen überragt.

"Der Huashan ist einer der bedeutendsten Berge des Taoismus", erklärt Ingenieur Jin Wong aus Xi'an, seine Heimatstadt liegt etwa 120 Kilometer entfernt. "Darum sind hier so viele Tempel am Wegesrand. Und es gibt ein paar schwere Passagen, bei denen es sicher nicht verkehrt ist, vorher zu beten."

Auf den ersten Kilometern ist das schwer zu glauben. Der Weg ist hier ein Hochsicherheitspfad, komplett gepflastert und mit Stufen versehen. Ständig weisen Schilder auf Gefahrenstellen, Rauchverbote und den korrekten Pfad hin. Mehrere No-Swimming-Warnungen wurden vor einem Gebirgsbach angebracht, der so flach ist, dass kein Eichhörnchen darin ertrinken könnte.

Fotos

Fotomotive zuhauf: Gegen einen kleinen Obulus können Besucher am Huashan in traditionellen Klamotten posieren.

Bergsteigerinnen am Fuß des Berges: Viele sind mit Straßenkleidung unterwegs - der komplette Weg bis zu den Gipfeln ist zwar anstrengend, führt aber nicht durch schwieriges Gelände.

Schach-Pavilion: Ein abenteuerlich aussehender Pfad führt zu diesem Aussichtspunkt in der Nähe des Ostgipfels.

Wegweiser: Unpraktischerweise ist auf allen Karten der rote Stern, der die eigene Position markiert, nicht mehr zu erkennen - weil zu viele schweißnasse Finger schon darauf getippt haben.

Harter Job: Zwar gibt es Seilbahnen, doch viele Waren für die Fressbuden am Wegesrand werden zu Fuß nach oben gebracht.

Treppe im "Tausend-Fuß-Canyon": Viele Orte am Weg haben phantasievolle Namen.

Jetzt wird's kalt: Ab etwa 1800 Höhenmetern liegt Schnee. Die Unterkünfte verleihen gegen einen Obulus warme Mäntel.

Keinen Schritt näher: Für ein bisschen Kampfkunst-Gymnastik ist das Gebirge eine ideale Kulisse.

Überall bieten Fotografen an, Aufnahmen der Besucher zu machen - mit teils skurrilen Beispielbildern als Werbung.

Stufen-Marathon: Wer eine Zweitagestour macht, zwei Gipfel besucht und keine Seilbahn benutzt, muss mehr als 10.000 Stufen bewältigen.

Abendessen am Ostgipfel: Diese zwei Bergsteiger stammen aus dem Nordosten Chinas. "Darum sind wir kalte Temperaturen gewohnt", sagen sie.

Schlösser als Erinnerung: Tausende davon hängen inzwischen an den Gipfeln und an anderen interessanten Wegpunkten.

Sonnenaufgang mit Aussicht: Insgesamt gibt es fünf Gipfel am Huashan.

Alle paar hundert Meter stehen Toilettenhäuschen, die besser gepflegt sind als ihre Pendants in den Straßen von Peking oder Shanghai. Einige Mitwanderer tragen Jogginghose und Turnschuhe oder laufen in Anzug, Lederslippern und mit Zigarette hinter dem Ohr bergauf. Wer es ganz bequem haben will, der gelangt per Seilbahn in die Nähe der Gipfel.

Kalte Füße aus dem Snackshop

Auch die Versorgungslage ist hervorragend. Snackshops verkaufen Nudelsuppen, Red Bull und kalte Hühnerfüße. Souvenirläden bieten Holzschwerter, Wanderstöcke und rote Sonnenschirme an. Und Schlösser mit individueller Namensprägung, die kleinen für 38 Yuan (5,50 Euro), die großen für 168 (25 Euro). An jedem Geländer hängen Hunderte oder gar Tausende davon, eine ständige Erinnerung daran, welche Menschenmassen schon hier waren. Wer unverfälschte Natur und alpine Einsamkeit sucht, sollte sich die 180 Yuan Eintritt (etwa 26 Euro) und die Abgabe des Fingerabdrucks am Eingang sparen. Als Einblick in das touristische Selbstverständnis der Chinesen, Frischluftkur mit Aussicht und Treppenstufen-Kardio-Workout dagegen ist eine zweitägige Tour bestens geeignet.

"Kuai dian!", "schneller!", ruft Conny aus Peking ihrem Freund zu. Sie hüpft leichtfüßig voran, er keucht hinterher. Nicht unbedingt, weil sie fitter ist, er schleppt nur mehr Gepäck. Mit allen ihren Sachen für eine Übernachtung am Ostgipfel, während sie nur ein kleines Lederhandtäschchen über dem makellos weißen Wollpulli trägt. "Ich mag die frische Luft hier, in Peking ist nur Smog", sagt die 28-jährige PR-Agentin. "Und man kann hier schöne Fotos für Weibo und WeChat machen."

Wie wichtig die Rolle von Erinnerungsfotos in sozialen Medien ist, lässt sich an der berühmtesten Stelle des Berges beobachten, einem Klettersteig mit morschen Holzlatten, Eintritt: 30 Yuan. Direkt am Einstieg wurde ein kleiner Tempel in den Fels gehauen. Das ist sinnvoll, viele Menschen sind hier ins Verderben gestürzt, und vermutlich noch mehr Kameras und Smartphones.

Unerschrockene bekommen ein Klettersteigset um die Schultern gelegt, mit zwei Karabinerseilen und der knappen Instruktion, nie beide gleichzeitig zu lösen. Die Seile wirken dünn, die Schultersicherung erweckt nicht zwangsweise den Eindruck, die Wucht eines Sturzes auszuhalten. Nach den übertriebenen Sicherheitshinweisen beim Aufstieg scheint plötzlich das Überleben der Huashan-Besucher nicht mehr oberste Priorität zu haben. Zunächst geht es etwa 50 Meter bergab über Eisenstufen im Fels, dann die Steilwand entlang auf 30 Zentimeter schmalen Holzbrettern, die mit rostigen Nägeln fixiert sind.

Die Chinesen jedenfalls scheinen vor lauter Selfies zu vergessen, Angst zu haben. Ein Fotograf bietet von einem schmalen Sims aus seine Dienste an. Das Geschäft läuft gut. Wen er mit einem Bein und einem Arm über dem tausend Meter tiefen Abgrund ablichtet, der kann sich Dutzender Likes auf der Mikroblogging-Seite Weibo sicher sein.

Fotos

Einer der skurrilsten Jobs der Welt: Ein Fotograf bietet an der Schlüsselstelle des Klettersteigs seine Dienste an.

Er gibt dann die Anweisung, ein Bein und einen Arm über den Abgrund zu strecken: So ganz sicher fühlt sich diese Bergsteigerin in der waghalsigen Pose allerdings nicht, wie ihr Gesichtsausdruck verrät.

Viele verzichten auf die kostenpflichtigen Dienste des Fotografen und knipsen einfach selber.

TÜV-geprüft sähe wohl anders aus: Die Holzplanken sind mit rostigen Nägeln befestigt.

Einstieg zur Klettersteig-Mutprobe: Die ersten Meter sind noch verhältnismäßig einfach, auf Stahlstufen geht es etwa 50 Meter bergab.

Wie viele Handys hier wohl schon verloren gingen? Unter den Holzplanken geht es Hunderte Meter in die Tiefe.

Ups, doch ganz schön tief: Nachdem das Selbstporträt im Kasten ist, scheint dieser junge Wanderer nachträglich einen Schreck zu kriegen.

Zurück geht es auf demselben Weg. Wenn zwei Kletterer aneinander vorbei wollen, ist das oft ein haarsträubender Anblick, manche lösen aus Bequemlichkeit beide Karabiner vom Drahtseil an der Wand. "Früher gab es die Klettersteigsets hier gar nicht, das ist schon viel sicherer geworden", berichtet ein grinsender junger Kerl in einer seltenen Knipspause. Verlässliche Angaben zu Todesfällen gibt es nicht. Aber noch vor ein paar Jahren hieß es, dass hier jährlich rund hundert Menschen ums Leben kamen, die Passage wurde als "gefährlichste Bergtour der Welt" bekannt.

Pure Entspannung ist dagegen der Südgipfel. Der höchste Punkt ist mit einem massiven Geländer voller Erinnerungsschlösser gesichert, die Aussicht auf Bäume, Kalkfelsen und Tempel ist phänomenal. Der Maler und Dichter Wang Lu schrieb vor Jahrhunderten: "Der Wind singt im Pinienwald, seine Blätter rauschen und klopfen rhythmisch an den Fels wie ein Musikinstrument."

Als Zugabe zu diesem poetischen Realismus gibt es wieder ein Schmankerl fernöstlicher Imagination, wenn es darum geht, mit Sprache Naturwunder zu kreieren. Direkt unter dem Gipfel befindet sich der "himmlische Teich, der zu keiner Jahreszeit überfließt oder austrocknet". Es handelt sich um einen etwa drei Meter breiten Tümpel.

Stephan Orth

Per Zug durch China

5500 Kilometer, eine Zeitzone: Stephan Orth reist per Zug quer durch China, von Ost nach West. Die achtteilige Serie führt von Shanghai bis in die entlegene Seidenstraßenstadt Kashgar – und durch ein Land voller Widersprüche und Extreme.

Karte

Klicken Sie auf die markierten Stationen der Route

Dieser Text entstand im Rahmen des China-Medienbotschafter-Programms der Robert Bosch Stiftung. medienbotschafter.com

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gingermath 02.06.2015
1. Das mit dem Wechselkurs war nix
Da der Yuan nicht unsere Währung ist, sollte schon ungefähr erklärt werden wieviel die unterschiedlichen Attraktionen kosten, aber 168 sind ca. 25 und 180 sollen ca 20 sein ... aber ansonsten sehr interessanter Artikel
spon-facebook-10000144431 02.06.2015
2. Sicherheit am Klettersteig
....nur so am Rande... der Begriff "Klettersteig" kommt von dem schönen Wort "Klettern" und nicht von "Wandern". Ich kenne etliche Klettersteige in Europa, die deutlich schlechter gesichert sind. Und dort habe ich nicht die Bequemlichkeit, auf einem Holzbrett zu gehen, sondern habe nur die blanke Wand- das ist ja das schöne :) als Beispiel hier nur der bekannte Pidinger Klettersteig, ähnlich gesichert, aber weniger bequem.
jörg69 02.06.2015
3. Gehört zum Konzept
Mir scheint, die wackelig wirkenden Bretter und die rostigen Nägel sind keine Nachlässigkeit, sondern gehören zum Konzept. So werden Abenteuergefühl und Fotos noch aufregender. Das ist wahrscheinlich nicht unsicherer, als wenn da etwas hochmodernes, weniger fotogenes verbaut worden wäre. Damit will ich nichts kleinreden - für mich wäre das nichts und eigentlich bin ich nicht besonders ängstlich.
pkls 02.06.2015
4.
Zitat von spon-facebook-10000144431....nur so am Rande... der Begriff "Klettersteig" kommt von dem schönen Wort "Klettern" und nicht von "Wandern". Ich kenne etliche Klettersteige in Europa, die deutlich schlechter gesichert sind. Und dort habe ich nicht die Bequemlichkeit, auf einem Holzbrett zu gehen, sondern habe nur die blanke Wand- das ist ja das schöne :) als Beispiel hier nur der bekannte Pidinger Klettersteig, ähnlich gesichert, aber weniger bequem.
Ja?! Also, gesichert sind die europäischen meist deutlich besser! Was die Sicherheit angeht, entscheidet beim Klettersteig ja nicht die Befestigung des Weges sondern die Sicherungskette und -art. Klettersteig Sicherungs-Sets bestehen in Europa/USA aus einem Hüftgurt und zwei Karabinern, die in Y-Form über einen Fangstoßdämpfer angesetzt sind. Da fällt rutscht man dann im Fall des Falles nicht aus dem Gurt und stirbt nicht schon vom Fangstoß. Wie gut die Wege ausgebaut sind ist natürlich auch eine Frage, aber eben eine andere. Darüber täuscht auch der Artikel hinweg, wenn in der Bildunterschrift zu den rostigen Nägeln steht: "TÜV-geprüft sähe wohl anders aus". Der TÜV würde sich hierzulande auch vor allem das Sicherungssystem interessieren.
wastenstoeckel 02.06.2015
5. dem wohl tödlichsten Klettersteig der Welt !
Leute, wann lernt ihr das: entweder tödlich oder eben nicht. Aber nicht "am tödlichsten", das ist wie "am schwangersten".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.