Hundeschlittenfahrt in Grönland Ganz in Weiß im Eis

Der Klimawandel bedroht die Kultur der Inuit. Zwei Grönländer versuchen, die Traditionen des Volkes zu bewahren - wie das Hundeschlitten-Fahren. Dabei nehmen sie auch Touristen mit.

Maria Feck / laif

Von Christina Schmidt  und Maria Feck (Fotos)


Manchmal veranstaltet Egon Broberg auf seinem Arbeitsweg ein Rennen mit seinen Kollegen: Wer zuerst den Berg erklimmt, die Schneefelder passiert, den Motorschlitten im Nebel entdeckt und damit die letzten Meter hoch auf den Gipfel braust. Wer zuerst die Hunde begrüßt, die kläffend an ihren Ketten ziehen - der hat gewonnen. Gut ist, wer weniger als eine Stunde braucht, dafür müssen sie ganz schön rennen.

Er liebe seinen Arbeitsweg, sagt Broberg, und seine Arbeit. Der 50-Jährige ist Hundeschlittenfahrer auf der Diskoinsel. Früher sei das kein Beruf gewesen, sondern eine Lebensweise. Die meisten Grönländer haben sie längst aufgegeben. Broberg fährt Touristen mit seinem Schlitten, sogar im Sommer, wenn das Eis im Rest des Landes getaut ist: auf den Lyngmark-Gletscher, der 720 Meter hoch über der berühmten Diskobucht an der Westküste des arktischen Landes thront.

Für viele Generationen auf Grönland waren Hundeschlitten wichtig für das Überleben. Fror das Meer im Winter zu, blieben sie das einzige Fortbewegungsmittel - wollten die Inuit nicht zu Fuß gehen. Sie gingen damit auf Jagd, fuhren auf das Meer hinaus, um Löcher ins Eis zu schlagen und darin zu fischen. Sie transportierten ihre Habe auf Schlitten und veranstalteten zum Spaß Rennen. Ihre Hunde, in denen Wolfsblut fließen soll, sind so robust, dass sie Eiseskälte lange aushalten können.

Egon Broberg ist mit Hunden aufgewachsen, wie seine Vorfahren beherrscht er das Handwerk, Herr eines Rudels zu werden, es zu lenken und dazu zu bringen, schwere Lasten zu ziehen. Das Gesicht des kleinen Mannes wird von einer schwarzen Brille und einem Schnäuzer verdeckt, darüber thront ein Sommerkäppi mit der Aufschrift: "Portugal".

Rechts. Links. Schneller

Oben auf dem Gletscher ziehen die Hunde an ihren Ketten, schwanzwedelnd begrüßen sie Broberg. Vier Rudel verbringen den Sommer hier oben auf dem Berg. Tagsüber betreut von ihren Besitzern, nachts angeleint allein im Schnee. Sie sind hier, damit Touristen kommen. Zwei Stunden lang wandern die Urlauber über Moose hierher, laufen mit Schneeschuhen über brüchige Schneefelder. Das letzte, steilste Stück bringt sie ein Führer mit dem Motorschlitten.

Hans Jørgen Lukassen, der heute mit Broberg für sie zuständig ist, spannt die Hunde sternförmig vor den blau lackierten Schlitten. Dann gestikuliert er, die Touristen könnten sich nun auf die mit Rentierfell gepolsterten Bänke setzen. Mit einem heftigen Ruck fahren die Schlitten an, der Fahrtwind bläst eisig ins Gesicht. Wer kann, zieht seine Mütze tiefer, den Schal enger und spätestens jetzt Handschuhe an.

Lukassen ist 31 Jahre alt, die Haare sind kurz geschoren, die Haut ist braun gebrannt, seine Sonnenbrille verspiegelt - er gehört zu den wenigen Jüngeren, die noch Schlittenhunde-Führer sein wollen. Aufgewachsen ist er in einem Dorf, in dem nur ein paar Dutzend Menschen leben. Dort hatte er im Laden gearbeitet, als Müllmann und als Hausmeister in der Schule. Dann zog er in den größeren Ort Qeqertarsuaq und fand keine Anstellung. Seither lebt er wie seine Vorfahren: vom Jagen und Fischen, mit seinen Hunden.

Im vereisten Schnee haben die Hunde Mühe, den Schlitten zu ziehen, Lukassen trabt neben ihnen her und gibt Kommandos. Rechts. Links. Schneller. Er hält die Zügel locker, die Peitsche bleibt auf dem Schlitten. Nach einer halben Stunde ruft er "Stopp!". Die Hunde kommen am westlichen Rand des Lyngmark-Gletschers zum Stehen, dahinter thronen mächtige Berge. Zeit zum Fotografieren.

Spätestens jetzt bröckelt die Authentizität des Tourangebots. Hier oben auf dem Gletscher gibt es kein Dorf und keine Jagdbeute, eigentlich auch keinen Grund für eine Schlittenfahrt, die für Touristen teuer ist und noch nicht einmal bequem. Wäre da nicht ein Moment bei diesem Zwischenstopp, in dem einen die grönländische Natur ergreift. Ihre Weite. Und ihre Stille. Einen Moment lang hört man: nichts. So klang Inuit-Alltag.

Kein Verlass mehr auf die Natur

Lukassen ruft seine Hunde, es geht zurück. Die Zugtiere respektieren ihn, weil er spürt, was sie brauchen. Deshalb läuft auch der Hund nicht davon, der sich gleich zu Beginn von seiner Leine gerissen hatte, sondern trabt gemächlich voran. Lukassens erste eigene Fahrt endete in Tränen. Als Achtjähriger versuchte er, acht wilde Tiere zu bändigen. Sie gehorchten ihm nicht. "Aber da muss jeder durch", sagt er und lacht so, als sei ihm das Geständnis vor dem Älteren peinlich. Aber der nickt.

"Wie mache ich sie zu guten Schlittenhunden?", hatte Broberg seinen Vater gefragt, als er seine ersten Welpen trainierte. "Bring sie zum Rennen", bekam er als Antwort. Wie, das ist jedem Schlittenhunde-Führer selbst überlassen. Deshalb geriet der vorherige Anbieter für Schlittentouren auf dem Lyngmark-Gletscher vor einigen Jahren in Kritik: Nicht einmal blutende Pfoten hielten ihn davon ab, die Hunde vor die Schlitten zu spannen, berichteten Touristen damals. Eine andere Familie übernahm das Geschäft, für den Veranstalter Sikuaput arbeiten Broberg und Lukassen mit ihren Tieren.

Nach einer Stunde kehren die Schlitten zurück. Der dichte Nebel, der eben noch auf Höhe des Gipfels hing, zieht auf und gibt den Blick auf das Meer frei. Dort schwimmen Eisberge, die auf der anderen Seite der Diskobucht vom Sermeq Kujalleq abbrechen, dem produktivsten Gletscher der nördlichen Halbkugel. Manche Eisberge sind groß wie Lagerhallen. Früher seien sie viel größer gewesen, sagen die Einheimischen.

In Grönland sorgt der Klimawandel schon jetzt dafür, dass auf die Rhythmen der Natur kein Verlass mehr ist. Neulich, als Broberg mit dem Boot zum Fischen rausfahren wollte, war der Fjord noch zugefroren, erzählt er - und das im Juni. Entlegene Siedlungen mussten am Ende des Winters lange auf Versorgungsschiffe warten. Genauso verheerend sind die Jahre, in denen Fjorde gar nicht vereisen. Die Inuit können dann nicht mit ihren Hundeschlitten auf Jagd gehen. Mehr und mehr Grönländer verzichteten daher auf Hunde, sagt Broberg.

Maria Feck / laif

Dabei haben die Tiere immer noch Vorteile: "Im besten Falle", sagt Broberg, "kostet die Haltung von Hunden nichts. Sie gehen auch nicht einfach so kaputt" - wie etwa die glänzenden Schneemobile. Als Hundeschlitten-Fahrer müsse er sowieso gegen die modernen Dinger sein, sagt er. "Sie brauchen Benzin und man sieht nichts mehr von der schönen Landschaft, so schnell sind die."

Wird die alte Kultur aussterben? "Irgendwie werden die Hunde ihren Weg in die Moderne finden", sagt Broberg. So wie die Inuit selbst: Obwohl die Bedingungen es ihnen nicht leicht machten, haben sie immer Methoden entwickelt, um zu überleben. Und sich immer wieder angepasst. Wie zum Beweis dafür steigen die beiden Männer nun auf ein Schneemobil und fahren ins Tal.

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