Hundstage am Golf: Dubai dampft und stöhnt

Dubai im Hitzestress: Im Hochsommer wirbt die krisengeplagte Golf-Metropole mit günstigen Flügen und Zimmern um Touristen. Nur - was tun bei über 40 Grad im Schatten und einer Schwüle, die sogar Sonnenbrillen beschlagen lässt? Bernhard Zand berichtet aus einem verwaisten Emirat.

Als ich zum ersten Mal in Dubai aus einem Flugzeug stieg, empfand ich das Wetter als Beleidigung. Er rechne mit "sonnigen Bedingungen", hatte der Erste Offizier angekündigt. "Nordwestwind, 44 Grad Celsius."

Es war Anfang August, am alten Flughafen gab es nur Gangways, und als die Tür aufging, klatschte mir ein so heißer und feuchter Luftschwall ins Gesicht, dass ich mich wie von einem nassen Waschlappen getroffen fühlte. "Enjoy", sagte die Stewardess.

Der heutige, erweiterte Flughafen hat natürlich klimatisierte Passagierbrücken, inzwischen ereilt einen die schwüle Hitze erst hinter der Gepäckausgabe. Wer mit einer europäischen Airline am Terminal 1 ankommt, den empfangen links am Ausgang Ventilatoren mit Wasser-Einspritzung, die den kurzen Weg zum Taxistand in einen feinen Nebel tauchen. Die Verdunstung soll Kühle vortäuschen. Viel ist davon nicht zu spüren.

AP
Über eine Milliarde Menschen leben in der islamischen Welt, zwischen Mauretanien und Indonesien gelten besondere Verhaltensregeln. Kennen Sie auf Reisen den guten Ton des Orients?

Testen Sie Ihr Wissen im Auslandsknigge!
Deutlich spürt man dafür auf dem Weg in die Stadt, wie leer Dubai geworden ist. Ist es der Sommer? Ist es die Krise? Ist es bereits die Trägheit des heraufdämmernden Fastenmonats Ramadan?

Der Billy-Wilder-Film "Das verflixte 7. Jahr" beginnt damit, dass die Väter von New York ihre Familien zum Bahnhof bringen und in die Sommerfrische schicken. Zurück bleibt eine mütter- und kinderlose Stadt, in der die Männer tagsüber freudlos im Büro sitzen und nachts ihren Instinkten und den Versuchungen der Großstadt nachgehen. Der Hauptdarsteller geht - mit schlechtem Gewissen - Marilyn Monroe nach. Die zieht in der Etage über ihm ein und hat, anders als er, keine Klimaanlage.

So ähnlich sieht in den Hundstagen auch das soziale Gefüge von Dubai aus: keine Schulbusse, keine Staus, kaum Arbeiter, kaum Lastwagen auf dem Weg zu den vielfach brachliegenden Baustellen. Dafür gibt es günstige Flüge und Hotelzimmer für die Touristen - wegen der Wirtschaftsflaute noch günstiger als sonst im Sommer üblich. Leere Restaurants, die exklusivsten Bars, die spektakulärsten Fensterplätze, fast alles ohne Reservierung zu haben. Die Shopping Malls werben mit "Summer Surprise Specials" um die rar gewordene Kundschaft. Der Gast, auch sonst in Dubai gut umsorgt, ist diesmal wirklich König.

Drei Dinge, die man wissen sollte...

Fragt sich nur - und das sind die Zahlen des aktuellen Wetterberichts - was man überhaupt tun soll bei 70 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit, echten 41, gefühlten 49 Grad Celsius und leichtem Sandsturm? Drei Dinge muss man wissen, um Dubais Sommer zu ertragen.

Erstens: Nicht die Hitze ist das Problem, sondern die Schwüle. Wer in diesen Tagen vor die Tür tritt, dem beschlägt die Brille. Kameras mit ihren angelaufenen Linsen sind nach dem Verlassen einer klimatisierten Zone minutenlang nicht zu gebrauchen. Auch die Windschutzscheiben der Autos beschlagen oft, und zwar von außen; nicht das Gebläse ist die Lösung, sondern der Scheibenwischer.

Getty Images
Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !
Zweitens: Die Abende sind schlimmer als die Morgen. Schwül ist es immer, aber unerträglich erst ab 16 Uhr. Da geht die über dem Persischen Golf erhitzte Dampfwalze an Land und bleibt bis in die frühen Morgenstunden hängen. Nach Sonnenaufgang ist es am Strand aber ganz angenehm. Der Augenblick, in dem man um 6 Uhr früh aus dem Wasser steigt und eine leise Brise spürt, ist der einzige erfrischende des Tages - und der einzige, an dem man Einheimische am Strand trifft.

Drittens: Dem Meer gehört der Morgen, der Wüste der Abend. So schwer die Schwüle am Golf zu ertragen ist - sie reicht immer nur sieben, acht Kilometer ins Hinterland hinein. Motorradfahrer kennen die Stelle an der Autobahn, an der die klebrig-heiße Luft der Küste plötzlich und wohltuend der knusprig-heißen der Wüste weicht. Das Protokoll des Auswärtigen Amtes kannte sie nicht und lud im letzten Jahr statt zu einem Oasen-Dinner zu einem Dampf-Empfang an der Corniche von Abu Dhabi. Herr Steinmeier schwitzte schwer mit seinen Gästen - und das war im Oktober.

Im "Verflixten 7. Jahr" kühlt sich Marilyn Monroe ab, indem sie sich auf das Gitter eines U-Bahn-Schachtes stellt; berühmt das Bild mit ihrem im Luftzug hochwehenden weißen Kleid. Vier Wochen noch, dann wird das auch in Dubai möglich sein: Am 9. September 2009, mitten im Ramadan, geht nach drei Jahren Bauzeit die erste Metro am Golf in Betrieb. Während die Züge schon probeweise fahren, grübeln die Planer noch über eine Frage, die sie von Anfang an hätten bedenken sollen: Wie bringen wir die Passagiere kühl und trocken in die U-Bahnhöfe? Wo sollen sie ihre Autos parken?

Kulturkampf am Strand

In der Mall of the Emirates, einem der Einkaufszentren mit direktem Metro-Anschluss (und einer Skihalle, Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt), wagt man nun eine Kulturrevolution im Shopping- und Auto-Paradies Dubai: Um Pendler vom Dauerparken abzuhalten, wird ab September eine Parkgebühr erhoben. Noch verstehen viele verwöhnte Autofahrer nicht, warum sie, wenn auch nur probehalber, an der Einfahrt eine Karte ziehen sollen.

Doch auch die Scheichs müssen jetzt rechnen: Die Wirtschaftskrise hat die Kaufkraft der Einheimischen und der Touristen geschwächt. Über bis zu 50 Prozent Umsatzeinbuße klagen die Fashion-, Juwelen- und Souvenirhändler in Dubai. Bang warten sie auf Ende September, wenn der Ramadan zu Ende geht - und sich erweisen wird, wie viele Menschen Dubai in der Krise den Rücken gekehrt haben.

Bleibt, wie im "Verflixten 7. Jahr", die Frage nach der Moral in der sommerlichen Männerstadt Dubai. Um unnötige Gefühlsaufwallungen zu vermeiden, werden Frauen seit Monaten am Eingang der Shopping Malls aufgefordert, züchtige Kleidung zu tragen. Doch das ist nur der eine Schauplatz des Kulturkampfs. Der andere ist unten am öffentlichen Strand: Als ich heute morgen mit einer kleinen Kamera zum Laufen ging, um ein paar Bilder für diesen Kommentar zu machen, hielt mich der Bademeister Jussuf an. Das Fotografieren, erinnerte er mich, sei am Strand verboten. Stimmt - und zwar seit sich westliche Touristinnen beschwerten, dass dauernd Männer in Dischdaschas und Kurtas mit ihren Handy-Kameras hinter ihnen her seien - nur weil sie selbst Bikinis trügen.

Der Scheich von Dubai gab den Frauen recht und ließ die Kameras am Strand verbieten. Bestimmt eine vernünftige Regelung - nur in den Hundstagen von Dubai ziemlich wirkungslos: Es sind sowieso kaum Frauen da.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Travel Log
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Dubai: Hitzeplage im Sommer

Fotostrecke
Dubai: Ein arabisches Dorf
Fotostrecke
Wachstums-Wunder Dubai: Boomtown im Krisendunst