West-Island im Winter Der Sound von Eis und Stein

Wasserfälle, Thermalquellen und kauzige Künstler - all das ist typisch Island. In der Region um Húsafell findet man all das auf kleinstem Raum. Außerdem: den längsten künstlichen Eistunnel der Welt.

Visit West Iceland

Ein Birkenhain, ein paar Sommerhäuschen, ein Institut zur Erforschung von Polarlichtern: Auf den ersten Blick wirkt der kleine Weiler Húsafell in West-Island, in dem permanent gerade mal fünf Familien leben, ziemlich unscheinbar. Bis man seinen bekanntesten Einwohner kennenlernt, einen hageren Mann in Gummistiefeln, Islandpulli und Wollmütze, der direkt neben der Kirche wohnt. "Kommen Sie", sagt Páll Guðmundsson mit scheuem, aber freundlichem Blick, "hier ist meine Kunst."

Der 56-Jährige malt mit Öl und Kohle, er zeichnet und druckt, ist Bildhauer und Musiker. Was er für seine Kunst braucht, findet er überwiegend in seiner Umgebung: Steine, Hölzer, vereistes Lavagestein. Berühmt gemacht haben ihn jedoch seine "Steinharfen", meterlange, an Xylofone erinnernde Instrumente aus Fundstücken der Natur, denen er nicht nur vereinzelte Töne entlockt, sondern ganze isländische Volkslieder oder ein Präludium von Bach.

Alexandra Frank
Die Musik hat schon der Dalai Lama zu hören bekommen, als er Island besuchte, und die Sängerin Björk. Mit der Musikband Sigur Rós war der Künstler sogar auf Auslandstournee. "Aber hier fühle ich mich am wohlsten", sagt Guðmundsson und schaut aus dem Fenster. "Das ist mein Zuhause, hier finde ich Inspiration und Ruhe."

In den Sommermonaten jedoch geht es in Húsafell weniger beschaulich zu: Rund hundert Arbeitskräfte werden dann für den Tourismus gebraucht, immer mehr Island-Besucher zieht es in den Ort, der in rund anderthalb Autostunden von Reykjavik erreichbar ist. Jüngst wurde die Region West-Island, zu der auch die Halbinsel Snæfellsnes und der fünf Kilometer lange Fjord Borgarfjörður bei Borganes gehören, von der Reiseführer-Reihe "Lonely Planet" zu einer der "Top-Ten-Regionen 2016" gekürt.

Vehikel aus Raketenträger und Buskabine

Ganz in der Nähe von Húsafell stürzen auf einer Länge von rund 700 Metern die Wasserfälle Hraunfossar über schwarzes Lavagestein hinab, dazu gibt es erloschene Vulkane, die brodelnde Thermalquelle Deildartunguhver und die gigantische Surtshellir-Lavahöhle rund 20 Minuten Autofahrt nördlich. Östlich erhebt sich der Langjökull, eine 925 Quadratkilometer große Eiskappe, der zweitgrößte Gletscher des Inselstaats.

Auf dem Langjökull ruhen die Hoffnungen von Unnar Bergþórsson, auch im Winter Touristen für einen Besuch der Region begeistern zu können. Der 29-Jährige mit zurückgegeltem, dunklem Haar und einer schwarz umrandeten Brille ist Manager des Hotels Húsafell, der ersten Rund-ums-Jahr-Unterkunft vor Ort, mit modernem Design und guter Küche. Er ist weitaus weniger wortkarg als sein Großcousin, der Künstler Guðmundsson - doch genauso wie er tief mit der Gegend verwurzelt. Man könnte sagen, dass Guðmundsson für die traditionelle Seite des Ortes steht, während sich Bergþórsson mehr für die Zukunft interessiert.

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Seine Großeltern waren die Ersten, die vor rund 50 Jahren versuchten, den Tourismus rund um Húsafell zu etablieren. Und vor etwa 20 Jahren grub sein Opa eine Eishöhle in den Fuß des Gletschers, um damit Besucher anzulocken. Der Versuch scheiterte. Weil sich das Eis im unteren Teil des Gletschers zu schnell bewegte, wurde die Höhle bald zermalmt.

"Jetzt gibt es eine neue Eishöhle", sagt Bergþórsson. Sie wurde im Juni 2015 eröffnet, etwa zeitgleich mit dem neuen Hotel. Vier Jahre lang hatten Ingenieure, Geologen, Architekten und Glaziologen geplant und im Eis gegraben. Diesmal weiter oben, etwa 25 Meter unter der Gletscherdecke, um nicht der Zerstörungskraft des gleitenden Kolosses ausgesetzt zu sein. "Mit 500 Metern Länge ist dies der größte künstliche Gletschertunnel der Welt", sagt Bergþórsson.

Wenn es das Wetter zulässt, gibt es täglich bis zu drei Touren, auch an diesem Tag. Gunnar Magnússon und Guttormur Þórarinsson - genannt Gunni und Gutti - , zwei hagere Männer Ende 50, warten vor der Tür des Hotels auf ihre Gäste. Hinter ihnen brummt der Motor eines Fahrzeugs, das wie eine Kreuzung zwischen einem Jeep und einem Bus in XXL-Größe aussieht. Eine eigene Konstruktion, erklärt Gunni, das aus einem ausrangierten Raketenträger der Nato und einer Buskabine besteht.

Gletscherschichten als Wetterhistorie

Fast 40 Minuten ruckelt das Fahrzeug durch verschneite Landschaft, schwankend wie auf hoher See. Vorbei an schroffen Bergen, zugefrorenen Flüssen und steinigen Feldern mit vergilbten Grasbüscheln, die wie Haarschöpfe aus der Schneedecke herausschauen. Dann erreicht es den Gletscher und dringt vor in eine Welt, die nur noch aus Weiß zu bestehen scheint. Bis zum Eingang in 1260 Meter Höhe, mitten in der Schneewüste.

Minus zehn Grad kalt ist es oben auf dem Gletscher, der Wind pfeift. Im Eistunnel liegt die Temperatur ziemlich konstant bei null Grad. Schritt für Schritt geht es langsam bergab, immer dem Führer hinterher. Beim Bau der Höhle wurden LED-Lampen hinter der äußeren Eisschicht angebracht, die Wände des Tunnels schimmern bläulich-weiß.

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Vorsichtig fährt Gunni mit seinem Handschuh über die Wand, feine Streifen sind zu sehen. "Die Schichten eines Gletschers kann man lesen wie die Ringe eines Baums", erklärt er, seine Stimme hallt ein wenig. Man kann erkennen, wann es viel geregnet und wann es eher geschneit hat, wie lange die Tauphasen anhielten und ob es zu plötzlichen Temperaturabfällen kam. Weiße Streifen bestehen aus Schnee, der auf den Gletscher fiel. Bläulich schimmernde Linien sind Wasseradern, die unter großem Druck gefroren sind.

Tiefer im Gletscher verbreitert sich der Tunnel zuweilen zu größeren Räumen, zu kappellenartigen Einbuchtungen und verzweigt sich schließlich zu einem Rundgang. Dann tut sich eine Höhle in der Höhle auf: eine Spalte, schön und groß wie eine Kathedrale mit glitzernden Kristallen, schimmernden Eisstangen und langen, gefrorenen Tropfen, die wie Stalaktiten von der Decke hängen. "Ein Zufallsfund beim Bau des Tunnels", sagt Gunni.

Kurz bevor es zurückgeht, zieht er seine Gruppe in einen Raum, der vom Tunnel abgeht. Bänke aus Eiswürfeln und Holzbrettern an beiden Seiten, weiter vorne dient ein Eisklotz als Altar. Gunni schreitet nach vorne, holt tief Luft und stimmt ein Volkslied an, seine Stimme tönt klar und laut.

Hier in der Kapelle, 45 Meter tief unter der Gletscheroberfläche, könnte man sich auch gut Páll Guðmundsson vorstellen, wie er auf einer seiner Steinharfen in das Lied einstimmt.

Alexandra Frank ist als freie Autorin für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt von Promote Island, West-Island und Air Berlin.

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