Im Herzen Taiwans Wo die Sonne den Mond trifft

Liebe hat in Taiwan einen Ort: den Sonne-Mond-See. Mitten in der chinesischen Republik liegt das romantische Gewässer. An seinen Ufern stammeln Verliebte Liebesschwüre und das Orakel gibt Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens.


Lugang - Händchen haltend stehen Pärchen am Ufer und schauen aufs spiegelnde Wasser, im Schimmer der untergehenden Sonne flüstern Männer Heiratsanträge: Zum "Sonne-Mond-See" zieht es die Verliebten und frisch Vermählten. Jedes zehnte Hochzeitspaar fährt zu diesem Ort, dessen Form im Norden dem chinesischen Schriftzeichen für Sonne ähnelt und im Süden dem Zeichen für den Mond. Doch nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg dorthin ist eine Reise wert.

Taiwan ist nicht übermäßig groß: Die Insel mit rund 23 Millionen Einwohnern passt locker in die Fläche der Schweiz. Von der Nordspitze nach Süden sind es knapp 380 Kilometer, vom dicht besiedelten Westen zum Osten 144 Kilometer. Für Reisende hat das große Vorteile: Sie können die Insel in wenigen Tagen per Auto kennen lernen. Schilder in englischer Sprache an den Highways weisen den Weg. Wer selbst kein Auto lenken möchte, kann alternativ auf Busse oder Züge umsteigen. Anfang 2007 wurde der Hochgeschwindigkeitszug Taiwan High Speed Rail (THSR) eröffnet, der Norden und Süden in nur 90 Minuten verbindet.

Von der hektischen Hauptstadt Taipeh im Norden sind es nur wenige Stunden Fahrt ins spärlich besiedelte Bergland zum "Sonne-Mond-See". Die Strecke führt über Taichung und Nantou - vorbei an Reisfeldern und Bananenplantagen. Grund zur Eile gibt es nicht und so bleibt Zeit für Zwischenstopps - zum Beispiel am "Wu Wei Culture Tea House" in Taichung, das seinen Besuchern Ruhe und Entspannung bieten will.

Taichung: Schnuppern am Grünen Tee

Das zweistöckige Teehaus aus dunklem Holz wurde im traditionellen Stil rund um einen kleinen See errichtet. Eine überdachte Terrasse ragt über das Wasser, in dem sich knallrote und gelbe Koi tummeln. Von den offenen Räumen aus können Besucher auf den See blicken. "Wir glauben, dass eine angenehme Atmosphäre für wahren Teegenuss wichtig ist", sagt Chun Chun Lin, die das heiße Getränk serviert.

Sie bringt ein großes Holztablett heran, mit Kännchen, schmalen hohen Tassen und kleinen Schälchen. Auf einem am Boden stehenden Ofen kocht Wasser. Chun Chun Lin wärmt die Kannen vor, dann gießt sie heißes Wasser in ein Kännchen, von dort in die Kanne mit grünem Tee, lässt ihn kurz ziehen und schenkt in die hohen Gefäße ein - an ihnen wird nur geschnuppert. Erst dann kommt der Tee in die flachen Schälchen und wird langsam getrunken, während der nächste Aufguss schon zieht. Bis zu sieben Mal wird diese Prozedur wiederholt - und der Besucher erfährt, dass guter, handgepflückter Tee nur aus zwei Blättern und einer Art Knospe besteht, und dass Winter- besser als Frühlingstee schmeckt.

Lugang: Lampen aus Bambus und Seidenpapier

Einen Abstecher von Taichung aus wert ist die ehemalige Hafenstadt Lugang. Zwar ist der Hafen seit mehr als 100 Jahren geschlossen, dafür ist die Stadt berühmt für ihre vielen Handwerker. In kleinen Hinterhof-Werkstätten schnitzen sie Buddha-Statuen oder zimmern Möbel. Der berühmteste von ihnen ist Wu Duen-How, der altehrwürdige Meister traditioneller Laternen. Mehr als 80 Jahre ist er alt, seit 60 Jahren baut und bemalt er Laternen. Aufhören möchte er damit nicht, noch sind zu viele Bilder in seinem Kopf, sagt Wu. Präsidenten haben ihn schon besucht, seine Laternen zieren selbst Briefmarken.

Meister Wus Laden ist kaum zu verfehlen: Runde leuchtend rote Lampions und längliche mit Drachen und Vögeln bemalte Laternen hängen vor dem kleinen Geschäft, in dem jeder Winkel Ausstellungsfläche ist. Sie alle sind von Hand aus Bambus geflochten, mit Seidenpapier oder Stoff bezogen und anschließend bemalt. Zwei bis drei Tage braucht Meister Wu für eine große Laterne - jeder Handgriff ist ihm vertraut.

Seine fünf Söhne beherrschen nur einzelne Arbeitsschritte und reichen die Lampions von einem zum nächsten weiter. Früher wurden die Laternen zur Beleuchtung von Haus und Garten benutzt, heute hängen sie vor allem in Tempeln oder dienen als Dekoration für Feiern.

Auf dem Weg von Lugang zum "Sonne-Mond-See" wird die Landschaft hügeliger. Wälder mit meterhohen Bambussträuchern ziehen vorbei. Der See ist auf 748 Metern Höhe gelegen, umgeben von grünen Berghängen. Besonders schön sind die frühen Morgenstunden, wenn sich die Berge schemenhaft vom Himmel abzeichnen und nur vereinzelte Boote geräuschlos über das Wasser gleiten. Tagsüber legen die Ausflugsboote gleich in Gruppen an der kleinen Insel - Lalu Island - in der Mitte des Sees an. Sie war ursprünglich ein heiliger Ort der Ureinwohner.

Heute führt ein kleiner Steg an ihr entlang. Die Insel trennt den kaum besiedelten Teil des Sees im Süden - den Mond - vom nördlichen, der Sonne. Ein Wanderweg führt am dicht bewachsenen Ufer entlang.

Jeder Glockenschlag ein Wunsch

Bevor eine Straße um den See gebaut wurde, legten Schiffe am Fuß des Wenwu-Tempels am nördlichen Ufer des Sees an. Von dort mussten die Besucher 360 Stufen hinauf steigen - sie symbolisieren ein Jahr harte Arbeit. Noch heute ist jede Stufe einem Tag zugeordnet, darauf eingraviert sind die Geburtstage prominenter Persönlichkeiten. Der Tempel selbst ist ein Symbol religiöser Toleranz: Hier findet sich neben schamanischen Kriegsgöttern auch ein Standbild von Konfuzius. Gläubige werfen nach taoistischem Brauch Orakelhölzchen, um Antworten auf wichtige Fragen zu bekommen.

Mit ihren Wünschen fahren Besucher hingegen zur Tsen-Pagode am Berg Shapalan. Sie wurde Chiang Kai-shek, dem früheren Präsidenten Taiwans, in Erinnerung an seine Mutter errichtet. Ein knapp ein Kilometer langer Weg führt vom See durch den dichten Wald. Die Pagode steht auf einem freien, mit weißen Kieseln ausgelegtem Platz - sie sollen Schnee symbolisieren. Eine Wendeltreppe führt hoch zur Aussichtsplattform und der gewaltigen Glocke. Wird sie geschlagen, geht ein Wunsch in Erfüllung, heißt es.

Der Blick über den "Sonne-Mond-See" ist berauschend - besonders am Abend, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt. Innerhalb weniger Minuten wird es dunkel - die Konturen der Berge verschwimmen. Und während die meisten Besucher den Rückweg antreten, bleiben einzelne Paare stehen, eng umschlungen und tief versunken in ihre Zweisamkeit.

Von Carina Frey, gms



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