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Familientrip nach Rajasthan: Wahnsinn auf Reisen

Aus Jaipur berichtet Ulrike Putz

Geschafft! Zug erwischt. Doch irgendetwas fehlt am Bahnhof von Neu-Delhi: das Gepäck für Eltern und zwei Kinder. Da hilft nur Improvisation, damit der Wochenendausflug ins prachtvolle Rajasthan noch ein Erfolg wird.

Mit Kindern nach Rajasthan: Glitzernde Paläste, stachelige Rüssel Fotos
Raj Palace Hotel

Der Trip ist eigentlich gut vorbereitet: Die Bahntickets Klasse eins a für die viereinhalb Stunden lange Fahrt von Neu-Delhi nach Jaipur haben wir Wochen vorher online gekauft. Das Zimmer in einem zum Boutique-Hotel umgebauten Maharadscha-Palast ist zum Schnäppchenpreis gebucht und schon bezahlt.

Doch als wir an einem Freitag um 6.30 Uhr vor dem Bahnhof Delhi-Cantonment aus dem schwarzgelben Taxi klettern, schauen wir uns, jeder ein Kind auf dem Arm, verblüfft an: In der Hektik, noch vor dem Morgengrauen aus dem Haus zu kommen, um den Rajasthan Express zu erreichen, haben wir die beiden Koffer für das lange Wochenende zu Hause stehen lassen.

Ein paar Sekunden stehen wir ratlos da. Es regnet. Die Kinder maulen. Hunderte Menschen schieben sich an uns vorbei Richtung Bahnsteig. Mitten im Getümmel liegen Reisende schlafend auf dem Fußboden. Die allgegenwärtigen Straßenhunde wühlen im ebenfalls allgegenwärtigen Müll.

Zeit, nach Hause zurückzufahren, bleibt nicht, und einfach in den nächsten Zug steigen, geht nicht: 30 Millionen Inder nehmen täglich die Bahn, die Züge sind so ausgelastet, dass es sogar für Dritte-Klasse-Karten Wartelisten gibt. Spontan reisen ist ausgeschlossen.

Was also tun? Wir machen es vom Bahnhofskiosk abhängig. "Pampers?" "Yes, Madam!" Damit ist die Sache entschieden. Von der vom Verkäufer empfohlenen Lektüre - Adolf Hitlers "Mein Kampf", was sich in Indien seltsamer Beliebtheit erfreut - nehmen wir Abstand, kaufen stattdessen Kekse und Wasser. Dann fährt auch schon der Zug ein.

Gefundenes Fressen für Kleinkinder

Wer mit kleinen Kindern - unsere sind eineinhalb und drei Jahre alt - in Indien reisen will, muss sich auf einiges gefasst machen. Für unsere Jüngste, die noch in der Phase ist, in der Kleinkinder alles in den Mund schieben, bietet selbst unser Abteil in der besten aller Klassen ein buchstäblich gefundenes Fressen.

In den Polsterritzen und auf dem Boden findet sie reichlich Essensreste, die sie schneller im Mund hat, als wir sie ihr entreißen können. Erste Lektion: Eltern, die sich leicht ekeln, werden in Indien wenig Spaß haben.

Wer es jedoch schafft, sich zu entspannen, den umgarnt Indien auf einem Trip nach Jaipur aufs Charmanteste: Bald spielen unsere Kinder mit dem Nachwuchs einer indischen Familie. Kekse werden gegen Samosas getauscht. Dass viele Inder Englisch sprechen, hilft bei der Kontaktaufnahme. An Gesprächsthemen mangelt es mit Kindern ja nie: Wann gehen eure ins Bett? Und wie viel kostet eigentlich ein indischer Kindergarten?

Draußen zieht ländliche Idylle wie aus einer anderen Zeit vorbei: Die Ernte steht an, auf Senf- und Weizenfeldern schwingen Bauern ihre Sensen. Im Schatten von Lehmhütten lagern Kühe, scharren Hühner, langsam tauchen die ersten Ausläufer des Aravali-Gebirges am Horizont auf.

Man bekommt allerdings auch jede Menge blanker Hintern zwischen Delhi und Jaipur zu sehen: Mehr Inder haben ein Handy als Zugang zu einer Toilette. Weshalb ein Gutteil der Nation sein Geschäft am Bahndamm verrichtet.

Märchenschloss in indischem Barock

Rajasthan heißt "Land der Könige", und das aus gutem Grund. 17 Fürstentümer schlossen sich 1947, anlässlich der Unabhängigkeit Indiens, zum heutigen Bundesstaat zusammen. Viele der prächtigen Paläste, in denen einst die Feudalherren residierten, sind von deren Nachfahren in Hotels umgewandelt worden.

Für den Preis eines besseren deutschen Bahnhofshotels kann man hier fürstlich logieren - und wenn man mit Kindern unterwegs ist, sollte man das, wenn irgend möglich, auch tun. Denn die ganze Aufregung und die auch im Frühjahr schon an 40 Grad grenzende Hitze macht kleine Menschen schnell müde. Dann ist es ein großes Glück, wenn man sich in Gärten und schattige Innenhöfe zurückziehen kann.

Das Raj Palace Hotel, gerade außerhalb eines der historischen Stadttore Jaipurs gelegen, ist so eine Oase. 1727 vom damaligen Maharadscha gebaut, ist es heute ein Märchenschloss von Hotel mit 38 Zimmern. Das Dekor könnte man indisches Barock nennen: In den gewienerten Marmorböden spiegeln sich Zinnen und Türmchen, die Zierbrunnen quellen über vor Rosen und Butterblumen. Das Mobiliar ist dasselbe, mit dem schon der alte Maharadscha lebte.

Palasthotels in Indien bieten für Normalsterbliche üblicherweise unerschwinglichen Luxus hautnah. Das Ganze fühlt sich an, als habe jemand beim Besuch in Versailles die Absperrkordel abgehängt: Wir frühstücken im Speisesaal des Maharadscha von seinem Geschirr im Glanz seines gewaltigen Kronleuchters.

Wobei die frisch geschnittenen Mangos und Ananas auf der silbernen Anrichte des Fürsten kredenzt werden. Dessen Reichtum zeigt sich noch im Detail: Das Shampoo, mit dem ich allabendlich die einzige Garnitur Kleider der Familie durchwasche, steht in einer dickwandigen Kristallflasche aus alten Beständen im Badezimmer.

Kuscheln mit Elefanten

Tagsüber streifen wir über die Märkte von Jaipur, kaufen mehr Windeln und Badeanzüge für den Hotelpool. Die pinkfarben gestrichene Altstadt präsentiert sich dabei als lebendig gewordenes Wimmelbuch, in dem die Kinder Dinge entdecken, die sie sonst nur aus ihren Bilderbüchern kennen: Da sind Kamele, die sich von ihren Reitern getrieben durch den Verkehr schieben! Männer mit pfundschweren Turbanen, die sich auf ihrer Rikscha abstrampeln! Frauen in knallbunten Saris und - für kleine Mädchen besonders faszinierend - Glitzerarmreifen bis zum Ellenbogen!

Absoluter Höhepunkt jedoch ist ein morgendlicher Ausflug zum zehn Kilometer nördlich der Stadt gelegenen Amber Fort. Dort stehen wir plötzlich zwischen Dutzenden Elefanten: Der Ritt auf einem der Dickhäuter den Burgberg hinauf ist die Attraktion der Bergfestung.

Und während die Elefanten unten auf ihre nächste Fuhre warten, kann man ihnen hautnah kommen, darf die dicke Elefantenhaut mit ihren Borstenhaaren anfassen: Schwer zu sagen, wer dabei mehr Spaß hat, die Kinder oder die Eltern.

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1. ...
sponnerd 08.05.2014
Zitat von sysopRaj Palace HotelGeschafft! Zug erwischt. Doch irgendetwas fehlt am Bahnhof von Neu-Delhi: das Gepäck für Eltern und zwei Kinder. Da hilft nur Improvisation, damit der Wochenendausflug ins prachtvolle Rajasthan noch ein Erfolg wird. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/indien-familienreise-mit-kindern-nach-rajasthan-a-967846.html
Nette Geschichte, aber wie verpeilt muss man sein, wenn man für eine Reise mit 2 Kleinkindern das Gepäck vergisst und dies erst am Bahnhof bemerkt?
2. Und nun wieder zufrieden in Deutschland??
papayu 08.05.2014
WENN EINER EINE REISE TUT, DANN KANN ER WAS ERZAEHLEN! So war es frueher, denn da war es noch ein Abenteuer. Wieviel waren damals mit Goethe unterwegs in Italien? Und heute fahren sie auf Luxusdampfern so um die 4000 oder noch mehr, kaufen dann schnell mal eine Plastikgondel fuer den Buecher- und sonst. Schrank. Jeder ist jetzt ein Columbus, ein Sven Hedin oder gar Thor Haierdal, ein Nansen,ein Scott usw. und mit ihm Tausende, die nichts hinterlassen als jeden Haufen Plastikmuell, manchmal sogar mit etwas Angebissenen. Da schalt ich hier utube an und schaue mir das Alles aus dem Sessel an, order dann den Eiffelturm oder den schiefen Turm beim A bis Z Versand. Machen Sies einfach nach. Machen Sie Urlaub in der naeheren Umgebung und hinterher protzen Sie!!! Kaufen Sie besser ein Auto, Made in Germany, dann bleibt Ihr Geld im Lande und sichert Arbeitsplaetze!!
3. optional
fhcvn 08.05.2014
...toller Bericht! Allerdings für die meisten Deutsche ein wenig attraktives Urlaubsland: zu ineffizient, dreckig & chaotisch. Für die paar "Undeutschen" allerdings eine klasse Abwechslung zum durchorganisierten, sauberen und mit Regeln klar definierten Alltag hier in Deutschland. Und die Reaktion der Eltern, nachdem sie das Vergessen der Koffer bemerkt hatten, zeigt, dass sie prima auf Indien eingestellt sind: Nur mit Improvisation kommt man hier weiter! Respekt!
4. Nicht nur die Palasthotels sind interessant zum Übernachten...
Steppke_R 08.05.2014
... sondern auch die sogenannten "Havelis": Das sind oft prächtig ausgestaltete Wohnhäuser wohlhabender Händler im Nordwesten Indiens. Diese finden sich oft entlang alter Karavanen-Handelsrouten. Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen verlagerten sich diese Handelswege und auch die Händler verlegten ihre Aktivitäten oft nach Mumbai etc. Einige erhalten ihre Havelis als alte Familiensitze und wandeln sie auch ab und zu in Hotels um, andere Havelis werden verlassen und verfallen. Besonders viele Havelis gibt es übrigens in der Shekhawati-Region, eine Gegend, die durch den Handel einst reich war, heute aber eher ärmlich ist - nichtsdestoweniger eine Reise oder einen Abstecher Wert. Auf jeden Fall bieten Havelis eine interessante und vor allem individuelle Übernachtungsmöglichkeit.
5. das gleiche Bild wie immer...
shivavalley 08.05.2014
bei uns Deutschen... Wie immer wird nicht auf den Artikel an sich eingegangen und vielleicht mal konstruktiv dazu beigetragen um positiv ins Thema einzusteigen. Nein, das was wir am besten können, sieht man bei den Vorschreibern, geht gleich wieder los. Nämlich meckern, lästern und Bedenken äußern !!! Gäähn... Ich bin deshalb schon wieder ausgestiegen bevor ich überhaupt einsteige.... Viel Spaß bei der Diskussion mit den allwissenden labernden Sofafeldherren die blitzschnell die Welt erklären können. Zumindestens solange sie nicht vom gemütlichen Sofa runtermüssen. Grüße von einer Motorradreise von Deutschland nach Australien aus dem tiefsten Kerala / Südindien
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