Orang-Utans auf Sumatra High five, Jacky!

Das Privileg, Orang-Utans aus nächster Nähe zu beobachten, musste Mona Contzen sich erarbeiten. Doch die anstrengende Klettertour durch Sumatras feuchten Dschungel bescherte ihr eine unvergessliche Begegnung.

Mona Contzen / SRT

Jackys Hände sind rau und kratzig. Ihre klugen braunen Augen beobachten aufmerksam die Umgebung, die langen Finger halten einen dünnen Baum sicherheitshalber fest umklammert, während die andere Hand sanft nach den fremden Besuchern greift. Die flüchtige Berührung fühlt sich fast an wie ein kleines Wunder.

Der Sumatra-Orang-Utan gilt als vom Aussterben bedroht. Jacky ist eine der Letzten ihrer Art. Seit einer Stunde schon stolpern wir über Steine, rutschen matschige Pfade hinunter, kämpfen uns durch unwegsames Dickicht. Die schweißnassen T-Shirts kleben am Rücken.

"Jetzt haben wir den Dschungel fast erreicht", verkündet Sinar Sipayung fröhlich. Kaum vorstellbar, dass dieses Wirrwarr aus Schlingpflanzen, Farnen und Bäumen noch dichter, das Gewimmel aus riesigen Waldameisen und Mücken noch größer werden könnte.

Aber Sinar kennt sich aus: Seit zehn Jahren schon ist er als Guide täglich im Gunung-Leuser-Nationalpark unterwegs, einem der letzten Rückzugsorte der Orang-Utans auf der indonesischen Insel Sumatra. "Hunde und Katzen mochte ich nie besonders", erzählt Sinar, "aber ich liebe Orang-Utans, sie sind so unglaublich menschlich."

Patriarch, Rowdy, Teenager, Kleinkind - wie Menschen

Da ist zum Beispiel der massige Patriarch, der sich behäbig an einen Baumstamm kuschelt, als wäre es sein Wohnzimmersessel - ein respekteinflößendes Männchen, von dem man besser Abstand hält. Oder der Teenager, der betont gelangweilt den Kopf in die Hand stützt und uns trotzdem von seinem Ast mit wachen Augen beobachtet.

Der Rowdy, der sich so lange aufspielt, sich groß macht und die Brust rausstreckt, bis die hilflosen Guides ihm ein Stück Melone überlassen. Das süße Kind mit den wirr abstehenden flauschigen Haaren, das der Mutter eine Banane klaut und sich für diese Frechheit gleich eine fängt.

Jeder Einzelne der Affen hat eine eigene Persönlichkeit. Und es sind die Augen, die diese Tiere so unglaublich vertraut erscheinen lassen: Wenn sich die Blicke treffen, ganz ohne Gitterstäbe, Elektrozäune oder Safari-Jeeps, scheinen sich Mensch und Tier tatsächlich zu verstehen - zumindest für diesen einen kurzen Moment, in großer Ruhe und tiefer Verbundenheit.

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Sumatra: Zu Gast bei den roten Menschenaffen

Sinar führt uns immer weiter in den dichten feuchten Wald hinein. Wir klettern an Wurzeln senkrechte Abhänge hinunter, ziehen uns schnaufend an Lianen die Berge hinauf. Das Privileg, die Orang-Utans aus nächster Nähe betrachten zu dürfen, müssen wir uns hart erarbeiten. Zum Glück ist Sinar ein wahrer Affenflüsterer, spricht gleich mehrere Sprachen fließend - mal klingt es wie ein kehliges Grunzen, mal wie ein schmatzender Kuss, wenn er Orang-Utans, Weißhandgibbons oder Paviane ruft.

Früher hat Sinar im Rehabilitationszentrum von Bukit Lawang gearbeitet, das bis zu seiner Schließung 1995 verwaiste oder als Haustiere gehaltene Orang-Utans aufpäppelte und in den Nationalparks auswilderte. Inzwischen sind die Auffang- und Pflege-, die Auswilderungs- und Forschungsstationen der Schweizer Stiftung PanEco in entlegenere Gebiete abgewandert.

Orang-Utans als Sexsklaven

Die Orang-Utans, die es nur auf Sumatra und Borneo gibt, brauchen nach wie vor dringend Hilfe: Obwohl sie schon seit mehr als 60 Jahren unter Schutz stehen, landen noch immer Tiere auf dem Schwarzmarkt. Manche von ihnen werden in Kleidchen gezwängt und wie Puppen behandelt, andere sogar als Sexsklaven missbraucht. Und um Platz zu schaffen für ausgedehnte Palmölplantagen, wird der Regenwald im Rekordtempo gerodet.

Der Lebensraum der Orang-Utans verbrennt. Durch die Zerstörung der Natur - seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat Sumatra 80 Prozent seines Regenwaldes verloren - ging die Orang-Utan-Population dramatisch zurück. Auf der Insel gibt es heute nur noch etwa 14.000 Tiere, die Population der Borneo-Orang-Utans wird immerhin noch auf 54.000 geschätzt. Erst vor Kurzem wurde im Norden Sumatras eine dritte Orang-Utan-Art identifiziert: der Tapanuli-Orang-Utan.

Jacky ist ein Opfer der Menschen. Sinar kennt das Affenweibchen noch von früher. "Sie hat immer geweint, wenn ich sie in den Dschungel gebracht habe und sie nicht tragen wollte", erzählt er und lächelt. Bei den täglichen Ausflügen vom Orang-Utan-Zentrum in den Urwald hat Sinar ihr das Klettern, die Nahrungssuche, den Nestbau beigebracht. Er war Jackys Lehrer, Freund, letztlich ihr Befreier.

Indonesien Reiseinfos kompakt
Anreise
Ab Frankfurt zum Beispiel mit Singapore Airlines über Singapur nach Medan.
Ab München mit Qatar Airways über Doha nach Jakarta, weiter per Inlandsflug.
Unterkunft
Die Stiftung PanEco setzt sich für das Überleben der Orang-Utans und den Schutz des Regenwaldes auf Sumatra ein. Ihre Eco-Lodge in Bukit Lawang fördert einen nachhaltigen Tourismus und bietet Orang-Utan-Trekking im Gunung Leuser Nationalpark an.
Kontakt

Als wir Jacky und ein halbes Dutzend ihrer Artgenossen nach Stunden im Regenwald treffen, ist das verliebte Grinsen längst in unseren Gesichtern festgewachsen. Die Zikaden zirpen, der Fluss rauscht, die Zeit scheint stillzustehen. Der Waldmensch, so die wörtliche Übersetzung von Orang-Utan, wirft noch einen letzten Blick zurück über die Schulter.

Dann schwingt sich Jacky wieder hinauf in die Baumkronen, ganz gemächlich, fast wie in Zeitlupe. Noch lange fängt ihr orangebraunes Fell die Sonnenstrahlen ein und leuchtet durch das Dickicht.

Mona Contzen, srt

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
fördeanwohner 03.12.2017
1. -
Gar nicht oft genug können Sie solche Beiträge veröffentlichen! Orang-Utans, die uns so ähnlich und doch viel liebenswürdiger sind als wir, sprechen uns an. Wenn vielen Menschen die Felder in ihrer näheren Umgebung egal sind, dann fangen sie vielleicht bei solchen Beiträgen mal an, nachzudenken.
spon-facebook-10000294691 03.12.2017
2. klasse - auch den letzten Rückzugsport für Touristen öffnen
Wenn es doch offensichtlich kaum noch Rückzugsorte für die Affen gibt, warum muss man dann Touristen hier hin führen? Wo bleibt da das Verantwortungsgefühl der Autorin? Kommt mir vor wie das Schwimmen mit eingesperrten Delfinen - die armen Tiere - aber sie ist ja ne Ausnahme und so sensibel - sie darf das - wenn es dann "alle" machen, schreibt sie dann wieder einen Artikel und verdammt den Kommerz mit den Affen.
social_d 03.12.2017
3. Absolut faszinierend
Ich habe vor fünf Jahren ebenfalls diese Tour gemacht und es war ein absolut überwältigendes Grfühl diese faszinierenden Tiere aus nächster Nähe beobachten zu können. Dafür habe ich den dreitägigen Muskelkater gerne in Kauf genommen. Auf dem Rückflug konnte man dann, so weit das Auge reichte, Palmölplantagen sehen und ahnen, wie groß dieser Regenwald einmal gewesen sein muss. Ich kann nur hoffen dass der übriggebliebene Lebensraum der Waldmenschen vor der Profitgier der Menschen gerettet werden kann.
login37 03.12.2017
4. Massentourismus pur
Das was hier so idyllisch als Natur-Trekking-Tour beschrieben wird, ist längst Massentourismus pur. In und um Bukit Lawang gibt es 30-50 Unterkünfte (Hotels, B&Bs, Hostels). Sie alle existieren nur, weil sie ein- bis mehrtägige Touren zu den Affen organisieren. In der Hauptsaison stürmen hunderte Menschen auf den selben Pfaden den Dschungel. Die meisten Guides füttern die Affen mit Bananen und anderem Obst an, damit die Touris ein tolles Erlebnis haben und die Tiere ganz aus der Nähe sehen oder sogar anfassen können. Das konterkariert angebliche Auswilderungen. Einige Orang-Utans entwickeln sich so zu Problemtieren. Sie nehmen quasi Geiseln, plündern Rucksäcke der Touristen, fordern gewaltsam Obst ein. Weil die Tiere 3-5 mal so stark wie Menschen sind, ist das durchaus problematisch und gefährlich. Am Ende müssen die Tiere umgesiedelt oder erschossen werden. Natürlich ist es heute so, dass alles irgendwie Geld generieren muss. Wenn Affen/Tourismus kein Geld generieren, wird im Zweifelsfall der Dschungel gerodet und Palmöl-Plantagen ersetzt, wie man das auch auf Borneo in unfassbarem Ausmaß sehen kann. Aber Bukit Lawang ist ganz sicher kein Öko-Tourismus. Es gibt 1-2 Anbieter dort, die wirklich am Naturschutz interessiert sind, aber die tun sich teilweise schwer, weil sie ihren Gästen ohne Anfüttern etc. ja das schlechtere Erlebnis bieten.
larsi79 03.12.2017
5. Paviane auf Sumatra?
...da kann der Guide aber lange rufen. Zu Beitrag 2 muss ich sagen, dass ein sanfter Tourismus die wohl einzige Möglichkeit sein wird, die Orang Utans vor dem Aussterben zu bewahren. Denn wenn die Menschen - vor Ort aber auch anderswo - nicht den Wert dieser Geschöpfe erkennen, wird über kurz oder lang ganz Sumatra und Borneo dem Erdboden gleich gemacht für die Palmölindustrie. Wobei ich hier vor allem für die indonesischen Teile (Sumatra und Kalimantan) schwarz sehe. Von daher finde ich dieses pauschale Eindreschen auf den Tourismus sehr engstirnig gedacht. Was hochpreisiger Tourismus bewirken kann, sieht man am besten am Beispiel von Ruanda und seinen Berggorillas.
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