Indonesien Tanz auf dem Vulkan

In den Millionenstädten Indonesiens drängeln sich die Menschen bei tropischer Hitze. Doch auf den zahlreichen Vulkanen des Inselstaats wird die Luft kühl und dünn. Die Feuerberge sind für die Indonesier heilige Orte.


Bibbernde Gestalten, die gestern noch halbnackt am Strand von Java lagen, hüllen sich in dicke Jacken und trinken gierig bitteren indonesischen Kaffee, um den Schlaf zu vertreiben. Es ist drei Uhr morgens. In einer Stunde geht die Sonne auf über dem majestätischen Vulkan Gunung Bromo im Osten Javas - ein Erlebnis, das sich trotz der frostigen Temperaturen niemand entgehen lässt.

Der Gunung Bromo ist 2392 Meter hoch
GMS

Der Gunung Bromo ist 2392 Meter hoch

Der Gunung Bromo ist mit 2392 Metern längst nicht der höchste Vulkan Indonesiens, aber er ist einer der eindrucksvollsten, und er ist leicht zu besteigen. Sein Krater dehnt sich über zehn Kilometer aus - zehn Kilometer vegetationsloses Geröll, begrenzt von mächtigen, 350 Meter hohen Felswänden. In der Mitte des Kraters erhebt sich der eigentliche Vulkan. 246 Stufen führen hinauf. Allmorgendlich drängelt sich hier eine Handvoll europäischer Touristen zwischen mehreren hundert weit gereisten Indonesiern. Die Menschen stehen eng an eng auf dem schmalen Kraterrand und blicken hinab in die Tiefe, wo die Schwefelschwaden aufsteigen.

Indonesien ist das Land der Vulkane. Die Mehrheit aller Indonesier lebt und stirbt in Sichtweite eines Feuer speienden Berges. Etwa zehn Mal jährlich wird der Archipel von einer großen Eruption erschüttert, die allerdings nicht nur Zerstörung bringt. In einem weiten Umkreis um den Berg regnet die Asche nieder, die einige indonesische Landstriche zu den fruchtbarsten weltweit macht. Unzählige Legenden ranken sich um die gewaltigen Berge, die sowohl Tod als auch Leben bringen. Vielen Indonesiern gelten sie als Sitz der Götter.

Obwohl die Vulkane das Gesicht Indonesiens geprägt haben, scheinen sie auf den ersten Blick so gar nicht zu dem pazifischen Inselstaat zu passen: Die Gipfel der Berge sind Orte der Stille, die Luft ist dünn und angenehm kühl. Unten, am Fuß des Vulkans, wartet das andere Indonesien: tropisch-feuchtes Klima, hektische Millionenmetropolen, in denen die Luft knapp wird.

Indonesien ist ein widersprüchliches Land: Auf den Ruinen einer alten hinduistischen Kultur leben heute mehrheitlich Moslems, die einen eigenwilligen Spagat wagen zwischen traditionellen und modernen westlichen Werten: So gilt es unter wohlhabenden Indonesiern als chic, Kindergeburtstage in einem der zahlreichen McDonald's zu feiern. Doch gegessen wird dort dann nicht etwa ein Big Mac, sondern Huhn mit Reis, das indonesische Nationalgericht, das außer von Straßenhändlern an jeder Ecke auch von der amerikanischen Hamburger-Kette verkauft wird.

Der Gunung Merapi ist einer gefährlichsten Vulkane
GMS

Der Gunung Merapi ist einer gefährlichsten Vulkane

Über all dem wachen die Vulkane: Der Gunung Merapi etwa liegt so nah an der indonesischen Banyuwangi, dass ein Europäer, der - verbotenerweise - mit einem Flugdrachen vom Gipfel des Berges absprang, versehentlich auf dem Marktplatz von Banyuwangi gelandet sein soll. Kein Einheimischer besteigt den Berg, ohne zuvor die Zustimmung der Götter eingeholt zu haben. Auch Europäer benötigen eine Erlaubnis, um den Merapi zu erklettern.

GMS
In Abständen von etwa fünf bis sechs Jahren bricht der Vulkan aus - seit 1930 starben dabei rund 1500 Menschen. Der Merapi ist einer der gefährlichsten Vulkane weltweit. Doch gerade die hohe Aktivität des Vulkans ist es, die den Merapi zu einem Spektakel macht. Der Aufstieg dauert etwa fünf Stunden durch Blumen- und Himbeerfelder und durch neblige Schluchten. Wagemutige können vom Gipfel in den Krater hinabklettern, wo der Geschmack von Schwefel in der Kehle brennt. Ein unvergleichliches Spektakel bietet die nächtliche Besteigung des ausbrechenden Merapi: Rotglühende Lava und leuchtende Gaswolken steigen aus dem Inneren der Erde auf. Unverzichtbar ist bei einer Eruption ein erfahrener Führer.

Sascha Borree / gms



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.