Schildkröten auf Saadiyat Unter dem Schutz des Scheichs

Seit Urzeiten streben Schildkröten auf den schönsten Strand der Emirate: auf der Insel Saadiyat direkt vor der Hauptstadt Abu Dhabi. Arabella Willing aus Schottland passt auf sie auf - auf Wunsch von ziemlich weit oben.

Getty Images/ National Geographic Magazines

Von Helge Sobik


Wenn nur noch die Sterne leuchten, kommen sie an Land. Mit den Wellen schwappen sie auf den Strand und schleppen sich nun schwerfällig im Schutz der Nacht in Richtung Dünen. Es ist die Stätte ihrer eigenen Geburt. Von unsichtbaren Kräften gelenkt, kehren sie immer wieder hierher zurück. Ein Leben lang: an den schönsten Strand der Emirate.

Lange schon zählen die Karettschildkröten, die bis zu 75 Kilogramm schwer werden können, zu den bedrohten Arten. In den Dünen der Insel Saadiyat unmittelbar vor Abu-Dhabi-Stadt graben sie ihre Nester, legen ihre Eier ab, und 55 bis 65 Tage später schlüpfen ihre Nachkommen.

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Abu Dhabi: Die Schildkröten von Saadiyat

Sie tun es so heimlich wie möglich und warten im Wasser in Küstennähe, bis es möglichst finster ist - und still. Wie zu Anbeginn der Zeiten, als ihre Urahnen an derselben Stelle an Land gingen. Warm ist es auch mitten in der Nacht noch, leichter Wind sortiert regelmäßig die schneeweißen Sandkörner neu, knistert mit dem Halfagras der Dünen.

Und eine passt auf: Wie gut, dass all die Schildkröten auf Heimatbesuch Arabella Willing aus Schottland als Beschützerin auf ihrer Seite haben.

Erst hat sie als Meeresbiologin auf den Malediven gearbeitet, jetzt ist sie so etwas wie die "Schildkrötenmutter von Saadiyat". Sie steht auf der Gehaltsliste eines der Luxushotels dort und ist gleichwohl mit so vielen Vollmachten ausgestattet, dass sie auch für alle anderen Hotels entlang des neun Kilometer langen Bilderbuchstrandes weisungsbefugt ist.

Willing kann dazu auffordern, die Außenbeleuchtung zu dimmen oder auszuschalten, Strandbars zeitweilig zu schließen, Musikboxen auszustöpseln - im eigenen Haus ebenso wie bei der Konkurrenz. "Ich bin so etwas wie die Licht- und die Tonaufsicht", sagt sie. Und sogar Großbaustellen kann sie deshalb in Zusammenarbeit mit der Polizei über Nacht stilllegen lassen. Kein Krach, kein Flutlicht, einfach nur Stille und Dunkelheit. Damit die Schildkröten sich in Sicherheit wähnen und an Land trauen.

Die Kunst, Naturschutz und Bauboom unter einen Hut zu bringen

Das Glück der Schildkrötenschützer aus der Emirates Natural History Group um Willing ist, dass sie gewissermaßen als Patron ein Mitglied der Herrscherfamilie auf ihrer Seite haben. Scheich Nahyan bin Mubarak al-Nahyan ist so etwas wie Ehrenvorsitzender der Naturschützergruppe. Sein Name hat hier Gewicht. Und deswegen geschieht, was Arabella Willing sagt.

Zwar sind an der bis dato menschenleeren Küste von Saadiyat binnen der letzten zehn Jahre Hotels und Villen entstanden. Trotzdem sind die Auflagen streng. So ist der komplette Abschnitt zum Beispiel ausdrücklich nicht motorisiert. Jetski und Motorboote dürfen sich diesem Strand nur auf nicht mehr als zwei Kilometer nähern. Die Dünen dürfen nicht bebaut, abseits der Wege nicht betreten und nur auf wenigen angelegten Pfaden auf Holzplanken durchquert werden.

Hotels und Wohnhäuser gibt es erst hinter dem Dünengürtel - viel weiter weg vom Meeressaum als anderswo. Und draußen auf dem Wasser gibt es große Fischfang-Verbotszonen über Seegraswiesen, die ebenfalls unter Schutz gestellt wurden: weil dort im Golf die weltweit zweitgrößte Dugong-Population lebt, viele dieser ebenfalls bedrohten Seekuhfamilien grasen dort auf dem Meeresgrund.

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Leicht lässt sich derweil argumentieren, dass es den Schildkröten noch besser erginge, wäre an Saadiyats Küste gar nicht erst gebaut worden. Das ist sicher richtig und doch in dieser Weltgegend aussichtslos - und nicht nur hier. Der Bauboom greift nach allem, was schön ist und leer war. Er hat mit allem, was an Interessen dahintersteht, die weitaus größere Macht. Die Kunst ist deshalb, beides unter einen Hut zu bringen und dabei das Beste für die Natur herauszuholen.

Gemeinsam mit Ritesh Bhakta, Mohamed Abdelatty, Jeanette und Nick du Preez, all ihren anderen Mitstreitern jener bereits 1977 gegründeten Emirates Natural History Group hat Arabella Willing viel erreicht. Über hundert verletzte Schildkröten haben sie gerettet und ins Turtle Rehabilitation Center drüben in Dubai gebracht, weit mehr anderen den Bau der Nester und abermals weit mehr Jungtieren den Weg zurück ins Meer ermöglicht.

Frühmorgens am Strand

"In der Zeit der Eiablage laufe ich jeden Morgen um fünf Uhr vier Kilometer in die eine und vier in die andere Richtung am Strand entlang", erzählt Willing, "um anhand der frischen Spuren im Sand etwaige Nester sofort zu lokalisieren, zu markieren und noch am selben Vormittag mit dem Team einzuzäunen. Meistens finde ich an diesen Morgen am Strand mehr verlorene Sonnenbrillen als Nester". Sie lacht.

In manchen Jahren ist es bloß gut ein Dutzend, in anderen sind es 40 Gelege. Eine einzelne Schildkröte legt bis zu fünf Nester an, verteilt Hunderte Eier - und verschwindet noch vor Sonnenaufgang so still wieder in den Fluten, wie sie Stunden zuvor an Land gekommen war.

Zur Schlüpfzeit werden die Gelege beobachtet, um den vielen Kleinen den sicheren Weg zurück ins Meer zu ermöglichen. Der ist hier weit. "Einen Meter pro Minute legen sie zurück, von den Dünen bis zum Wasser sind es oft über hundert Meter. Mehr als anderthalb Stunden dauert es deshalb, bis die Mini-Schildkröten im Meer sind und davonschwimmen können." Ihre Feinde an Land sind vor allem Füchse, Schlangen, Raubvögel - und Menschen.

Ob ihr das Leben für die Schildkröten in die Wiege gelegt war? Sie lacht wieder und streicht sich eine Strähne aus der Stirn: "Nicht unbedingt, als Kind zu Hause in Schottland hatte ich ein Chamäleon als Haustier. Und einen Papagei!"

Was man so früh morgens am Strand noch so alles sieht? Gazellen zum Beispiel. Wo Wüste aufs Meer trifft, sind auch sie zu Hause. Und die Frühaufsteher unter den Urlaubern natürlich, die auch. Die ersten Jogger, die der Hitze des Tages zuvorkommen wollen. Und manchmal springen draußen vor der Küste die Delfine.

An vier Tagen pro Woche sitzen Freiwillige auf dem Flachdach eines Hotelrestaurants, haben mit Feldstechern das Meer im Blick und kartieren Seevögel - und Delfine. Ihr größtes Glück? "Jungtiere springen zu sehen!", sagt Mohamed Abdelatty, der eigentlich Fernsehjournalist ist und in seiner Freizeit an solchen Projekten mitarbeitet. "Denn das ist ein Beweis dafür, dass die Population gesund ist - und die Wasserqualität stimmt."

Wie schön das Meer hier eigentlich ist? Es steht dem Strand in nichts nach - und schillert in schönstem Türkisblau.

Insel Saadiyat in Abu Dhabi
Anreise
Flüge mit Etihad Airways bis zu zweimal täglich ab Düsseldorf, Frankfurt und München nach Abu Dhabi ab etwa 450 Euro.
Unterkunft auf Rab
Arabella Willing arbeitet für das Park Hyatt Hotel auf Saadiyat, Übernachtung je nach Reisezeit ab rund 287 Euro pro Doppelzimmer. Günstiger sind Hotels auf der über Brücken angebundenen Nachbarinsel Yas, zum Beispiel Übernachtung im Yas Island Rotana Hotel ab 84 Euro pro Doppelzimmer.
Weitere Infos
Schildkröten
Die Karettschildkröten von Saadiyat legen im April, Mai und Juni am Strand ihre Eier ab, von Juni bis August schlüpfen die Nachkommen. Am angenehmsten für einen Urlaub in den Emiraten ist es allerdings von November bis März.


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
MyMoon 13.12.2018
1. Positiv
Endlich mal eine Positive Nachricht aus dem nahen Osten.
Rickental 15.12.2018
2. Schöner Artikel
und ein wenig OT: Aus der Bilderserie: "Bei diesem Tier gilt eine Ausnahme, es wurde verletzt gefunden und gesund gepflegt." Es handelt sich nicht um eine "Ausnahme", sondern schlicht um eine Landschildkröte...
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