Anna Maria - Eine wackelige Angelegenheit ist es schon, dieses Stand-up Paddleboarding: Ein überdimensioniertes Surfbrett, zwei Meter lang etwa und einen knappen Meter breit, dazu ein Paddel mit langem Stiel - mehr braucht es nicht. Und natürlich ein Gewässer, über das das Board gleiten kann. Das Meer vor Anna Maria Island an der Golfküste Floridas ist dafür perfekt - wenn es ruhig ist und keine Wellen das Wasser aufpeitschen.
Wenn so wie an diesem Tag der Wind ordentlich bläst, hat Shawn Duytschaver eine gute Alternative: "Wir gehen auf die andere Seite der Insel in die Mangroven", sagt der sonnengebräunte Mann mit den Surfshorts, der Mütze und der Sonnenbrille, während er mit Kennerblick den Wind auf dem Pier prüft. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist er fast täglich auf dem Wasser unterwegs, verleiht und verkauft Kajaks und Boards.
Wer sich auf der geschützten Mangrovenseite am Grassy Point durch Matsch und Sumpf gekämpft hat, wird mit herrlich warmem Wasser und einem wahren Naturschauspiel belohnt. In kurzen Abständen durchbrechen Meeräschen die Wasseroberfläche und tauchen nach einem kräftigen Sprung wieder ein. "Wer zuerst einen Fisch mit dem Paddel erlegt, bekommt 100 Dollar", witzelt Shawn, der bereits auf seinem Board steht und den Blick über das Wasser schweifen lässt.
Für Ungeübte gilt es allerdings zunächst, die Balance zu finden auf dem großen Brett. Aus dem flachen Wasser auf die Knie, dann vorsichtig aufstehen und lospaddeln - so die Theorie. Und die Praxis ist nicht viel schwieriger - man kann tatsächlich auch als Anfänger stehend paddeln, ohne allzu oft Bekanntschaft mit dem badewannenwarmen Salzwasser zu machen.
Seekühe und Rochen unterm Brett
"Immer schön auf einer Seite paddeln", ruft Shawn, der schon die ersten Pirouetten dreht, während Pelikane, pinkfarbene Löffler und Reiher um ihn herumfliegen. Der Profi empfiehlt, das Gehirn abzuschalten - dann geht es am besten vorwärts: "Und du kannst die Natur um dich herum genießen." In dem flachen Wasser im Anna Maria Sound geht das sowohl auf dem Paddleboard als auch im Kajak - und natürlich im PS-starken Motorboot oder auf einem Jetski. "Jeder so, wie er mag", lautet die sehr amerikanische Sichtweise der Anwohner.
Mindestens ein Auto, mindestens zwei Kajaks und meist ein Motorboot hat hier jeder in der Garage oder im Vorgarten, sagt Captain Scott, ein pensionierter Meeresbiologe, der seinen Gästen bei Kajak-Touren auf dem Atlantik das einzigartige Ökosystem der Golfküste erklärt. Scott ist der Meinung, er sei im Paradies angekommen - "wo sollte ich denn sonst leben wollen?", fragt der bärtige Mann.
Von den Schildkröten erzählt er, die am Strand ihre Nester bauen - weswegen es verboten ist, nächtliche Spaziergänge im Sand zu machen, und es keinerlei Lichter entlang des Wassers gibt. Von den vielen Vögeln, die an der Golfküste zu Hause sind. Und von den Tümmlern, die hier durch das Wasser fegen und zur Freude der Touristen immer wieder ihre Sprünge machen.
Shawn, der Paddleboard-Profi, leitet seine Gäste mit dem Kajak durch die Mangroven und die Tunnel, die sich durch den wilden Bewuchs gebildet haben. Auch er kennt die Reiher und die Falken, die Pelikane und die anderen Vogelarten, die am Golf leben. Aber das ist noch lange nicht alles, was man bei einer der Touren entdecken kann. Plötzlich schwimmen Seekühe unter die Boote, öfter sieht man Rochen im Wasser.
Die Golfinsel Anna Maria Island ist eine der ruhigsten Ecken Floridas - und eine der grünsten. Auch hier, im äußersten Westen des Sonnenscheinstaates, gibt es das typische Florida-Publikum: viele Rentner, die ihren Lebensabend in warmen Temperaturen verbringen wollen. Und viele Touristen aus dem In- und Ausland, die das schöne Wetter und die ausgedehnten, feinsandigen Strände schätzen. Und doch sind da Unterschiede zum Rest des Sunshine-States: Es gibt keine Hochhäuser, keine Hotelburgen, keine großen Ladenketten - und keine Hektik.
Keine Hotelburgen - keine Hektik
25 Meilen pro Stunde, etwa 40 km/h, ist das Tempolimit auf der gesamten Insel. Und jeder hält sich daran. Das Auto ist ebenso Transportmittel wie die Golfkarre, das Fahrrad oder der Roller. Viele gehen auch einfach zu Fuß.
Damit die althergebrachte Bewegung für Touristen und Einheimische gleichermaßen zum Erlebnis wird, haben sich Ed Chiles und Michael Coleman, zwei Rentner, etwas einfallen lassen: Zehn Millionen Dollar müsste man aufbringen, dann könne man dem Örtchen Anna Maria eine echte Innenstadt verschaffen, haben Michael und seine Frau einst im Spaß gesagt - ein paar Jahre später ist der Business District da. Ein ganz außergewöhnlicher noch dazu.
Das Herz ist die Pine Avenue, die zwar keine Fußgängerzone ist, "aber der Verkehr ist schon deutlich weniger geworden", sagt Ed. Rechts und links der Straße flanieren Urlauber wie Einheimische durch die kleinen Boutiquen. In knallbunt angemalten Häusern gibt es Kaffee und Sandwiches, eine Zeitung und dazu eine gute Unterhaltung frei Haus. Außerdem handgemachte Kleidung, außergewöhnliche Souvenirs, beste Kochzutaten. "Das hat sich hier wirklich entwickelt", sagt Michael sichtlich stolz.
Gerade sind Bauarbeiter dabei, den versiegelten Bürgersteig abzutragen und durch ein Gemisch aus Sand und Muscheln zu ersetzen. "Wir wollen, dass das hier alles so natürlich wie möglich ist", sagt Michael. Gleichzeitig müsse die Unterlage so beschaffen sein, dass man auch mit dem Rollstuhl oder Rollator vorwärtskomme - es wohnen eben viele Rentner in Florida, und nicht alle sind so gut zu Fuß wie Michael.
"Kein Wunder, dass hier jeder gute Laune hat"
Ein paar Häuser weiter ist eine andere große Unternehmung im Gange: Im Village Café at Rosedale hat man sich zum Ziel gesetzt, mit null Energie auszukommen. "Wir wollen, dass Anna Maria die grünste kleine Stadt in ganz Nordamerika wird", sagt Brian Seymour, der Manager des kleinen Restaurants. Er führt Zisternen, die Solaranlage auf dem Dach und ein ausgeklügeltes System vor, mit dem Energie gespart wird.
"Hier bei uns scheint dauernd die Sonne, da ist es nur logisch, dass wir die Energie nutzen." Die Einwohner speisen den Strom in das Netz ein und sind auch sonst umweltfreundlich unterwegs: "Wir haben beim Bau gut isoliert und arbeiten mit Wärmeaustausch", sagt Brian. Inzwischen kommen schon die ersten Anfragen aus anderen Orten, wie das funktioniert mit dem klimafreundlichen Bauen.
Umwelt- und Naturschutz spielen eine große Rolle auf Anna Maria Island, sagt auch Roberta Schaefer, die Inhaberin von Ginny's & Jane E's Bakery Café, einem chaotischen Laden, in dem es allerlei Souvenirs gibt - und ein noch besseres Angebot an kleinen, feinen Speisen. Roberta kommt aus dem kalten Neuengland und hat an Floridas Westküste ein neues Zuhause gefunden. "Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wieder in die Kälte zu ziehen", sagt die drahtige Frau mit den dunklen Haaren.
Und so geht es den meisten, die das ganze Jahr über hier leben. Sie vermissen nichts. Und wenn sie wirklich in die große Stadt müssen, ist Tampa nur eine Autostunde entfernt. Viel wichtiger allerdings ist ihnen allen die noch vergleichsweise unberührte Natur, der Strand und das Meer, die hervorragenden kleinen Restaurants - und die entspannten Mitmenschen, wie Roberta und Michael bestätigen: "Das ist ja auch kein Wunder, dass hier jeder gute Laune hat: Man muss nicht in der Kälte leben und sich jeden Tag warm einpacken."
Verena Wolff/dpa/abl
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