Inseltraum Rodrigues: Mauritius' vergessene Schwester

Inselträume auf Rodrigues: Wann kommt der Prinz? Fotos
Jutta Lemcke

Eine Insel wie ein schlafendes Dornröschen: Auf Rodrigues im Indischen Ozean ist von Tourismus noch nicht viel zu spüren. Im Gegensatz zur luxuriösen Schwester Mauritius sind die Unterkünfte schlicht, die Einheimischen besonders entspannt - auch wenn es um die Gesetze zum Fischfang geht.

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Ein feiner Sprühnebel geht unaufhörlich über dem kleinen Holzboot nieder, das über das grün schimmernde Wasser der Lagune tuckert. In der Ferne schimmert die Palmeninsel Ile aux Cocos. Am Bug steht breitbeinig Christopher und grinst, als die Passagiere ihre Regenschirme aufspannen, die eigentlich gegen die Sonne schützen sollten. "Wir lieben den Regen", sagt er mit leiser, freundlicher Stimme, "er hält Rodrigues am Leben. Manche beten sogar um einen Zyklon, nur damit der Regen kommt."

Die kleine Insel Rodrigues mitten im Indischen Ozean, gut 600 Kilometer östlich der luxuriösen Schwesterinsel Mauritius, hält noch einen touristischen Dornröschenschlaf. "Mauritius wie vor 30 Jahren", sagen die Mauritier sehnsuchtsvoll. "Ein Paradies der Ruhe und Gelassenheit", sagen die Zugereisten. "Eine coole Insel", sagt Christopher.

Der 33-jährige Rodriganer, der wie schon sein Vater Besucher zur vorgelagerten Ile aux Cocos fährt, würde für nichts auf der Welt woanders leben wollen als auf dem Eiland mit seinen tropisch grünen Hügeln im Zentrum, den kargen Küsten und der Lagune, die sich im Norden und Westen kilometerlang bis zum Riff erstreckt.

Krakenjagd mit Speer

Wenn sich bei Ebbe der Ozean über die Riffkante zurückzieht, ist es für die Rodriganer Zeit, aufs Meer zu gehen. Die Männer holen die Fische mit Netzen oder Nylonschnüren aus dem Wasser, die Frauen gehen auf Tintenfischjagd. Schon vor Sonnenaufgang machen sie sich in ihren bunten Kleidern auf den Weg, vorbei an Papaya- und Bananengärten, und waten dann in Gummistiefeln ins Wasser. Mit Metallspeeren stechen sie in die Korallenhöhlen, in der Hoffnung, einen der porzellanfarbenen Oktopoden zu erwischen.

"In der Zeit unserer Väter", erzählt Christopher, "war die Lagune wie ein Topf voller Fisch." Doch diese Jahre sind vorbei. Zu viele Fische und Kraken wurden aus der Lagune geholt. Die Regierung hat inzwischen zu speziellen Zeiten und an einigen Plätzen Fangverbot erteilt. Geholfen hat es wenig. Für die Menschen hier ist der Fischfang ein Naturrecht. "Auf das offene Meer fahren wir zum Fischen nicht hinaus", sagt Christopher, "denn wir Rodriganer können nicht schwimmen."

Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschen auf Rodrigues zu gierig nach den Schätzen der Natur gegriffen haben. "Da sind viele Landschildkröten auf der Insel, manchmal 2000 bis 3000 auf einem Fleck. Man könnte über ihre Panzer gehen, ohne den Boden zu berühren", berichtete der französische Hugenotte François Leguat, der 1691 mit sieben Mann auf der Insel landete. Zwei Jahre lang lebten sie dort wie im Paradies, bis die Männer des Alleinseins überdrüssig wurden und auf der Suche nach Frauen gen Mauritius segelten.

Keine Hektik - auch nicht bei der Justiz

Die Schildkröten dienten von der Zeit an über die Jahrhunderte als Schiffsproviant, bis auch die letzte auf dem Teller landete. Immerhin weiß man heute dank der Aufzeichnungen Leguats von dem damaligen Naturreichtum und möchte einen Teil davon wieder aufleben lassen. Das François Leguat Giant Tortoise and Cave Naturreservat im Süden von Rodrigues hat einige der riesigen Panzertiere aus Mauritius geholt und zählt mittlerweile mehr als tausend Schildkröten.

Das Naturreservat, so hofft dessen Leiter Aurèle André, könnte ein wichtiger Anziehungspunkt für Touristen werden, die einige Tage dem hektischen Leben auf Mauritius und Réunion entfliehen wollen. Rund 50.000 Besucher kommen mittlerweile pro Jahr nach Rodrigues - darunter etwa 350 Deutsche.

Wer auf Rodrigues landet, lässt die gestresste und geschäftige Welt hinter sich. Hektik ist bei den Insulanern verpönt. Wer aus dem Haus geht, muss Zeit für ein Schwätzchen oder gar eine spontane Einladung zum Mittagessen einplanen. Fünf Ärzte gibt es auf der Insel, zwei Apotheken, eine Tankstelle - keine Ampel. Im Gefängnis sitzen derzeit elf Insassen ein. Die Tür steht offen, und die Wärter spielen mit den Gefangenen Karten, so wird erzählt. Zeitweise wurde das Gefängnis am Wochenende sogar geschlossen, und die Gefangenen durften am Freitag nach Hause gehen.

Ein Stern für Claudine

Luxusresorts wie auf Mauritius sucht man auf Rodrigues vergeblich. Preiswerte und sehr angenehme Unterkünfte bieten Gästehäuser wie die Herberge Chez Claudine an der Ostküste. Claudine lacht verlegen, wenn man sie darauf anspricht, aber tatsächlich konnte sie sich 2007 mit einem Michelin-Stern für ihre Küche schmücken. Kein Wunder, dass sich an ihrem Tisch alle einfinden, die nicht nur ihre Herzenswärme, sondern auch eine köstliche Mahlzeit schätzen.

Jean-Paul kommt häufig vorbei. Der einzige offizielle Guide des Tourismusbüros hat gerade ein französisches Fernsehteam nach Baie du Nord gefahren. Die Journalisten warten dort auf die Ebbe, und so macht er ein paar Stündchen frei. Auch Jean-Paul ist ein unerschütterlicher Lokalpatriot: "Jedes Jahr verlassen 20 Personen die Insel", entrüstet sich der 38-Jährige. "Sie studieren im Ausland Literatur oder Chemie."

Doch er lenkt ein, "einen Doktor der Poesie oder Chemie brauchen wir hier wirklich nicht. Aber eins haben wir hier auf der Insel, was es woanders nicht gibt. Auf Rodrigues leben wir in Freiheit."

Jutta Lemcke/srt/abl

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Weitere Informationen
Auskunft
Fremdenverkehrsbüro der Insel Rodrigues, Port Mathurin, Tel. 00230/8320866, www.tourism-rodrigues.mu.
Anreise
Die Anreise nach Rodrigues ist nur über Mauritius möglich. Von dort geht es in 80 Minuten mit dem Flugzeug auf die Insel oder per Schiff in rund 36 Stunden.
Klima
Auf Rodrigues herrscht ein tropisches Klima mit 28 bis 35 Grad Celsius im Sommer (Oktober bis Mai) und 18 bis 27 Grad Celsius im Winter (Juni bis September).
Unterkunft
Rodrigues bietet eine gute Auswahl an Unterkunftsmöglichkeiten, vom Dreisternehotel über Appartements bis zu Gästehäusern. Empfehlenswert sind die Hotels Les Cocotiers (Schwesterhotel Pointe Venus), das Cotton Bay an der Ostküste und das Mourouk Ebony Hotel mit hervorragenden Kite-Surfing-Möglichkeiten. Angenehme Gästehäuser sind die Domaine de Decide Plage und Chez Claudine an der Ostküste. Sehr authentisch ist die Villa Mon Trésor in Port Mathurin.
Aktivitäten
Vor allem an der Ostküste herrschen gute Bedingungen für Kite-Surfing. Auch Tauchen und Hochseefischen werden angeboten. Lohnenswert sind Ausflüge zur Vogelinsel Ile aux Coco und ein Besuch des Schildkrötenreservats François Leguat Giant Tortoise   Cave Reserve. Ein Muss ist der Besuch des Wochenmarktes am Samstag in Port Mathurin.
Spezialitäten
Der Tintenfischfang spielt auf Rodrigues eine wichtige Rolle, deshalb findet man den Oktopus auf nahezu jeder Speisekarte und in jeder erdenklichen Zubereitungsart. Zwiebeln, Limonen, Zitronen und Chilis bilden die Basis des berühmten Chatinis (Chutneys). Auf Rodrigues wachsen einige der schärfsten Chilischoten der Welt, und der Inselhonig mit seinem fruchtigen Geschmack zählt zu den besten weltweit. Beliebt ist auch der Rhum arrangé, eine Art Rumtopf mit Bananen, Pflaumen und Vanille.
Sprache
Die offizielle Sprache ist Englisch, häufig wird jedoch Französisch vorgezogen. Die Insulaner sprechen untereinander Kreolisch.

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