Surfer-Roadtrip durch Westafrika "Das war mein Lebenstraum"

In einem alten Jeep bereiste Carlo Drechsel die westafrikanische Küste von Marokko bis Südafrika. Der Darmstädter sagt: "Kein Weg ist zu weit, wenn am Ende der perfekte Strand und die perfekte Welle liegen."

Carlo Drechsel

Ein Interview von


Zur Person
  • Holger Rogge
    Der Darmstädter Carlo Drechsel, Jahrgang 1987, ist Surfer, Abenteurer und Fotograf. Auch nach seinem Solotrip entlang der westafrikanischen Küste verbringt er weiterhin mehr Zeit in Autos und Zelten als Zuhause.

SPIEGEL ONLINE: In einem schrottreifen Jeep voller Surfbretter 60.000 Kilometer allein durch Afrika zu touren - wie kamen Sie auf diese Idee?

Drechsel: Die Küsten Westafrikas sind für viele Surfer weiße Flecken auf der Landkarte. Dabei gibt es dort ohne Ende gute Surf-Spots und geile Wellen, die zum Teil noch nie gesurft wurden. Der Aufbruch ins wirklich Unbekannte war mein Lebenstraum.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Drechsel: Ich habe mir auf Google Maps genau angesehen, wo ich gerne hin möchte. Ich habe alle ausgequetscht, die ich traf und die schon mal in Westafrika waren oder dort gelebt haben. Im Gepäck hatte ich dann nicht besonders viel. Ungefähr das, was man für zwei Wochen Camping in Frankreich mitnehmen würde, und davon die Hälfte.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten kein Smartphone dabei. Wäre das nicht ein nützlicher Helfer gewesen?

Drechsel: Ich habe vor der Reise keins besessen und wollte mir auch nicht extra eins zulegen. Natürlich gab es unterwegs Situationen, in denen ein Smartphone für eine schnelle Netzrecherche praktisch gewesen wäre. Ohne kam ich dafür aber in völlig absurde Situationen.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Drechsel: Eines Nachts wurde ich ohne ersichtlichen Grund von einer marokkanischen Tankstelle bei Rabat verscheucht. Hätte ich ein Smartphone gehabt, hätte ich es gezückt, um mir einen anderen Stehplatz zu suchen. So aber stand ich verdutzt da, und eine Marokkanerin sprach mich an - zufällig auch eine Surferin. Sie zeigte mir nicht nur einen schönen und sicheren Platz zum Campen, sondern führte mich zum Salsatanzen aus. Das war eine der abstrusesten und unvergesslichsten Nächte, die ich je hatte.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich in Ihre Abenteuerlust denn nie Angst gemischt?

Drechsel: Natürlich fühlt es sich komisch an, wenn du als einziger Weißer durch eine Straße läufst. Gerade anfangs war ich voreingenommen und hatte Angst vor korrupten Polizisten oder davor, ausgeraubt, entführt oder ermordet zu werden. Diese Vorurteile und Gedankenmuster werden einem in Europa eingeimpft.

SPIEGEL ONLINE: Und die konnten Sie über Bord werfen?

Drechsel: Die Menschen sind zum allergrößten Teil extrem hilfsbereit und gastfreundlich. Und es herrschen eben nicht überall Bürgerkrieg, Korruption und Hunger. Afrika ist ein so vielfältiger und komplexer Kontinent wie kein zweiter, und doch wird leider so viel pauschalisiert.

Fotostrecke

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Von Marokko bis Südafrika: Der Wellenabenteurer

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie leicht mit den Einheimischen in Kontakt gekommen?

Drechsel: Sehr. Auch wenn ich manchen erst mal etwas suspekt war. Sie sahen in mir einen merkwürdigen, weißen Kauz mit langem Bart, wilden Haaren und einem heruntergekommenen Auto voller Surfbretter. Oft war das aber auch der Gesprächsaufhänger. Höflichkeit und Humor helfen immer. Und die lokalen Surfszenen, egal wie klein, waren überall sehr hilfsbereit. Man hat einfach diesen intensiven, gemeinsamen Nenner.

SPIEGEL ONLINE: Reisen Sie als Surfer mit einem anderen Blick durch die Welt als ein gewöhnlicher Tourist?

Drechsel: Der Hunger nach Wellen treibt einen an Orte, die man sonst eher nicht besuchen würde. In Sambia verschlug es mich in die Schlucht des Sambesi. Ich wanderte mehrere Stunden ins Tal und dann entlang des Ufers, vorbei an Krokodilen, um am Ende in den reißenden braunen Strom zu springen. Vor den Toren von Lagos-City surfte ich tagelang mit der lokalen Surfcrew im Hafenbecken T-Bay, bekannt für Wasserleichen und eine der besten Wellen Westafrikas zwischen Supertankern und der Skyline.

SPIEGEL ONLINE: Klingt makaber. Wo haben Sie auf Ihrer Tour eigentlich immer geschlafen?

Drechsel: Ich habe oft Leute gefragt, ob ich über Nacht vor ihrer Haustüre im Auto schlafen darf. Manche fanden das nicht gastfreundlich genug und luden mich in ihr Haus ein. In Mali schlief ich zwischen Ziegen und zehn Kindern im Hof einer Familie. Couchsurfen funktionierte auch hervorragend.

SPIEGEL ONLINE: In Ghana freundeten Sie sich mit einem französischen Paar an, das kurze Zeit später in Nigeria überfallen wurde. Der Mann wurde ermordet. Wie hat diese Nachricht Ihre Reise überschattet?

Drechsel: Das war ein riesiger Schock. Ich erfuhr davon einen Tag, bevor ich selbst nach Nigeria wollte. Nach Kapstadt waren es noch 7000 Kilometer und acht Länder, vor mir lag die Grenze nach Nigeria, die als "toughest Border of Africa" bekannt ist. Aufgeben war keine Option.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler können schnell fatal enden?

Drechsel: Gerade in unsicheren Regionen sollte man nicht einfach sein Zelt aufschlagen, sondern erst den Chief, den Pastor oder eine respektierte Familie aufsuchen und fragen, ob und wo man campen darf. Das gehört nicht nur zum guten Ton, sondern schützt einen.

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SPIEGEL ONLINE: Welches der 25 Länder, die Sie bereisten, hat Sie besonders beeindruckt?

Drechsel: Mali - ein Land zwischen totalem Chaos und absoluter Schönheit. Die Region Pays Dogon ist einer der magischsten Orte dieser Erde.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Drechsel: Ich besuchte dort Dörfer, in denen die Menschen noch leben wie vor Jahrtausenden. Ich trank mit einem hundertjährigen König Tee und aß Kolanüsse. Ich flog mit einem Leichtflugzeug Marke Eigenbau über den Niger.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie das Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird?

Drechsel: Oft sind es die Verkettungen von Zufällen, die einem den Weg ebnen. Es ist schon ein Phänomen, dass immer wieder positive Dinge geschehen, wenn man sich nur treiben lässt. Irgendwann gewinnt man dann einfach das tiefe Vertrauen, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Auf der Fähre nach Marokko zu Beginn meiner Reise fühlte ich mich noch wie im freien Fall und hatte echt Schiss.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat Sie die Reise verändert?

Drechsel: So einen Ritt auszuhalten, so lange zu fahren und alleine zu sein, den Berg zu besteigen, die Welle zu surfen - all das hat mir einen Riesenschub Selbstvertrauen gegeben. Ich weiß nun, was ich alles schaffen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bart ist inzwischen wieder auf Normalmaß getrimmt.

Drechsel: Stimmt. Ich könnte fast in einer Bank arbeiten (lacht). Ansonsten habe ich immer noch meine hessische Schnauze und reiße dieselben dummen Sprüche. Wenn man mich anschaut, könnte man meinen, ich wäre nie weg gewesen.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 14.11.2018
1. Surfertrip, Westafrika, Afrikareise, was jetzt?
Ziemlich diffuser Bericht. Ich hätte jede Menge Surf-Fotos erwartet. Statt dessen Fotos der Dogon in Mali, das liegt in Mali, weit entfernt von jeder Küste. Ob man in Cape Coast in Ghana oder in Libreville in Gabun surfen kann? Da unser Darmstädter scheinbar bis Südafrika gefahren ist, oft auch im Inneren war (Sambesi), erschließt sich mir die Reise nicht so ganz. Hört sich an wie eine lange Afrikareise, plus Surfbretter. Von tollen Surfspots, wie sie in " Barbarentage" beschrieben werden, keine Spur. In Ghana wird in Busua und Princes Town gesurft. Aber die Wellen halten sich eher in Grenzen. Ehrlich gesagt habe ich noch nichts von tollen Surfspots in Westafrika gehört. Meine Fazit: Diffuse Afrikareise, Was das jetzt genau war, ist mir nicht klar. Auf jeden Fall ist das Resultat ein Buch. Wenn es eine Surfreise war, hat William Finnegan mit "Barbarentage" Maßstäbe gesetzt. Und hat dafür auch den Publitzerpreis bekommen. Aber davon scheint unser Surfer weit entfernt zu sein. Die oft gehörte Kritik, das jeder, der eine große Reise macht auch gleich ein Buch schreibt, scheint dieser Bericht nicht auszuräumen. Was mich irgendwie stört: Die Großwildjäger, die sich früher mit geschossenen Löwen fotografieren ließen, werden heute durch eher hippe Abenteuerreisende abgelöst. Wirklich neues erfährt man eher selten. Abenteuerreise+Buch. Ich weiß, warum ich nach meiner 3 Jahre-Afrikareise kein Buch schreiben wollte. Na ja, ich habe meine Reise nur für mich gemacht und wollte andere weder beeindrucken noch langweilen. Ich hoffe, das unser Afrika-Surfer wieder heil in Darmstadt angekommen und meinen Kommentar nicht liest, scheint ja ein netter Typ zu sein ....
blurps11 14.11.2018
2.
Zitat von PapazacaZiemlich diffuser Bericht. Ich hätte jede Menge Surf-Fotos erwartet. Statt dessen Fotos der Dogon in Mali, das liegt in Mali, weit entfernt von jeder Küste. Ob man in Cape Coast in Ghana oder in Libreville in Gabun surfen kann? Da unser Darmstädter scheinbar bis Südafrika gefahren ist, oft auch im Inneren war (Sambesi), erschließt sich mir die Reise nicht so ganz. Hört sich an wie eine lange Afrikareise, plus Surfbretter. Von tollen Surfspots, wie sie in " Barbarentage" beschrieben werden, keine Spur. In Ghana wird in Busua und Princes Town gesurft. Aber die Wellen halten sich eher in Grenzen. Ehrlich gesagt habe ich noch nichts von tollen Surfspots in Westafrika gehört. Meine Fazit: Diffuse Afrikareise, Was das jetzt genau war, ist mir nicht klar. Auf jeden Fall ist das Resultat ein Buch. Wenn es eine Surfreise war, hat William Finnegan mit "Barbarentage" Maßstäbe gesetzt. Und hat dafür auch den Publitzerpreis bekommen. Aber davon scheint unser Surfer weit entfernt zu sein. Die oft gehörte Kritik, das jeder, der eine große Reise macht auch gleich ein Buch schreibt, scheint dieser Bericht nicht auszuräumen. Was mich irgendwie stört: Die Großwildjäger, die sich früher mit geschossenen Löwen fotografieren ließen, werden heute durch eher hippe Abenteuerreisende abgelöst. Wirklich neues erfährt man eher selten. Abenteuerreise+Buch. Ich weiß, warum ich nach meiner 3 Jahre-Afrikareise kein Buch schreiben wollte. Na ja, ich habe meine Reise nur für mich gemacht und wollte andere weder beeindrucken noch langweilen. Ich hoffe, das unser Afrika-Surfer wieder heil in Darmstadt angekommen und meinen Kommentar nicht liest, scheint ja ein netter Typ zu sein ....
Warum sollte man am Atlantik bzw, dem Golf von Guinea denn nicht surfen können ?
Papazaca 14.11.2018
3. Die Wellen! Too small ...
Zitat von blurps11Warum sollte man am Atlantik bzw, dem Golf von Guinea denn nicht surfen können ?
Weil die Wellen in der Regel bescheiden sind. In Ghana in den Spots, die ich kenne, 4-6 Meter- Ich habe auch schon mal bei einem Sturm 8-10 Meter erlebt. Aber das war eine Ausnahme, danach waren 3 Meter Strand verschwunden. Lesen Sie mal "Barbarentage," gibt eine sehr gute Idee, was die wahren Surfer suchen. Danach hat man sofort Lust, Surfer zu werden. Tolles Buch! Übrigens, ich kenne ein paar Surfer in Busua, Ghana. Aber richtig tolle Surfer Spots sind das nicht!. Das würden die Jungs selber zugeben!
isi-dor 14.11.2018
4.
Wurde nicht gerade jetzt erst in Namibia die längste Welle der Welt gesurft? Die Skelettküste ist schier unendlich.
Papazaca 14.11.2018
5. Muß mal einen Freund aus Namibia fragen!
Zitat von isi-dorWurde nicht gerade jetzt erst in Namibia die längste Welle der Welt gesurft? Die Skelettküste ist schier unendlich.
No idea. Kann sein. Der Bericht firmierte als Surfer-Roadtrip durch Westafrika. Namibia liegt etwas südlicher...
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