Weltumsegler Bourgnon bei der "Ocean Filmtour" Im Alleingang über die Ozeane

Für lange Strecken ist ein Sportkatamaran eigentlich nicht geeignet. Yvan Bourgnon aber hat damit die Welt umsegelt - ohne GPS oder Autopilot. Sein Film ist bei der "Ocean Filmtour" zu sehen.

Yvan Bourgnon

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Yvan Bourgnon schreit. Er weint und schluchzt, bis sich seine Stimme vor Verzweiflung überschlägt. "Wie kann das sein?", schreit er immer wieder. "Ich habe doch nur fünf Minuten geschlafen. Fünf Minuten!"

Es ist dunkel. Außer seiner erstickten Schreie ist nur das Rauschen und Blubbern des Ozeans zu hören. "Ich bin auf Grund gelaufen, verdammter Mist!", schreit Bourgnon auf Französisch. "Jetzt habe ich alle Meere überquert und fahre wie ein Idiot auf einen Stein!"

Im fahlen Licht seiner Stirnlampe schimmert der kleine, zerbrochene Sportkatamaran weiß. Der Bug ragt in die Höhe, das Deck ist von Wasser überspült. "Warum endet das hier vor Sri Lanka auf einem Stein?", schluchzt Bourgnon. "Das ist nicht fair."

Der 46-jährige Schweizer segelt seit 30 Jahren. 2013 brach er auf, um mit seinem Sportkatamaran um die Welt zu fahren, ohne Navigationsgeräte, Autopiloten oder sonstige technologische Hilfsmittel - nur ausgestattet mit einem Sextanten, einem Messinstrument zur Astronavigation. Vor ihm hatte das noch keiner geschafft.

Während der Reise hatte er seine Kamera dabei - sie wurde zum Freund. "Ich musste mit jemandem sprechen, ich musste jemandem erzählen, wie ich mich fühle", sagt Bourgnon. Aus dem Material ist der Film "The Ocean Rider" entstanden, der auf der diesjährigen "International Ocean Filmtour" gezeigt wird.

"Ein Sportkatamaran ist nicht dafür geeignet, die Welt zu umsegeln"

"Für mich lag der Reiz darin, das ohne Technik zu schaffen", sagt Bourgnon. "Man wird nicht vorgewarnt, wenn ein Sturm aufzieht, und man freut sich wie ein kleines Kind, endlich Land zu sehen." Mit einem Sextanten konnte er die Position des Bootes nur anhand von Sternenkonstellationen bestimmen - Bourgnon hatte noch nicht einmal ein Satellitentelefon dabei.

"Ein Sportkatamaran ist nicht dafür geeignet, die Welt zu umsegeln", sagt er. Es sei eher ein Sportgerät, wie ein Surfbrett, mit dem man sehr schnell durch die Wellen fahren könne. "Es gibt keinen Rückzugsort unter Deck, man ist die ganze Zeit der Natur ausgesetzt", sagt er. "Außerdem sind Sportkatamarane sehr instabil und kentern leicht."

Yvan Bourgnon auf seinem Sportkatamaran
Denis Tisserand

Yvan Bourgnon auf seinem Sportkatamaran

Als Bourgnon nach gut zwei Dritteln der Strecke vor Sri Lanka auf Grund lief, dachte er, das wäre es gewesen. "Mein Boot war kaputt, ich hatte mir einen Nerv im Rücken eingeklemmt - für mich war mein Traum von der Weltumsegelung damit vorbei", sagt er.

"Ein Fehler könnte dein Leben kosten"

Den Atlantik hatte er zu diesem Zeitpunkt schon überquert, den Pazifik und den Indischen Ozean. Dann machte er einen Fehler: Er schlief ein. Nach vier Tagen ohne Schlaf. "Wenn du alleine segelst auf so einem kleinen Boot ohne Autopilot, darfst du keinen einzigen Fehler machen", sagt Bourgnon. "Es könnte dein Leben kosten."

Es war das erste Mal, dass er einen Sportkatamaran über so eine lange Distanz alleine steuerte. Das war so nicht geplant. Als Bourgnon den Trip Anfang Oktober 2013 in Frankreich startete, hatte er noch einen Segelpartner: Zusammen mit Vincent Beauvarlet verließ er Sables d'Olonne. Doch Beauvarlet war dem Stress nicht gewachsen. "Als wir die Kanaren erreichten, hatte er zehn Kilo innerhalb von zehn Tagen abgenommen", sagt Bourgnon. "Er musste abbrechen."

Yvan Bourgnon
Yvan Bourgnon

Yvan Bourgnon

Bourgnon beschloss, alleine weiterzumachen. "Es ist eine ganz neue Herausforderung, wenn man auf sich gestellt ist", sagt er. "Alles wird zum Riesenproblem." Am Anfang sei das purer Stress gewesen. "Ich habe kaum geschlafen und überall Pusteln bekommen", sagt er.

Erst nachdem er von Panama in den pazifischen Ozean aufgebrochen war, sei er ruhiger geworden, routinierter. "Ich habe gelernt, die Leinen festzuhalten, während ich schlief", sagt er, "mir alles so eingerichtet, dass ich jederzeit eingreifen kann." Auch die Bedingungen hätten sich nach der stürmischen Atlantikquerung gebessert.

"Ich wusste, ich kann es schaffen", sagt er. "Bei einer Weltumsegelung ändert sich ständig alles. Man weiß nicht, was als Nächstes passiert. Man weiß nur, irgendein Problem wird kommen, und du musst es lösen."

220 Tage verbrachte Bourgnon insgesamt auf See. Er kenterte mehr als 300 Mal, wurde von Delfinen begleitet, sah Haie und wurde von Piraten bedroht. Aufgrund des Schlafmangels halluzinierte er immer wieder.

Doch als der Bug seines Bootes vor der Küste Sri Lankas in die Höhe ragte, festgefahren auf einem Stein, und Bourgnon zu schreien anfing, wusste er, dass er dieses Problem nicht lösen kann. Der Sportkatamaran war durch den Aufprall komplett zerstört.

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Ocean Filmtour 2018: Eine Ode an die Weltmeere

Doch die Küstenpolizei griff den Segler auf und brachte ihn an Land. "Ich war überrascht, wie hilfsbereit die Menschen in Sri Lanka waren", sagt er. Sie hätten ihm geholfen, das Boot zu reparieren und nach einigen Wochen konnte er wieder ablegen und die letzte Etappe seiner Weltumrundung aufnehmen. Im Juni 2015 kehrte er nach Frankreich zurück - ein wenig wehmütig zwar, doch glücklich, am Leben zu sein.

Der Film "The Ocean Rider" erzählt die Geschichte von Yvan Bourgnon. Er ist auf der "International Ocean Filmtour 2018" zu sehen, die seit 16. März in vielen deutschen Städten gezeigt wird. Zu den Tickets geht es hier.

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insgesamt 5 Beiträge
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denkmal! 19.03.2018
1. Verrückt!
Ich kenn den Typ. In Darwin habe ich ihn kennengelernt. Bin selber Segler. Ich war total verblüfft, was der Junge hinter sich hatte. Hut ab! Aber er erzählte mir von seinem Begleitschiff, das er gechartert hatte, mit ein paar Leuten an Bord, die ihn seit seiner Abreise in Frankreich begleiten. Ich finde es irgendwie komisch, davon nichts zu lesen. Auch glaube ich mich zu erinnern, dass er sehr wohl einen Autopiloten dabei hatte. Kein GPS, das sagte er mir und dass er bei der Durchfahrt durch die Torres Strasse fast auf ein Riff gedonnert war. Ok, der Typ hat eine Wahnsinnsleistung vollbracht! Ob dies ohne Autopilot möglich ist, hege ich schwere Zweifel. Das ist praktisch ein Muss, wenn man zu alleine unterwegs ist. 300 Mal gekentert... Ok! Hat er nix davon erwähnt damals in Darwin, als er zwei Drittel rum war, nur, dass er zwei, oder drei Mal über Bord ging. Was auch immer... Ich hab noch Fotos von seinem Kahn. War High Tech pur. Ohne GPS....? Wirklich...?
permissiveactionlink 19.03.2018
2. Nur mit einem Sextanten ausgerüstet ?
Das klingt frugal. Und überflüssig. Denn mit dem Sextanten alleine kann man allenfalls die exakte Höhe eines Gestirnes über der Kimm (dem Horizont) im Meridiandurchgang messen, und das auch nur bei ruhiger See. Damit findet man lediglich den Breitengrad, auf dem man sich befindet, nicht aber die Position. Um diese zu bestimmen, benötigt man des weiteren eine exakt gehende Uhr, einen Taschenrechner und geeignete nautische Tabellen sowie jede Menge Erfahrung mit den 58 Navigationssternen...Die Umsegelung selbst ist eine starke physische und psychische Leistung, keine Frage, auch wenn eine echte Weltumsegelung durch Abkürzungen (Panama, Suez) und Vermeidung der Umsegelung des Kap Horn und des Kaps der guten Hoffnung eigentlich nicht bewältigt wurde.
Frequent Traveller 19.03.2018
3. super, Glueckwunsch
bestaetigt mich in meinem Plan die Welt in meinem Grabner Adventure mit Trimaran Besegelung zu umrunden. Ich werde aber statt eines Sextanten einen GPS Empfaenger und zum Reden einen Beachvolleyball mitnehmen
denkmal! 19.03.2018
4.
Zitat von Frequent Travellerbestaetigt mich in meinem Plan die Welt in meinem Grabner Adventure mit Trimaran Besegelung zu umrunden. Ich werde aber statt eines Sextanten einen GPS Empfaenger und zum Reden einen Beachvolleyball mitnehmen
Viel Spass! Das hat vor zig Jahren ein deutscher Arzt über den Atlantik geschafft. Im Klepper Faltboot. Ich glaub, sogar drei Mal! OHNE Begleitboot... https://de.wikipedia.org/wiki/Hannes_Lindemann Wäre ein interessanter Typ für die "Eines Tages" Rubrik. Wink mit dem Klepperfaltboot an die Redaktion....
denkmal! 19.03.2018
5.
Zitat von permissiveactionlinkDas klingt frugal. Und überflüssig. Denn mit dem Sextanten alleine kann man allenfalls die exakte Höhe eines Gestirnes über der Kimm (dem Horizont) im Meridiandurchgang messen, und das auch nur bei ruhiger See. Damit findet man lediglich den Breitengrad, auf dem man sich befindet, nicht aber die Position. Um diese zu bestimmen, benötigt man des weiteren eine exakt gehende Uhr, einen Taschenrechner und geeignete nautische Tabellen sowie jede Menge Erfahrung mit den 58 Navigationssternen...Die Umsegelung selbst ist eine starke physische und psychische Leistung, keine Frage, auch wenn eine echte Weltumsegelung durch Abkürzungen (Panama, Suez) und Vermeidung der Umsegelung des Kap Horn und des Kaps der guten Hoffnung eigentlich nicht bewältigt wurde.
Also überflüssig ist ein Sextant nie, zur See... Die Verarbeitung der Winkel kriegt man auf Taschenrechnern hin, dank Bobby Schenk. Seekarten hatte der in wasserdichten Plastikrohren. Das Problem ist eher, einen guten Horizont hinzukriegen, so niedrig man auf dem Wasser ist. Und die Schaukelei... Entgegen Ihrer Annahme braucht es nicht 58 Navigationssterne, sondern NULL. Man navigiert mit der Sonne und kriegt problemlos Länge und Breite hin, wenn man eine Ahnung hat. Das Problem sind bewölkte Himmel. Nach den Sternen navigiert man in 1001 Nacht! Dass auch eine Weltumsegelung stattfindet, wenn sie durch die zwei Kanäle geht, ist klar. Weltumsegelung minus hundert Seemeilen, meinetwegen. Eine Warmwasserweltumsegelung nennt sich das übrigens, entlang dem "Coconut milk run". Lesen Sie sich zuerst in die Materie, bevor Sie von 58 Navigationssternen reden. Es dankt! Ein Kapitän
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