Interview mit Bergführer Dujmovits "Am Everest können wir keine Sicherheit garantieren"

Everest, K2, Nanga Parbat und einige mehr ­ mit acht Erfolgen an den 14 Achttausendern gilt Ralf Dujmovits als der erfolgreichste Höhenbergsteiger in Deutschland. Über seine Erfahrung mit kommerziellen Anbietern am Everest und das Führen an den höchsten Bergen der Welt sprach der Alpinist mit SPIEGEL ONLINE.


Erfolgreicher Höhenbergsteiger: Ralf Dujmovits ist seit 1994 der einzige Deutsche, der die beiden höchsten Berge der Erde, den Mount Everest und den extrem schwierigen K2, bestiegen hat
www.amical.de/Ralf Dujmovits

Erfolgreicher Höhenbergsteiger: Ralf Dujmovits ist seit 1994 der einzige Deutsche, der die beiden höchsten Berge der Erde, den Mount Everest und den extrem schwierigen K2, bestiegen hat

Seit 15 Jahren organisiert Ralf Dujmovits mit seinem Unternehmen AMICAL alpin Expeditionen - von der Antarktis bis ins Himalaja. Der staatlich geprüfte Bergführer leitete bereits zwei Expeditionen am Mount Everest, eine davon im Unglücksjahr 1996, in dem insgesamt 15 Bergsteiger bei dem Versuch, den Everest zu besteigen, starben. Allein fünf Menschen kamen innerhalb von zwei Tagen in einem tosenden Sturm ums Leben, darunter die erfahrenen Bergführer Rob Hall und Scott Fisher.

AMICAL alpin gehört zu den acht kommerziellen Höhenxpeditionsanbietern, die nach internationalem Standard anerkannt sind. Alle sieben anderen führen den Everest, allein Dujmovits weigert sich heute, kommerzielle Expeditionen auf den höchsten Gipfel der Erde anzubieten. Zurzeit steigt Dujmovits durch eine schwierige Nordwandroute am Kangchenjunga, der nur wenige Kilometer Luftlinie vom Everest entfernt liegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kunden haben Sie auf einen der Achttausender geführt?

Ralf Dujmovits: Wir führen niemanden den Berg hoch, wir organisieren Expeditionen. Wir betreuen und beraten die Teilnehmer und stellen alles Erforderliche für einen Erfolg zur Verfügung. In den Alpen können wir Kunden am kurzen Seil führen. An den ganz hohen Bergen muss jeder selbst hinaufsteigen können - oder unten bleiben. AMICAL hat bisher 200 Kunden auf den Gipfel eines Achttausenders begleitet. Erfrorene Finger waren bisher der schlimmste Unfall.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1992 und 1996 eine kommerzielle Expedition an den Mount Everest geleitet. Wann gehen Sie das nächste Mal an den höchsten Berg der Welt?

Höchster Punkt der Welt: "An den ganz hohen Bergen muss jeder selbst hinaufsteigen können"
www.amical.de/Ralf Dujmovits

Höchster Punkt der Welt: "An den ganz hohen Bergen muss jeder selbst hinaufsteigen können"

Dujmovits: Mit Kunden? Nie mehr. Am Everest lässt sich zwar richtig gut Geld verdienen. Ich könnte jedes Jahr zwei Expeditionen auf die Beine stellen. Ich werde aber keinen der hohen Achttausender wie Everest, Lhotse und K2 mehr anbieten, da ich aus meinen Erfahrungen gelernt habe. Als Bergführer geht man dort oben am Anschlag. Wir können auf dieser Höhe keine saubere Arbeit mehr abliefern. Und wenn ich die Sicherheit der Leute nicht mehr garantieren kann, muss ich einfach die Finger davon lassen. Ich werde auch keine Besteigungen mit Sauerstoff mehr anbieten. Keines der Geräte funktioniert absolut zuverlässig. Ich kann auch nicht sicher gewährleisten, dass die Sauerstoffflaschen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind. Die Sherpa-Träger sind auch nur Menschen. Für Notfälle haben wir natürlich immer Notsauerstoff in den Hochlagern deponiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mitbewerber sehen das anders. Von den weltweit acht anerkannten Anbietern, die Höhenexpeditionen anbieten sind Sie der Einzige, der den Everest nicht im Programm hat. Sind Sie ein schlechter Kaufmann oder die anderen unvernünftig?

Dujmovits: Schauen Sie die Tragödie vom Mai 1996 an. Die Japanerin, die bei der Expedition des neuseeländischen Bergführers Rob Hall ums Leben kam, wollte mit mir auf den Everest. Ich kannte die Stärke von Yasuko Namba von meiner Antarktis-Expedition. Ich habe ihr gesagt, dass sie definitiv zu langsam sei für den Everest. Rob Hall hat an diesem Punkt dem kaufmännischen Gedanken nachgegeben. Eine Expedition rechnet sich nur ab einer bestimmten Teilnehmerzahl. Zu langsame Teilnehmer hatten Hall letztendlich selbst das Leben gekostet.

SPIEGEL ONLINE: Kannten Sie bei ihrer letzten Everest-Expedtion im Herbst 1996 denn die Leistungsstärke aller Teilnehmer persönlich?

Gipfel des Mount Everest: Bei der Expedition 1992 von AMICAL alpin erreichten nur Dujmovits und ein Sherpa den Gipfel
www.amical.de/Ralf Dujmovits

Gipfel des Mount Everest: Bei der Expedition 1992 von AMICAL alpin erreichten nur Dujmovits und ein Sherpa den Gipfel

Dujmovits: Bis auf einen Kunden hatten alle schon einmal bei mir auf Expeditionen teilgenommen. Nach einer harten Aufbauzeit bin ich heute in der glücklichen Lage meine Touren voll zu bekommen. Ich wusste, dass ich langfristig nur mit Stammkunden und einer guten Mund-zu-Mund-Propaganda dauerhaft von meinem Geschäft leben kann. Generell verlangen wir bei allen Teilnehmern einen Tourenbericht der letzten fünf Jahre. Vor kurzem, bei einer der Achttausender-Expeditionen auf den Manaslu hatten wir 30 Anmeldungen. Die Hälfte mussten wir ablehnen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihren beiden Everest-Expeditionen kamen 1992 nur Sie und ein Sherpa auf den Gipfel, 1996 keiner der Teilnehmer höher als 8000 Meter. Wie war die Stimmung bei den Teilnehmer, die mehr als 20.000 Euro für den Gipfel investiert hatten?

Dujmovits: 1992 hatte ich alle zehn Teilnehmer am Südsattel, sechs davon wollten ohne Sauerstoff zum Gipfel. Einige mussten am Südgipfel oder kurz vor dem Gipfel umdrehen. Es war zu kalt, und alle außer mir und Sherpa Sonam Tshiring sind wieder abgestiegen. Ich wollte den Gipfel damals fast erzwingen. Es war schon jugendlicher Leichtsinn mit dabei. Nach einer weiteren Nacht ohne Sauerstoff hatte ich mich doch an die Flasche gehängt und war in etwas mehr als fünf Stunden oben.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es 1996?

Basislager am Mount Everest: "Die soziale Komponente ist sehr wichtig"
www.amical.de/Ralf Dujmovits

Basislager am Mount Everest: "Die soziale Komponente ist sehr wichtig"

Dujmovits: In der Lhotse-Flanke, im Aufstieg zum Südsattel, herrschte damals große Lawinengefahr. Ein Japaner kam mit einem Sherpa dort ums Leben. Wir hatten dann noch die Route bis zum Südsattel geprüft. Aber es war einfach zu gefährlich. Die Gefahr, dass wir im Aufstieg verschüttet werden, war so groß, dass ich die Expedition abbrechen musste. Die erfahrenen Teilnehmer der Expedition, die zum Teil selbst Bergführer sind, schätzten die Gefahr genau so wie ich ein. Andere jedoch waren der Meinung, die Sache könne man aussitzen. Da ist dann natürlich ein Konflikt im Raum. Eine der Teilnehmerinnen wurde sogar ziemlich unerträglich.

SPIEGEL ONLINE: Im April und Mai werden sich am Everest wieder Hunderte von Bergsteigern in den beiden Basislagern in Nepal und Tibet tummeln. Habe Sie überhaupt noch Lust auf den Berg?

Dujmovits: Das rege Leben in den Basecamps hat mich noch nie gestört. Ich finde die soziale Komponente im Basislager sehr wichtig. Es ist sogar schön, wenn man abends mal zusammensitzt und eine DVD mit Julia Roberts anschaut. Ein Hermann Buhl würde sich im Grabe umdrehen. Privat will ich sicher nochmals auf den Everest steigen, aber auf keinen Fall über einen der Normalwege. Aber jetzt ist erst einmal die Nordwand des Kangchenjunga dran. Der 8586 Meter hohe Grenzberg zu Sikkim, im Osten Nepals, ist eine große Hausforderung für mich. Ich habe die Expedition dorthin privat organisiert. Es gehen ausschließlich erfahrene Bergsteiger mit. Nach 15 Jahren Expeditionsgeschäft ist das sozusagen seit langem mein erster Urlaub am Berg.

Das Interview führte Oliver Häußler.



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