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Cheryl Strayed über "Der große Trip": "Das ist kein Spaß, das ist die Hölle!"

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1600 Kilometer kämpfte sich Cheryl Strayed über den Pacific Crest Trail in den USA. Jetzt kommt die Verfilmung "Der große Trip" in die Kinos. Im Interview erzählt sie von Klapperschlangen, wunden Füßen - und wie der Trip ihr Leben veränderte.

Zur Person
  • Getty Images for Variety
    Cheryl Strayed, Jahrgang 1968, in Pennsylvania geboren, in Minnesota aufgewachsen, lebt heute in Portland, Oregon mit ihrem Mann, dem Filmemacher Brian Lindstrom, und ihren beiden Kindern. Nach ihrem Literaturstudium veröffentlichte sie neben einem Roman zahlreiche Beiträge und Essays. Strayeds zweites Buch "Der große Trip" ("Wild") über ihre Wanderung auf dem Pacific Crest Trail stand 2012 mehrere Wochen lang auf der Bestsellerliste der "New York Times".


SPIEGEL ONLINE
: Frau Strayed, Sie sind durch die Mojave-Wüste gelaufen, über die Sierra Nevada, manchmal in Gluthitze, manchmal durch Schnee. Was ging Ihnen am Anfang dieser Tour de Force durch den Kopf?

Strayed: Bei jedem Schritt habe ich mir gedacht: In was habe ich mich da hineingeritten. Das ist kein Spaß, das ist die Hölle!

SPIEGEL ONLINE: Einfach aufgeben - kam Ihnen diese Idee?

Strayed: Als ich elf oder zwölf Tage unterwegs war, sagte ich mir: "Das ist zu hart, ich habe einen Fehler gemacht!" Aber ich war aus einem sehr bestimmten Grund hier draußen. Eine Mission hat auch immer etwas mit Herausforderungen zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Warum wanderten Sie auf dem Pacific Crest Trail?

Strayed: Mit Anfang 20 verlor ich die zentrale Figur meines Lebens, meine Mutter, sie starb mit 45 Jahren an Lungenkrebs. Und ich verlor damit auch meine Orientierung. Bevor ich 1995 auf den Trail ging, arbeitete ich als Bedienung in Minneapolis, ich hatte mich von meinem Mann getrennt, schlief mit vielen Männern, nahm Heroin. Ich wollte mit der Wanderung mein Leben ändern, wieder das Mädchen werden, zu dem mich meine Mutter erzogen hatte.

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Auf dem Pacific Crest Trail: Tausend Meilen durch die Wildnis
SPIEGEL ONLINE: Warum entschieden Sie sich ausgerechnet für eine der härtesten Wandertouren in den USA?

Strayed: Ich liebte die Wildnis. Es war ein Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlte. Ich bin in einer sehr ländlichen Gegend im Norden von Minnesota aufgewachsen. Wir lebten mehrere Jahre sehr einfach, in einem Haus ohne Innentoilette, Elektrizität oder fließendes Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Und wieso gerade diese Route?

Strayed:
Das war Zufall. Ich stolperte in einem Outdoor-Laden über den Reiseführer "Teil 1. Pacific Crest Trail: Kalifornien", las die Beschreibung und beschloss, diesen Teil des Trails zu wandern.

SPIEGEL ONLINE: Sie begannen Ihren Trip in der Mojave-Wüste mit einem Rucksack, den Sie in ihrem Buch "Monster" nennen...

Strayed: Ich konnte fast nicht damit aufstehen, wirklich! Er wog mindestens 31 Kilo, allein das Wasser machte 12 Kilo aus, dann noch die Bücher und das dicht gepackte getrocknete Essen. Es war absurd!

SPIEGEL ONLINE: Gab es darin auch völlig überflüssige Gepäckstücke?

Strayed: Ja, eine riesige Kamera mit einem 1000-Watt-Blitzgerät. Ein Fernglas. Und eine Klappsäge. Ich dachte, ich würde Holz brauchen, um ein Feuer zu machen...

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gar nicht so abwegig...

Strayed:
Ja, sehen Sie! Aber ich machte einfach viele Anfängerfehler, einer davon: zu viel Gepäck. Außerdem muss man sich vergegenwärtigen: Das war 1995. Heute gibt es so viel mehr leichte Technologie, Smartphones zum Fotografieren etwa.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist der Trail - auch dank Ihres Bestsellers - sehr populär. Viele Dinge sind sicher einfacher...

Strayed: Ja. Wenn ich damals jemanden erreichen wollte, musste ich zu einer Telefonzelle laufen, die manchmal Tage entfernt lag. Heute ist der Trail viel belebter und nicht so isoliert, an manchen Orten hast du auch Handy-Empfang. Und - das ist ein Phänomen - es gibt Leute, die sogenannten Trail Angels, die dich auf dem Weg mit Wasser und Essen versorgen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür trainiert?

Strayed: Nein, ich wurde fit auf die harte Tour. Ich trug einen schweren Rucksack, über Berge hoch und runter, und in den ersten Wochen hat mir alles wehgetan. Aber dann kam ich in Form, wurde stark. Die Ironie daran war: Während meine Muskeln stärker wurden, begannen meine Gelenke zu schmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben beim Wandern auch Ihre großen Zehennägel verloren...

Strayed:
Das ist so schmerzvoll: Die Zehen schwellen an, und die Nägel fallen buchstäblich ab. Als ich sie abriss, verspürte ich Erleichterung.

SPIEGEL ONLINE: In der Wildnis leben auch Bären, Pumas und Schlangen. Haben Sie sich nicht gefürchtet?

Strayed: Ich stieß den Sommer über auf sechs oder sieben Klapperschlangen und hatte anfangs Angst, sie würden hinter mir herjagen. Aber das war dumm; sie wollten nicht das Geringste mit mir zu tun haben. Auch die Bären wandten sich von mir ab, mit ihrem Verhalten war ich durch meine Kindheit in der Wildnis vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit ihren Ängsten umgegangen?

Strayed: Ich sagte mir immer: Du kannst das! Sei stark und mutig. Es ist viel gefährlicher, in ein Auto zu steigen und durch die Stadt zu fahren, als einen Spaziergang allein in den Wäldern zu machen. Wir vergessen das nur manchmal.

Kratersee in Oregon: An jedem Tag ein Postkarten-Panorama Zur Großansicht
imago

Kratersee in Oregon: An jedem Tag ein Postkarten-Panorama

SPIEGEL ONLINE: Man sagt über den Pacific Crest Trail: "Everyday is like a postcard". Empfanden Sie das auch so?

Strayed: Ja, das stimmt. Alles war so schön. Es ist schwierig zu sagen, welcher Part mein Favorit war. Vielleicht der Kratersee des Vulkans Mount Mazama in Oregon. Er ist einer der außergewöhnlichsten Seen auf der ganzen Welt, mit einer ungewöhnlich tiefblauen Farbe - fast wie ein heiliger Ort.

SPIEGEL ONLINE: Hat diese dreimonatige Wanderung Ihr Leben verändert?

Strayed:
Ja, der Trail hat mich wieder zu meiner Stärke zurückgebracht. Da ist wirklich etwas sehr Gewaltiges daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen!

SPIEGEL ONLINE:
Der Film über Ihren "großen Trip" kommt in Deutschland diese Woche in die Kinos. Waren Sie bei den Dreharbeiten dabei?

Strayed:
Ich war oft am Set. Es war lustig und interessant zu sehen, wie Szenen aus deinem eigenen Leben gedreht werden. Reese Witherspoon war die erste Schauspielerin, der ich mein Skript schickte. Ich habe sie geliebt für die Rolle als Ehefrau von Johnny Cash in "Walk the Line", für die sie den Oskar gewonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Witherspoon gab Ihnen das Versprechen, Sie nicht als "dumme Tussi zu verkörpern, die über ihre Bauchspeckröllchen lamentiert". Hat sie Wort gehalten?

Strayed: Ja, das hat sie. Sie wusch ihre Haare nicht, sie trug keine Wimperntusche auf. Es ging ihr wirklich nicht darum, glamourös zu sein. Manchmal treiben mich Schauspielerinnen bei Filmen auf die Palme: Sie wachen am Morgen auf und haben das ganze Gesicht voller Make-up, das ist einfach absurd!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Witherspoon auch während der Dreharbeiten beraten?

Strayed: Ja, es ging manchmal auch um Kleinigkeiten. Wie sie den Rucksack trägt, wie sie auf die Karte guckt, wie sie den Kompass hält...

SPIEGEL ONLINE: Was hat sie zum Beispiel falsch gemacht?

Strayed: Während meiner Wanderung hatte ich immer einen herausgerissenen Kartenausschnitt aus meinem Wanderbuch griffbereit. Und irgendwann sah ich, dass sie ihn lose in ihre Tasche steckte. Da habe ich zu ihr gesagt: "Nein! Du musst die Tasche gut verschließen, denn die Karte ist alles, was du da draußen hast. Wenn du sie verlierst, könnte das schlimme Folgen haben!"

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10  Bilder
"Der große Trip - Wild": Anti-Heldin auf Oscar-Kurs
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insgesamt 81 Beiträge
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1. Gratulation
dirk van appeldorn 14.01.2015
auch ich bin den Weg gegangen...und den Appalachian Trail und den Jakobsweg (aber nicht nur die Haape Kerkeling Abkürzung sondern allein dies war eine Strecke von 2600 km... Damals hat noch niemand die Idee gehabt einen Film über mich zu drehen ))). Aber Hut ab vor allen die eine solche Leistung noch bringen, nachdem das gesamte Vermarktungpaket der kommenden Wanderung geschnürt ist... Das Motto "Da muss man jetzt durch, weil am Ende TV, Buch, Interviews steht..." Ist halt eine ganz andere Einstellung als diese Wege zu gehen, Gott nahe zu sein und am Ende diese tiefe Befriedigung empfinden... ohne sie mit der ganzen Welt teilen zu müssen )))
2. Ich biete an...
!!!Fovea!!! 14.01.2015
dass ein Regisseur einen Teil meines Lebens verfilmt. Darf den heutzutage jeder ein Buch schreiben, einen Film machen, der wandern gegangen ist? Selbst Schuld, wenn man meint Grenzerfahrungen machen zu müssen, um sich dann zu sagen, dass ist die Hölle. Man könnte darauf antworten: Falsches Schuhwerk getragen, tatsächlich, es gibt Klapperschlangen? Oh Wunder. In Deutschland gab es mal einen Bären..... Ich warte auf das Buch: Meine Radtour auf den Himalaya: Es war frostig, der Yeti begegnete mir nicht, ich verlor 3 Finger, da es kalt war....
3. 12 Kilo Wasser ?
derzweifler 14.01.2015
Die Maßeinheit für Flüssigkeiten ist der Liter. Da die Dichte von Wasser 1 ist, trägt sie 12 Liter Wasser mit sich. Werden die Artikel vor Veröffentlichung eigentlich in irgendeiner Form regidiert ?
4. Fehlermeldung
Dieter62 14.01.2015
Die Mojave Wüste grenzt nirgendwo an Mexiko. Es erstaunt immer wieder, wie wenig man hierzulande über ein vermeintlich so bekanntes Gebiet wie Nordamerika weiss. Das nordamerikanische Wüstengebiet wird im Allgemeinen in 4 Teilregionen unterschieden (gewisse Autoren nennen 5) Die Mojave Wüste erstreckt sich zwischen Los Angeles nach Las Vegas hinüber. Wenn man von San Diego, fast an der US-mexikanischen Grenze gelegen, nach Osten fährt, gelangt man in die Sonora - Wüste, und die macht dann auch die Grenze zu Mexiko, dort wo man den Bundesstaat Sonora findet. Die Wüsten werden übrigens anhand der Pflanzen,die dort vorkommen unterteilt. Die grosse Yucca im Bild, ein sogenannter Joshua Tree, ist eine Charakterpflanze der Mojave Wüste.
5. 31 Kilogramm
blödföhn 14.01.2015
sind in der tat die Hölle zum loslaufen. Es sei denn man ist ein Sherpa.
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Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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