Inuit in Nunavut Im Brennpunkt des irdischen Fiebers

Sie gehören zu den ersten Opfern des Klimawandels: Den Inuit in Nordkanada schmilzt die eisige Lebensgrundlage regelrecht unter den Füßen weg. Deshalb sahen sich die Ureinwohner der Arktis zu einer spektakulären Aktion in Washington genötigt.

Von Hania Luczak


Silaup asijjipallianinga - ein Wort, das niemanden kaltlässt. Weder im Nordterritorium Nunavut noch in der kanadischen Hauptstadt Ottawa und ebenso wenig in den Schaltzentralen anderer Länder. Es ist die neueste Wortschöpfung eines kreativen Volkes, das von seiner Sprache behauptet, in ihr offenbare sich die Art und Weise, ein Inuit zu sein, ein "Wesen mit Seele", ein Mensch. Silaup asijjipallianinga ist ein Wort, das eine neuartige Gefahr umschreibt. Übersetzt heißt es: "der sich schrittweise vollziehende Wetterwechsel". Klimawandel, sagt die übrige Welt.

An diesem Frühlingsmorgen, 20 Grad minus, 46 Kilometer südlich des Polarkreises, scheint alles gut zu sein. Wie früher, als die melodische Sprache Inuktitut noch keinen Begriff für die neue Bedrohung kannte.

Alukie Metuq, vierfache Mutter, sitzt auf ihrem Schneemobil, Ungeduld im Gesicht. Eine Welt aus drei Farben umgibt sie. Tiefblau der arktische Himmel, glühendweiß das Eis des Meeres, granitschwarz die Felsen der schroffen, 800 Meter hohen Berge in ihrem Rücken. Angelruten und Gaskocher sind eingepackt, die Freundinnen warten auf ihren Motorschlitten bereits unten am engen Fjord, der tief in die Baffin-Insel in Kanadas Norden schneidet. Nichts und niemand darf sich ihnen heute in den Weg stellen, keine Kinder, keine Männer, keine Sorgen. Raus. Hinaus aufs Eis. Die Fische warten.

Jagen und Fischen bedeutet nicht nur, Tiere zu töten und Nahrung zu beschaffen, hatte Alukie Metuq am Abend zuvor gesagt. Dabei schnitt sie rohe Belugawalhaut in Würfel, rühmte deren Kokosnussaroma und Vitamin-C-Gehalt. Als wir uns danach die zartrosafarbenen Stücke der handdicken Walfettschicht im Mund zergehen ließen, lobte sie auch diese: "Reich an guten Fettsäuren."

Rund 1200 Menschen leben wie Alukie Metuq im kleinen Ort Pangnirtung, kurz Pang. Es sind fast ausschließlich Inuit, früher "Eskimos" genannt, "Rohfleischesser". Regelmäßig geht Metuq, die auch mit 35 noch davon träumt, einmal ein College besuchen zu können, mit ihrem Mann Noah auf Seehund-, Walross- oder Karibujagd.

Das Fischen ist in ihrer Heimat seit jeher Domäne der Frauen. "Für uns bedeutet Jagen nicht Arbeit", sagte sie. Es sei Reflex, Bedürfnis, Leidenschaft und Therapie – der Inbegriff der Inuit-Kultur. Mit der Jagd begebe sie sich auf eine Zeitreise: zum Leben ihrer Eltern und Großeltern, die von Eisbären das Beutemachen lernten und von der Meeresgöttin Sedna Robben in Empfang nahmen. "Wenn wir jagen", sagt Alukie Metuq, "sind wir ganz bei uns."

Jeder zweite Bewohner Nunavuts lebt von Sozialhilfe

Wie mag es wohl für jemanden wie sie gewesen sein, in einer künstlichen Siedlung wie Pangnirtung aufzuwachsen, in einem Ort, dessen kurze Geschichte eher von Entfremdung als von Selbstfindung erzählt? Zwar trocknen hier noch Eisbär- und Robbenfelle vor den Häusern, hängen Fische wie rote Fahnen an Leinen. Doch längst tragen die Menschen pralle Einkaufstüten aus dem Supermarkt. Lastwagen bringen Wasser und saugen Kloaken ab, weil der gefrorene Boden jegliche Kanalisation verhindert. Und die Propellerflugzeuge landen nach einem halsbrecherischen Anflug auf der Schneebahn mitten im Ort.

Pangnirtung, seit den fünfziger Jahren von kanadischen Planern als Mustersiedlung ausgebaut, ist zum Sammelbecken für ehemalige Nomadenfamilien geworden, die bis zu ihrer Umsiedlung Veränderungen von der Langsamkeit eines uralten Gletschers erfahren, die isoliert und als Selbstversorger auf der Baffin-Insel gelebt hatten. Zur Sesshaftigkeit genötigt, sahen sie sich einem steten Strom von Beratern und Erziehern ausgesetzt. Auch die sechsköpfige Familie Metuq in ihrem 70-Quadratmeter-Haus lebt heute, wie jeder zweite Bewohner Nunavuts, von Sozialhilfe.

"Wir sind im Zeitraffer in die Moderne gestürzt", hatte Alukie Metuq abends am Holztisch in ihrer billigen Einbauküche gesagt, als wir nach dem Essen schwarzen Tee aus Bechern schlürften. Die Frau mit den scharfen Augen der Jägerin hatte einen Blick auf ihre Kinder geworfen: zwei Mädchen, die auf das Fernsehgerät starrten, und zwei Jungen, die am Computer virtuelle Feinde beschossen. Das einzig Stabile in ihrem Leben seien die Familie und das Jagen, seufzte die Mutter.

Doch nun schmilzt selbst die Verlässlichkeit alter Konstanten dahin. Während Wissenschaftler und Politiker noch um Treibhausgase und Emissionszertifikate feilschen, sind die Auswirkungen von silaup asijjipallianinga für Alukie Metuq und ihre Familie längst spürbar. Vor kurzem haben selbst die Gletscher im nahen Nationalpark Auyuittuq – "dem Land, das niemals schmilzt" – begonnen, sich zurückzuziehen. Seither ahnen alle hier, dass sie gewissermaßen im Brennpunkt jenes irdischen Fiebers leben, das die Welt als Treibhauseffekt kennt. Im zerbrechlichen Ökosystem um den Nordpol schreitet die Erderwärmung schneller als auf dem übrigen Planeten voran. Für ein Volk, dessen Kultur auf Kälte beruht, ist Klimawandel zum Menschenrechtsthema geworden.

Im März 2007 starteten die Ureinwohner der Arktis deshalb eine spektakuläre Aktion. Nach einer Serie von Unfällen – kaum eine Ortschaft in Nunavut, in der nicht Jäger samt Schlitten im dünn gewordenen Eis eingebrochen wären – machte sich eine Delegation auf den Weg nach Washington, um vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte gegen die Klimapolitik der USA zu demonstrieren. In einer einzigartigen Petition hatten sie ein "Recht auf Kälte" gefordert.



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