Unterwegs in Iran Randvoll ist mein Herz

Eine Reise durch Iran ist die Reise in eine Welt der Widersprüche. In einem Land, das offiziell die Genüsse des Lebens verbietet, hat Nadine Pungs die wahre Schönheit gefunden.

Nadine Pungs

Polizisten stürmen den Bus. Sie sprechen nicht, sie suchen. Ich zupfe nervös mein Kopftuch zurecht. Taschenlampenlicht. Getuschel der anderen Reisenden. Ich höre mein Herz. Und unseren Busfahrer laut schimpfen. Er steht draußen, umringt von acht Gesetzeshütern, auf einem schwach beleuchteten Vorplatz der Polizeistation. Irgendwo im Iran. Irgendwann in der Nacht. Ich verstehe nichts. Was ist hier los?

Weitere Polizisten preschen in den Bus. Klopfen an die Decke, entdecken Geheimfächer. Voll mit Ware. Verbotener Ware. CDs, T-Shirts, Konserven und einige Flaschen harten Alkohol. Im islamischen Gottesstaat Iran ist schon der Genuss von Bier strengstens verboten. Es drohen Geldstrafen und Peitschenhiebe.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe meinen Rucksack im Staub liegen. Die Polizei durchsucht unser Gepäck. Ein Blitz trifft mich mitten ins Herz. Habe ich noch die heimliche Flasche Wein im Ranzen? Oder habe ich sie schon getrunken? Ich weiß es nicht mehr. "Für einsame Nächte", sagte mein Bekannter in Teheran, als er mir das sündige Gesöff in eine Pepsi-Flasche füllte. Ich stopfte sie dankbar in meine Tasche.

Jetzt ist die Nacht einsam. Mir wird übel. Die Polizisten öffnen wahllos Koffer, befingern Kosmetikartikel und Schmutzwäsche. Ich starre auf mein Handy. Kein Empfang. Wenn ich jetzt aufstehe, aussteige und renne, wie weit komme ich? Ich atme tief und ordne meine Gedanken. Streife durch Erinnerungsfetzen. Doch. Ich habe den Wein bereits getrunken. Ja, ich bin mir sicher. Aber was ist, wenn mir jemand mit unlauteren Absichten etwas ins Gepäck geschmuggelt hat?

Nein, Schluss jetzt. Blödsinn. Keine beengenden Gedanken. Ich wollte es so. Hatte ich mir doch solche Situationen herbeigesehnt, das Abenteuer gesucht. Ich will ja Intensität. Ich will Lebendigkeit. Ich will Wahrhaftigkeit. Etwas, das bleibt. Ich will Hingabe. Fremd werden. Vagabundieren. Staunen. Ich will Schönheit und Melancholie.

Das wirklich Schöne hat Kratzer

Ich bin süchtig. Sehnsüchtig. Mir fehlt der Mut, um zu bleiben. Deshalb muss ich gehen. Und deshalb bin ich hier. Allein. Im Iran. Reisen ist anstrengend und lästig. Reisen ist mühsam und bitter. Und alleine reisen ist ein freier Fall. Es ist, als stünde man kurz vor dem Sprung aus dem Flugzeug. So stelle ich mir das vor. Unter mir nur Leere. Exit. Ich robbe zur Tür. Meine Füße auf dem Trittbrett, die Arme vor der Brust und der Kopf in den Nacken. Noch mal tief durchatmen. Absprung!

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Gelandet bin ich in diesem iranischen Bus. Ich spüre das Leben. Und das ist gut. Gut, weil ich davongekommen bin. Der Bus rollt an. Nach Stunden bangen Wartens. Die Polizei hat die Schmuggler verhaftet, nur der Busfahrer darf weiter. Was wird wohl mit den Männern passieren?

Die Landschaft zieht vorüber, der Tag bricht an. Die meisten Leute im Bus schlafen. Ich schaue aus dem Fenster hinein in eine wunde Welt. So viele Geschichten erzählt das Land, so viele Wunder. Vielleicht gehören sie stets zusammen: das Wunder und die Wunde. Vielleicht gehört zum Glück auch immer Trauer und zur Anmut der Unmut. Die Sonne scheint und der Himmel ist wolkenlos. Wie ein großer blauer Fleck ist er über die Wüste gespannt.

In einem Interview antwortete der deutsche Schriftsteller Botho Strauß auf die Frage "Was fehlt Ihnen?" mit der schlichten Aussage: "Das Schöne." Ich verstand ihn. Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han schrieb aufgrund dieser Straußschen Feststellung ein ganzes Buch über "Die Errettung des Schönen". Wo ist es, das Schöne? In unserem heutigen westlichen Verständnis von Schönheit gibt es in ihr keine Knackse, keine Risse. Alles sei kugelrund gelutscht, faltenfrei, glatt geschliffen und ausdruckslos, so Hans Erkenntnis. Das wirklich Schöne hat jedoch Kratzer und manchmal Verletzungen. Es birgt Geheimnisse.

Im Iran sehe ich viel Schönes. Viele Risse und Bruchstellen. Viel nicht Gesehenes. Nicht nur die verschleierte weibliche Schönheit. Auch einsame Salzseen, bunte Berge, eine verlassene Fabrik, die sich aus dem Wüstensand erhebt, alte seelenvolle Gesichter, persische Ruinen, Mosaiken, schwarze Kinderaugen. Und immer wieder die unendlichen Sandmeere. Grau und beige. Als wäre die Farbe aus der Welt gewaschen. Ich setze die Kopfhörer auf. In meinem Ohr singt Leonard Cohen. "I came so far for beauty, I left so much behind."

Whiskey und Joints in Schiras

Hinterm Horizont erscheint Schiras. Der Garten Irans. Wir sind endlich angekommen. Ich steige aus, setze mich auf meinen Rucksack und warte, beobachte Busse und Menschen. Abschiede und Wiedersehen. Heimweh und Sehnsucht. Alles hier. Im Bahnhof. In mir. Es ist heiß und riecht nach Orangenblüten.

"Hello, where are you?", fragt eine warme Baritonstimme am Telefon. Es ist Kourosh. Mein Host für die nächsten drei Tage und der beste Freund meines Teheraner Bekannten. Ich darf in seinem Haus wohnen - zusammen mit Schwester, Bruder, Schwägerin, Neffe, Nichte und der 92 Jahre alten Mutter. Bisher hatten wir uns nur Textnachrichten geschrieben, und ich bin neugierig, wer mich erwartet. Kourosh lässt den Motor laufen, steht im Halteverbot. Ich steige ein und blicke in ein attraktives Gesicht. "Hi, I'm Kourosh." Lachfalten kräuseln sich um seine braunen Augen. Und ich werde kleinmädchenschüchtern.

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Eine Reise durch Iran: Im Land der Widersprüche

Kourosh trägt mein Gepäck in ein Apartment. Er wohnt ein Stockwerk tiefer. Er lädt mich zum Frühstück am nächsten Morgen ein. Fladenbrot, Frischkäse, Spiegeleier und schwarzer Tee. "What's your plan for today?", fragt mich Kourosh. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte es gewusst. Aber ich vergesse auch das.

Kourosh grinst smart und schreibt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Schiras auf einen Zettel. In Englisch für mich und in Farsi für die Taxifahrer. Und am Abend wolle er mich auf eine Party mitnehmen. Mein Blick vergräbt sich in sein persisches Gesicht. Die schwarzen Brauen, die geschwungenen Züge, die angegrauten Schläfen und in den Augen ein Licht, das brennt. "Okay", sage ich. Mehr fällt mir nicht ein.

Die Party ist in einem schicken Apartment, das auch in New York oder London als schick gelten würde. Die Leute sind schön und sympathisch. Es gibt Rohkost, Joghurt, laute Musik, Whiskey, selbst gemachten Wein und Joints. Iran widerspricht sämtlichen westlichen Klischees. Nicht überall lauern die Mullahs. Nicht überall steht eine Atomanlage, und viele Iraner haben noch nie im Koran gelesen.

Hier im schicken Apartment ist, wie so oft, von der vermeintlichen "Achse des Bösen" nichts zu spüren. Mit diesem leidigen Begriff hat der damalige US-Präsident George W. Bush Iran als Schurkenstaat stigmatisiert. Es gab jedoch nie eine Achse, denn Iran, Irak und Nordkorea pflegten keine Allianz und auch wurde diese Bezeichnung mittlerweile relativiert. Iran und Amerika sind unausgesprochene Verbündete im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan und den sogenannten Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien geworden. Atomdeals werden geschlossen, Sanktionen aufgehoben.

Doch in den westlichen Köpfen hat sich die "Achse des Bösen" festgezeckt. Trotz all der berechtigten Kritik an Bushs Äußerung bleibt das iranische Regime dennoch restriktiv und verletzt tagtäglich Menschenrechte. Das darf und muss immer wieder laut skandiert werden. Ein Ponyhof ist das hier ganz und gar nicht.

"What are you thinking?", Kourosh lächelt mir zu. Die Drinks machen mich gesprächiger. Und so will ich von ihm wissen, wie er in diesem Land zurechtkommt. Einem Land, das offiziell die Genüsse des Lebens verbietet und als Sünde deklariert. "You can see it here. Everybody does everything. In our private lives, we are free." Jeder macht alles. Freiheit in den eigenen vier Wänden. Aber reicht das?

Ich muss darüber nachdenken. Mit japanischem Whiskey klappt das allerdings nur bedingt. Betrunken bin ich trotzdem. Und deshalb fällt mir auch erst im Auto auf, dass ich mein Kopftuch verloren habe und gerade "oben ohne" durch Iran fahre. In maßloser Sünde. Kourosh findet das lustig. Zum Glück ist kein Mullah in Sicht. Wobei der vielleicht um diese Uhrzeit auch betrunken gewesen wäre.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
pan-orama 03.12.2016
1. Danke....
......für die Bilder. Sie bringen Erinnerungen zurück. 1977 Menschen noch unter Schah Reza Pahlavi dessen Niedergang sich schon abzeichnete, und 2010 unter den Regierung des doch obskuren Ahmadinejad. Die Menschen des Irans sind grundsätzlich gastfreundlich und sehe sich nicht nur aus ihrer Geschichte Europa näher denn ihren Nachbarn der Arabischen Region. Man kann in Deutschland problemlos ein ein monatiges Touristen Visu erhalten und ich empfehlen das Land noch zu besuchen (Isfahan, Persepolis) um Kultur und Menschen kenne zulernen bevor Trump und seine Schergen versuchen werden das einzig verbliebene unabhängige Land im Mittleren Oste in eine gewalttätige Auseinandersetzung treibt.
tripler 03.12.2016
2.
Unterhaltsamer Artikel. Sehr gut geschrieben. Ich konnte mich tatsächlich in die Autorin gut rein versetzen. Ich hätte mir nur noch mehr und diversere Bilder gewünscht. Obwohl Moscheen und Anti USA Plakate interessante Motive sind muss man aufpassen dass die Bilder trotzdem repräsentativ bleiben. Sehr diverse und das ganze Land und alle Bevölkerungsschichten umfassende Fotogallerien finden sich hier: https://theotheriran.com/tag/photos/
13339 04.12.2016
3.
ein wunderschoen authentisch geschriebener reisebericht...mehr bilder waeren sicher empfehlenwert...
b4bm 04.12.2016
4. Guter Artikel, aber etwas überspitzt
Vielen Dank für die Eindrücke! Ich konnte den Iran selbst kürzlich für einige Zeit erleben und kann mich in der Grundstimmung der Artikels sehr gut wiederfinden. Aussagen wie "Jeder macht alles" und "Jeder hat einen Facebook account" sind allerdings maßlos übertrieben. Dieser Eindruck kann allerdings leicht zustande kommen, da die meisten Hosts natürlich relativ liberal und 'westlich' ticken. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung lebt allerdings doch recht streng nach den Scharia-Gesetzen und Regeln. Ich habe das Land als tief gespalten erlebt. Eine Spaltung die sich auch durch quer durch die gesellschaftliche Struktur zieht. Einer meiner iranischer Gastgeber - welchen ich für recht gut informiert halte - meinte zu mir, dass in etwa 50% der Bevölkerung (mehr oder weniger) die bestehenden gesellschaftlichen Regeln und Gesetzte für angebracht empfinden.
olli0816 04.12.2016
5. Schön geschrieben und sehenswerte Bilder
Iran ist ein Land, dass für mich sehr unbekannt ist. Ich habe in der Vergangenheit einige Dokumentationen gesehen und mir ist aufgefallen, dass es dort sehr schön ist. Allerdings bin ich kein religiöser Mensch und die Verschleiherung der Frauen ist für mich persönlich eine arge Einschränkung des öffentlichen Lebens. Trotzdem kann ich mir vorstellen, auch mal dorthin zu fahren. Die Bilder haben mir besonders gut gefallen und auch, wenn das Nachtleben nicht abgebildet ist (wird wohl als Schutz für die Beteiligten zu verstehen sein), geben sie einen guten Endruck wider. Das Doppelleben der Iraner finde ich erwähnenswert. Anscheinend besteht eine große Sehnsucht nach einem westlichen Leben mit weit weniger Einschränkungen. Das wird privat ausgelebt, aber öffentlich lässt sich die Masse die Gängelung gefallen. Interessant wäre zu wissen, ob es wirklich die Masse ist oder eben nur ein Teil der Bevölkerung, in dem sich die Autorin gerade aufgehalten hat. Ich fand den Artikel sehr bereichernd.
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