Iran-Tagebuch Die Reise-WG

Nicht nur die Gastfreundschaft, auch die Spontaneität der Iraner beeindruckt Helena Henneken. Bevor sie es überlegen kann, sitzt sie mit ihren Teheraner Gastgebern im Auto und fährt 900 Kilometer weit - ein kleiner Frühlingsausflug.

Helena Henneken

Drei Dinge scheinen in jeden iranischen Haushalt zu gehören: eine Picknickdecke, ein Camping-Wasserkocher und ein Zelt. Zumindest sind überall im Land picknickende und zeltende Menschen zu sehen: in freier Natur, an World Heritage Sites, auf Grünstreifen, in öffentlichen Parks. Meist haben sie Berge von Essen dabei. Und natürlich Tee.

"In Deutschland wäre das nicht möglich", bemerke ich. "Echt - warum nicht?", fragt mein Teheraner Gastgeber Reza erstaunt. Weil man in Deutschland nicht so einfach überall picknicken darf. Und erst recht nicht campen. Für Iraner kaum vorstellbar - insbesondere nicht, weil ich ihnen von einem Land berichte, in dem doch eigentlich Freiheit herrscht.

Insgesamt scheinen die Iraner sehr spontan zu sein, was das "Einpacken und Losfahren" im eigenen Land angeht. "Hast du Lust, mitzukommen?" Reza und seine Freunde überlegen, für ein paar Tage in den Südwesten des Landes zu fahren. Wahrscheinlich übermorgen. Wenn sie genügend Autos zusammenbekommen.

Und nur 36 Stunden später sitze ich auch schon in einem von vier Autos und fahre mit 15 Iranern für vier Tage mal eben fast 900 Kilometer in den Südwesten des Landes: von Teheran über Arak nach Ahvaz - in die Provinz Khuzestan, nordöstlich des Persischen Golfes. Nach und nach wandelt sich die Landschaft: Es wird trockener, heißer, alles erscheint ein bisschen arabischer.

Nicht nur für mich ein neues Bild - auch die Teheraner stellen fest: "Sieht echt anders aus hier." Ein spannender Wechsel von Landschaft und Menschen. Nur das Hijab-Outfit würde ich gerne ablegen: Kopftuch und lange Jacke sind in dieser Gegend für meinen Geschmack definitiv zu warm. Auch wenn viele Frauen hier sogar schwarze Tschadors tragen.

Freunde, Freunde von Freunden - alle packen mit an

Auf dem Weg besichtigen wir historische Orte mit so fantastischen Namen wie Shush - Palace of Darius, Chateau de Morgan - Shushtar und Chogha Zanbil. Und ich bin zutiefst beeindruckt von dem Wissen meiner Mitreisenden über ihre eigene Historie und Kultur, das sie engagiert mit mir teilen: Alireza, der eigentlich Physik unterrichtet, erweckt jeden historischen Ort mit lebhaften Erzählungen zum Leben. Mohammed zeigt uns beim Picknick "sat-e aftab": eine Pflanze, die sich beim Trocknen wie eine Sonnenuhr dreht. Und Mohammed II entdeckt ständig neue lokale Spezialitäten und Früchte, die wir, begleitet von seinen Erklärungen, probieren müssen.

Als ich meine Bewunderung über ihr Wissen zum Ausdruck bringe, ernte ich nur Schulterzucken: "Wir können einfach nicht so viel machen in diesem Land - außerdem lesen und lernen wir gerne."

Unsere Reisegruppe setzt sich aus ziemlich unterschiedlichen Menschen zusammen: gute alte Freunde und Freunde von Freunden. Auch Xasxas, die behinderte Schwester von Amir, meinem Gastgeber in Ahvaz, und die Eltern von zwei Freunden sind mitgereist. Für meinen deutschen Blick eine ungewohnte Mischung der Generationen - die aber wie selbstverständlich funktioniert: Das gemeinsame Schlaflager verteilt sich über vier Räume einer freien Wohnung in Ahvaz, die uns die Verwandte einer Mitreisenden kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Alle packen mit an, kaufen ein, kochen gemeinsam, räumen auf - kümmern sich um das Wohlbefinden von allen. Wenn 3 von 16 Personen den spontanen Wunsch haben, mitten in der Nacht aus dem Auto auszusteigen und zu Fuß das letzte Stück bis zur Unterkunft zurückzulegen, macht die Mehrheit es für sie möglich.

Und obwohl unsere Reisegruppe so groß ist, werden viele Dinge ganz spontan entschieden: das Frühstückspicknick auf einer Verkehrsinsel, das ausgiebige Genießen des Sonnenuntergangs bei Chogha Zanbil begleitet von persischen Liedern, das mitternächtliche Falafel-Essen an der Hauptstraße von Shushtar - nachdem wir hier trotz längst verpasster Öffnungszeiten noch eine uralte Wassermühle besichtigen durften.

Die Heimfahrt nach Teheran kann warten

Als wir nach viel Staub und Trockenheit am dritten Tag über eine kurvige Bergstraße plötzlich in der wundervoll grünen Natur des Karun Rivers ankommen, werden schließlich sämtliche Pläne über Bord geworfen: Laut jubelnd, mit aufgedrehten Autoradios wird die Fahrt bis zum besten Aussichtspunkt zelebriert. Kurzstopp, dann Heimreise? Nicht mehr aktuell. Hier ist es einfach zu schön, um schnell wieder abzureisen!

Stattdessen wird erst einmal Picknick gemacht, die Natur genossen - und bis spät in die Nacht werden am Lagerfeuer traditionelle persische Lieder gesungen. Die Heimreise kann man schließlich auch noch gegen Mitternacht antreten. Dann einfach so weit fahren, bis die Fahrer müde sind. Und schließlich die vier Autos in Kolonne in irgendeiner Stadt am Straßenrand parken, um zumindest ein bisschen Schlaf zu bekommen. "No problem!" In Teheran kommen wir schon früh genug wieder an. Ganz einfach: 24 Stunden später.

Zum Abschied schenkt Reza mir eine CD mit traditioneller persischer Musik: zur Erinnerung an die spontane Nacht am Lagerfeuer. Seine Freundin Saba überreicht mir die CD eines zeitgenössischen persischen Komponisten: zur Erinnerung an die lustigen, gemeinsamen Autofahrten. Ein Duo, das mich auch zu Hause noch an die moderne Weltoffenheit und das gleichzeitige Traditionsbewusstsein meiner iranischen Reisegruppe erinnern wird.

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "They would rock", erschienen im Gudberg-Verlag; 304 Seiten; 24,95 Euro. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt Helena Henneken von ihren Erfahrungen in Iran, den ersten Teil des Reisetagebuchs können Sie hier nachlesen.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
habnichviel 29.06.2014
1. Habe auch mal so ein Ding erlebt.....
vor 4Jahren. Beim Abflug auf dem Flughafen Manila. Komme ins Gespräch mit einer jungen Iranerin die in Philippinen studiert. Ab diesem Moment wich sie nicht mehr von meiner Seite bis Bahrain. Dort trennten sich unsere Wege. Aber beide hatten wir noch 7Stunden Aufenthalt im Transitraum, ehe wir getrennt weiterflogen. Sie wollte alles wissen. Gottseidank war unser englisch so gut, dass wir uns perfekt verständigen konnten. Kann auch nur empfehlen, sich mal mit diesen Menschen näher zu befassen. Vielleicht kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.
tripler 29.06.2014
2. Guter Artikel weiter so :)
Diese Artikelserie ist sehr interessant. Liebe Redaktion, das ist sehr erfrischend und bietet mal neue Perspektiven zu diesem Land zu dem es so viele Nachrichten gibt die nur von einee Seite eines Landes berichten. Diese Reiseberichte durchleuchten auch mal eine andere Seite und gehen mehr auf die Menschen ein als auf die Politik. Mehr Berichte zu den Menschen im Iran und speziell Reiseberichte von Europäern und Amerikanern fände ich sehr interessant. Ähnlich wie auf http://theotheriran.com . Erst wenn wir ein Land und seine Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven sehen können wir uns ein eigenes Bild machen.
querulant_99 29.06.2014
3. Das geht gar nicht!
Zitat von triplerDiese Artikelserie ist sehr interessant. Liebe Redaktion, das ist sehr erfrischend und bietet mal neue Perspektiven zu diesem Land zu dem es so viele Nachrichten gibt die nur von einee Seite eines Landes berichten. Diese Reiseberichte durchleuchten auch mal eine andere Seite und gehen mehr auf die Menschen ein als auf die Politik. Mehr Berichte zu den Menschen im Iran und speziell Reiseberichte von Europäern und Amerikanern fände ich sehr interessant. Ähnlich wie auf http://theotheriran.com . Erst wenn wir ein Land und seine Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven sehen können wir uns ein eigenes Bild machen.
Da kommen uns ja sämtliche Feindbilder abhanden. ;-)
pantokrator 29.06.2014
4. optional
Dieses Land wird fälschlicherweise dämonisiert und als rückständig abgestempelt. Fakt ist: 60% der Studenten im Iran sind weiblich und bestens ausgebildet. Mich hat während meines Aufenthaltes im Iran erstaunt wie gebildet und offen Iraner sind. Ich gehe sogar soweit zu behaupten sie bewegen sich auf einem höheren kulturellen Niveau als wir in Deutschland. Der Iraner kennt seine Kultur, der Deutsche beschäftigt sich weniger damit. Ich bin Iranern begegnet, die konnten mir Werke von Goethe und Schiller fehlerfrei in deutscher Sprache rezitieren. Diese Menschen hatten ihr Land noch nie verlassen.
tripler 29.06.2014
5.
Zitat von querulant_99Da kommen uns ja sämtliche Feindbilder abhanden. ;-)
:) A propos Bilder interessante Bilder gibt es auch hier: https://www.facebook.com/pages/Iran-Photos-Personalities/275357125949953?ref_type=bookmark Es gibt einige Überschneidungen zu dem vorher geposteten Link aber auch einige andere Artikeln.
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