Iran-Reisetagebuch "Du bist jetzt unser Gast!"

Aus einem Zwischenstopp in der kurdischen Kleinstadt Paveh wird ein fünftägiger VIP-Aufenthalt. Helena Henneken wird von einer Familie zur anderen gereicht, erlebt Tanzstunden und begegnet Frauen, die reisen wollen, aber nicht dürfen.

Helena Henneken

Mit dem Sammeltaxi geht es in nur zweieinhalb Stunden durch die kurdischen Hügel und Berge nach Paveh. Eine Kleinstadt in der kurdischen Region Howraman, an der Grenze zum Irak. Von hier aus soll es möglich sein, in das spektakuläre, aber wenig besuchte Howraman-Tal zu gelangen - mein nächstes Etappenziel. Ich weiß nicht genau, ob und wo es ein Hotel gibt. Also bitte ich den Sammeltaxifahrer, mich einfach mitten in der Stadt rauszulassen.

Das gefällt ihm allerdings gar nicht - "Kein Hotel?!" - so lässt er mich auch auf keinen Fall aussteigen. Stattdessen sucht er jemanden, der weiterhelfen kann. Fragt sich so lange durch den Ort, bis er mich schließlich im offensichtlich einzigen Hotel Pavehs untergebracht hat. Eine Stunde zusätzliche Arbeit, für die er am liebsten kein Geld annehmen möchte.

Das Hotel liegt am oberen Ende des Ortes, wirkt neu und "upper class". Mit dem Plan, eine Nacht zu bleiben, aber heute noch ein Transportmittel zu finden, das mich am nächsten Morgen in das Howraman-Tal bringt, laufe ich in den Ort.

Ein Plan, der sich bereits eine halbe Stunde später schon wieder vollkommen in Luft auflöst. Neben mir hupt ein Auto, aus dem mich vier lächelnde Gesichter anstrahlen: Ali, seine Frau Sara und ihre zwei Töchter. Ein kurzes Gespräch - und schon laden sie mich zum Mittagessen und Übernachten zu sich nach Hause ein. "Du bist jetzt unser Gast!" Und so werden aus einer Nacht Stop-over fünf unvergessliche Tage in Paveh. Denn ab jetzt gilt im ganzen Ort: "Es ist unser Pflicht, uns um einen Gast in unserer Stadt zu kümmern."

"Es gibt keine Arbeit und reisen können wir auch nicht"

Schon zum Nachmittag werde ich von einer der zwei privaten Englisch-Schulen eingeladen, als "special guest" an ihrem Unterricht teilzunehmen. Nacheinander sitze ich vor drei Klassen sehr aufgeweckter Teenager und beantworte eine Flut von Fragen: "Woher kommst du?" - "Bist du verheiratet?" - "Wie findest du die Iraner?" - "Was arbeitest du?" - "Magst du Fußball?" Die Mädchen sind auf den ersten Blick neugieriger und weniger schüchtern als die Jungen. Für besonders großes Staunen sorgt, dass ich mit 35 Jahren keinen Ehemann, kein Auto und - ganz besonders seltsam! - keinen Fernseher habe.

In den nächsten Tagen werde ich durch den ganzen Ort gereicht, von einer Familie zur nächsten: zum Mittagessen, Tee, Abendessen, Übernachten. Ganz egal ob die Menschen reich oder arm sind, ob sie in einem modernen oder einem traditionellen Haus mit Kuhstall im Untergeschoss wohnen - ich erhalte so viele Einladungen, dass ich gar nicht alle annehmen kann.

Dazwischen zeigen mir wechselnde Personen die umliegende Gegend, stellen mir ihre Verwandten und Freunde vor. Eine kurdische Tanzstunde gehört auch dazu - von einer Mädchenklasse, die zur Mutter, die am allerbesten kochen kann, eingeladen hat. Zur Feier des Tages tragen sie ihre schönsten, traditionellen und buntglitzernden Kleider.

An den Abenden führe ich mit meinen Gastgebern Gespräche über die politische und wirtschaftliche Lage im Land. Viele sind von der aktuellen Situation im Iran frustriert. Sie fragen mich aus über Leben, Politik, Wirtschaft und Sozialsystem in Deutschland. Ob es stimme, was die offiziellen Medien im Iran behaupten, dass wir auch eine Wirtschaftskrise in Deutschland hätten?

Sie hätten gerade große Probleme, Jobs zu finden - wegen der Wirtschaftskrise im Land und als sunnitische Minderheit. Einige der unverheirateten Frauen in meinem Alter stellen fest: "Wir können hier nichts machen. Es gibt keine Arbeit, und reisen können wir auch nicht. Nicht alleine als Frau. Außerdem ist es zu teuer, und ein Visum bekommen wir nicht."

"Very special guest" in Pavey

Das Thema Hochzeit ist bei ihnen besonders präsent, denn eigentlich sind sie mit "um die 30" schon ganz schön alt, um in dieser Gegend noch unverheiratet zu sein. Selbst wenn sie für sich entschieden haben, nicht zu heiraten, bleibt es ein Thema: Zwar verlassen sie mit ihrem Entschluss die hier herrschenden gesellschaftlichen Konventionen - mehr Freiheit erlangen sie dadurch aber auch nicht.

Verlegen lächelnd berichtet Maryam, dass sie im vergangenen Jahr, mit 27 Jahren, von ihrem ausgewanderten Cousin aus Deutschland einen Heiratsantrag erhalten hat. "Ich habe ihn aber nicht angenommen." - "Warum nicht? Weil du deinen Cousin seit 13 Jahren nicht gesehen hast?" - "Nein. Meine Eltern wollten nicht, dass ich so weit weg gehe."

Ein bisschen stolz ist sie trotzdem auf den Antrag, stellt mir ihren Cousin und seine Eltern auf Fotos vor: Ruhrgebiet, neunziger Jahre. Beim Abendessen hält sie mir plötzlich ihr Mobiltelefon ans Ohr: "Mein Cousin aus Deutschland. Bitte sprich mit ihm! Auf Deutsch!"

Sehr überrascht telefoniere ich also in einem kurdischen Städtchen im Iran mit einem Iraner in Frankfurt am Main, der mindestens genauso überrascht ist wie ich. Und während mich seine Verwandten anstrahlen, stellt er mir aus der Ferne genau die gleichen ungläubigen Fragen, die ich vor meiner Abreise in Deutschland immer wieder beantworten musste: "Du bist Touristin? Reist alleine? Als Frau? Im Iran?" Ja, als Touristin im Iran. Nach fünf Tagen Paveh komme ich mir allerdings eher wie ein "very special guest" oder sogar eine "Botschafterin des Auslands" vor.

Schließlich mache ich mich doch noch auf den Weg ins Howraman-Tal. Der Abschied von Paveh ist ausgesprochen herzlich. Und aus den vielen berührenden Gesprächen und Erlebnissen der letzten Tage bleibt die Frage eines Englischlehrers ganz besonders hängen: "Wie können wir Iraner mit der Welt kommunizieren, einen Austausch starten - jenseits von Politik?"

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "They would rock", erschienen im Gudberg-Verlag; 304 Seiten; 24,95 Euro. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt Helena Henneken von ihren Erfahrungen in Iran, den ersten und zweiten Teil des Reisetagebuchs können Sie über die Links nachlesen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sabi 02.07.2014
1. damals
Wie war's damals in der DDR, oder CSSR - die Leute waren sehr freundlich und auch gastfreundlich. Das ist passée . So ist es auch im Iran. Wo Repression und Diktatur herrscht halten die Leute zusammen und sind auch freundlich zu Gästen.
ugt 03.07.2014
2.
... Nacheinander sitze ich vor drei Klassen sehr aufgeweckter Teenager und beantworte eine Flut von Fragen: "Woher kommst du?" - "Bist du verheiratet?" - "Wie findest du die Iraner?" - "Was arbeitest du?" - "Magst du Fußball?" Die Mädchen sind auf den ersten Blick neugieriger und weniger schüchtern als die Jungen. Für besonders großes Staunen sorgt, dass ich mit 35 Jahren keinen Ehemann, kein Auto und - ganz besonders seltsam! - keinen Fernseher habe. ... Ja so sind sie, kein Erbarmen und wenn man in den Bauch kein Loch mehr fragen kann, dann ist der nächste Körperteil dran. Und der ganze Bericht zeigt wie offen und menschlich doch die ach so bösen Iraner sind. Neugierig, begierig etwas aus der fernen Welt zu hören. Wir Teutonen sollten von diesen Menschen etwas lernen!! Gastfreundschaft, uns furchtlos Fremden zu nähern. Mit ihnen Reden uns für sie als Menschen interessieren.
javaurlaub 05.07.2014
3. Rundreise Java Bali Lombok
Danke Helena für die Artikel, interessante Artikel. Mindestens bekomme ich neue Info über Iran.
alexanderlord 08.07.2014
4. Trauriges Weltbild
Zitat von SabiWie war's damals in der DDR, oder CSSR - die Leute waren sehr freundlich und auch gastfreundlich. Das ist passée . So ist es auch im Iran. Wo Repression und Diktatur herrscht halten die Leute zusammen und sind auch freundlich zu Gästen.
Also gibt es Ihrer Meinung nach gastfreundliche Menschen nur in unterdrückten Ländern? Das ist ein sehr trauriges Weltbild, dass sie da haben. Und wirklich informiert sind Sie anscheinend auch nicht: In Iran herrscht keine "Diktatur", da nicht nur der Präsident gewählt wird, sondern auch der Revolutionsführer, der durch den Expertenrat indirekt vom Volk gewählt wird und übrigens auch wieder abgesetzt werden kann. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Frau Henneken und gehen Sie in den Iran und plappern Sie nicht ideologischer Propaganda nach.
alexanderlord 08.07.2014
5. Lob an Henneken
Helena Henneken schafft das, was viele Redakteure im Hinblick auf Iran nicht geschafft haben: Ausgewogenheit. Einerseits macht Sie auf die vielen Fakten aufmerksam, die zeigen, dass Iran ganz anders ist, als wir denken, die Menschen anders denken als wir denken, und gleichzeitig macht sie auf die Klagen und Wünsche einiger Iraner aufmerksam und weist auf, inwiefern sie auch so denken wie wir denken. Was mir an Henneken gefällt: Sie politisiert das Thema nicht und berichtet über die zahlreichen und überwiegenden guten Seiten Irans, ohne dabei die Klagen, Wünsche und Probleme der Iraner auszublenden. Henneken hat sich eben nicht nur in Teheran aufgehalten, sondern hat - wie man zum Beispiel in diesem Auszug sieht - Orte besucht, in denen die Minderheiten leben. Diese schreien nicht um Hilfe, sprechen aber ihre Probleme deutlich an und Henneken stellt dies dar, ohne in sensationslüsterne Dramatisierungen zu verfallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.