Unter Wasser in Israel Tauchgang in die Vergangenheit

Jahrtausendealte Ruinen, jede Menge Wracks und ein versunkenes Dorf: Archäologen begeben sich beim Tauchen an der Mittelmeerküste Israels auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit. An manchen Orten dürfen Touristen ihnen folgen.

Von Lars Brinkmann

Paula Faiferman

Die steife Brise zerrt an Beverly Goodmans Lederhut. Die Kleidung der Archäologin aus den USA, ein zerknittertes Baumwollhemd, die olivfarbene Cargo-Hose und der speckige Hut, erinnert an Indiana Jones. Ein Vergleich, der Goodman nicht gefällt - der Hollywood-Filmheld ist seriösen Wissenschaftlern ein Graus, zumal für sie hier, in Caesarea, Neopren-Anzug und Tauchmaske viel wichtiger sind.

Goodman erforscht für die Universität von Haifa die archäologischen Stätten des antiken Hafens an der Mittelmeerküste Israels. Jahrelang war dieser Platz nur Archäologen wie ihr vorbehalten. Heute können auch Touristen hier tauchen, wenn Wind und Wellen es zulassen. Wer weiße Marmorsäulen erwartet, wird allerdings enttäuscht: Das Mittelmeer hat die Relikte mit einer bräunlichen Kruste überzogen.

An diesem Tag ist das Wetter perfekt zum Tauchen. Die Sicht ist gut, der wenige Meter tiefe Grund schimmert durch die Wasseroberfläche. Die Tauchbasis, über die man hier Tauchgänge buchen kann, liegt am Anfang des Kais. Direkt davor geht es ins Wasser.

Ein leichter Schwell wiegt die Taucher vorbei an den gigantischen Blöcken von Kaianlagen und Leuchttürmen, Säulenresten und Fundamenten. Viele der versunkenen Altertümer sind mit Nummern beschriftet, damit man sich an Land informieren kann, was man gesehen hat.

Herodes schuf Caesarea, die Römer bauten es aus

Goodman erzählt später von König Herodes, der hier unbedingt einen Hafen bauen wollte, obwohl sich die Stelle mangels eines natürlichen Witterungsschutzes dafür nicht eignete. Der egozentrische Herrscher ließ Kaianlagen und prunkvolle Palastgebäude errichten. Er selbst starb, bevor sein Lieblingsprojekt beendet wurde.

Die Römer bauten Caesarea schließlich zu einem der größten Häfen des Mittelmeers aus, zu einer antiken Metropole, deren Glanz zeitweise sogar Jerusalem überstrahlte. Der Pool von Roms Statthalter Pontius Pilatus ist heute noch zu sehen: ein rechteckiges Loch in den Uferfelsen - selbstverständlich mit Blick aufs Meer.

Die Römer und ihre Nachfolger, die Byzantiner und Araber, Mamelucken und Kreuzritter, hinterließen Spuren, auch unter Wasser. "Vieles kommt nach Stürmen zutage, wenn das Mittelmeer den Sandgrund mal wieder umgegraben hat", sagt Goodman und zeigt auf einige Amphoren. Die Gefäße liefern den Wissenschaftlern Informationen über antike Handelsrouten und Siedlungen, Klima und Seebedingungen.

In die noch fernere Vergangenheit gräbt sich Ehud Galili vor, der Direktor des unterwasserarchäologischen Museums auf dem Gelände des Kibbuz Nachscholim, rund 20 Kilometer südlich von Haifa. Mehr als 10.000 Jahre alt seien die gefundenen Objekte teils, sagt er. Zu Galilis Ausgrabungsstätten zählen einige der ältesten prähistorischen Siedlungen weltweit. Zum Beispiel Atlit-Yam, das versunkene Dorf unweit von Atlit, das Tauchtouristen über Exkursionen der Universität von Haifa besuchen können.

An der Küste führte eine wichtige Handelsroute entlang

Vor etwa 9000 Jahren lag der Meeresspiegel hier noch rund 15 Meter unter dem heutigen, die Küste verlief etwa einen Kilometer westlich. Heute liegt Atlit-Yam bis zu zwölf Meter tief unter Wasser. Neben Gebäuderesten, Feuerstellen, Werkzeugen und Keramikgefäßen befindet sich hier einer der ältesten bekannten Steinbrunnen der Welt. Das von Steinblöcken eingefasste Loch im Meeresboden hat einen Durchmesser von rund eineinhalb Metern und ist fünfeinhalb Meter tief.

In einer der zehn Grabstellen, die die tauchenden Archäologen fanden, lagen eine Frau und ein Kind - zwei der weltweit ältesten bekannten Fälle von Tuberkulose. Vier Skelette wiesen Ohrenschäden auf, ein Hinweis darauf, dass die Männer des Dorfes intensiv tauchten, vermutlich auf der Suche nach Nahrung.

In der Antike dann führte einer der bedeutendsten Schifffahrtswege des Mittelmeers hier entlang. "Über 5000 Jahre Schifffahrt lassen sich an einer 180 Kilometer langen Küstenlinie nachvollziehen", sagt Jacob Sharvit, Direktor der unterwasserarchäologischen Abteilung der Israel Antiquities Authority. Israels Mittelmeerküste bildet hier eine Kreuzung zwischen Afrika, Europa und den Handelswegen aus Asien - nicht wenige gerieten wegen der rauen Bedingungen hier in Seenot.

"Wir gehen davon aus, dass an Israels Küste alle 20 bis 25 Meter ein Schiffswrack liegt", sagt der Archäologe. Die Menge antiker Steinanker, die man hier gefunden hat, ist so groß, dass sie teils zum Einfassen von Blumenbeeten verwendet werden.

Alte und moderne Wracks auf dem Meeresgrund

Um den strategisch wichtigen Punkt wurde bis ins vergangene Jahrhundert immer wieder gekämpft, weshalb auch modernere Wracks präsent sind. Ältere wie neuere gesunkene Schiffe, darunter das italienische U-Boot "Scirè" in der Bucht von Haifa, können Taucher über Touren mit dem Putsker Diving Center in Nahariya entdecken.

Taucher, die heute mit gemächlichen Flossenschlägen über das zigarrenförmige Wrack der "Scirè" hinwegschweben, befinden sich am Schauplatz einer Tragödie: Im Sommer 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, sollte die "Scirè" an diesem Ort britische Kriegsschiffe angreifen. Doch die Royal Navy entdeckte das U-Boot, trieb es in die Enge und schickte es mit einer Wasserbombe auf den Boden der Bucht. 49 Seeleute und elf Kampfschwimmer kamen ums Leben.

An Bord des Bootes ist es nach diesem Tauchgang still. Die Atmosphäre ist nicht euphorisch wie nach dem Besuch eines bunten Riffes, es gibt kein Grinsen, Flachsen, Schulterklopfen. Die Stimmung ist nachdenklich, so wie zwei Tage zuvor, nach dem Besuch des Wracks der "Kidon", einem ehemaligen Raketenschnellboot der israelischen Marine, drei Kilometer vor Nahariya, in 26 Meter Tiefe.

Die Unterwassergedenkstätte neben dem Boot ist dabei fast noch beeindruckender: Auf einem Fundament in Form von Fledermausflügeln ragen zwölf Stühle ins blaue Wasser. Jeder von ihnen steht für einen der israelischen Kampfschwimmer, die bei einem Einsatz im nahen Libanon ums Leben kamen. Geschichte ist in Israel beim Tauchen immer in greifbarer Nähe - die alte und die neuere.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.