James Bond auf Jamaika: Der Spion, der aus der Hitze kam

Ein Haus mit Karibikblick, Agentenerfahrung und blühende Phantasie: Mehr brauchte Ian Fleming nicht, um auf Jamaika die Figur des James Bond entstehen zu lassen. In den 007-Filmen tummelte sich der Spion auch an Drehorten auf der Insel - mit Dr. No und Honey Ryder.

Jamaika: Wo James Bond erschaffen wurde Fotos
Corbis

Falmouth - "Unbefugte werden gegessen", begrüßt noch immer ein Schild am Eingang der "Jamaica Swamp Safari" Besucher aus aller Welt. Doch statt des Bösewichts Kananga kümmert sich heute Gabrielle Vernon um die Gäste des kleinen Zoos in der Nähe von Falmouth im Norden Jamaikas. Hier wurde einst die Filmszene in "Leben und sterben lassen" gedreht, in der Roger Moore alias James Bond sich nur knapp aus einer Umzingelung von Krokodilen befreien konnte: indem er über deren Rücken an Land flüchtete.

"Fünfmal balancierte der als Stuntman agierende Besitzer des kleinen Zoos, der tatsächlich Kananga hieß, damals über die Krokodilrücken, bevor die Szene gelang", erinnert sich Gabrielle. Einmal rutschte der Hobbyzoologe aus und entkam nur knapp den gefräßigen Echsen. Beim vierten Versuch verbiss sich ein Raubtier im Fuß des Stuntmans, der aber die Filmarbeiten unbeirrt fortsetzte.

"Damals waren im Dienst Ihrer Majestät noch echte Männer in Aktion", sagt Gabrielle, lächelt und wirft Urechse Jonathan einen Hähnchenhappen in den riesigen Schlund. Dessen Artgenossen gähnen gelangweilt, heute will sich kein Geheimdienstler blicken lassen.

Auch in den etwa 20 Autominuten östlich gelegenen Green Grotto Caves herrscht gähnende Leere - bis auf wenige Touristen. An den Wänden der Karsthöhle lässt sich von dem im Film wie ein Luftballon explodierten Kananga nicht das kleinste Überbleibsel finden. Dafür erzählt Tourguide Dwayne McFarlane spannende Geschichten von Grottengeistern oder vom letzten spanischen Gouverneur, der sich hier vor den anrückenden Engländern versteckt hat.

"Für uns Jamaikaner ist das Höhlensystem vor allem mit dem Namen Juan de Bolas verbunden, einem der Gründer der Maroon-Bewegung, die gegen die Unterwerfung durch die Briten kämpfte", sagt McFarlane. Entflohene Sklaven sammelten sich im späten 17. Jahrhundert in den Höhlen und schlossen sich den Maroons in den Bergen an, die in ihrem Guerillakrieg beachtliche Erfolge erzielten. Als erste schwarze Sklaven erlangten sie schließlich 1739 die Freiheit, bereits 100 Jahre vor der offiziellen Abschaffung der Sklaverei.

Mit Rum zum Roman

Vielleicht lassen sich an den Laughing Waters von Ocho Rios mehr Spuren von 007 entdecken? Denn wer erinnert sich nicht an die Szene des ersten Bond-Films "James Bond jagt Dr. No", in der Ursula Andress alias Honey Ryder als erstes Bond-Girl im für damalige Verhältnisse aufsehenerregenden Bikini aus den Wellen der Karibik auftaucht? Leider ist die Filmlocation heute nur mit Sondererlaubnis zugänglich, da sie sich auf Regierungsgelände befindet. Und ein 200 Meter hoher Wasserfall in der Nähe, in den Honey ihre langen Beine streckte, entpuppt sich bald als ausgesprochener Touri-Klamauk.

Schnell weg von diesem nun gar nicht mehr romantischen Platz und lieber in Richtung Osten weiterreisen, bis irgendwo an der Küste der kleine Ort Oracabessa auftaucht. Besucher benötigen schon ein gutes Orientierungsvermögen oder einen ortskundigen Führer, um den Eingang zum Hotelresort Goldeneye zu finden.

Hinter einem Wald aus Mangroven, Würgefeigen, Palmen liegt es versteckt: das Zauberhaus. Hier brachte Ian Fleming vor 60 Jahren seinen ersten Bond-Roman "Casino Royal" zu Papier. Nach einigen Jahren als Geheimagent der britischen Marine im Zweiten Weltkrieg ließ sich Ian Fleming 1946/47 ein kleines Anwesen errichten, um dem tristen englischen Winter zu entrinnen. Die Sicht auf die Karibik, das Zirpen der Grillen und vielleicht auch der jamaikanische Rum inspirierten ihn wohl zu dem Buch. Darin verwob er seine beruflichen Erfahrungen mit üppiger Männerphantasie.

In dem kleinen Haus auf einer Felsklippe soll Fleming sämtliche James-Bond-Romane geschrieben haben. "Oft zog sich der Commander auch in sein Gartenhäuschen zurück und tauchte erst nach Stunden wieder auf", sagt der inzwischen 76-jährige Gärtner Ramsey Dacosta, der bereits als 17-Jähriger Gelegenheitsarbeiten auf Flemings Anwesen verrichtete. Gern führt Ramsey Hotelgäste zum Schreibtisch, auf dem mit dem ersten Buch "Casino Royal" die erfolgreichste fiktive Romanfigur des 20. Jahrhunderts entstand - rund 50 Millionen Bond-Bücher gingen über die Ladentheken.

Das ursprünglich schlichte Inventar ist inzwischen Designmobiliar gewichen. Für umgerechnet etwa 6500 Euro pro Nacht mieten sich hier inzwischen Hollywoodstars sowie Musiker, Politiker und Künstler ein. Aus dem benachbarten kleinen Gartenhaus ist inzwischen das Edelrestaurant "Gazebo" inklusive Bar geworden, und ein Anbau beherbergt eine Bibliothek mit einer Auswahl von Büchern vom und über den Commander.

Die Wände zieren fotografische Dokumente aus dem Leben Flemings sowie Bilder aus diversen Bond-Verfilmungen. Es lohnt sich, in den Büchern zu stöbern, entdeckt man dabei doch so manche Parallele zwischen Bond und seinem Schöpfer. Bereits als Teenager soll Fleming lieber schönen Mädchen nachgestiegen sein, als sich der Schule zu widmen. Nachdem er sich mehr oder weniger erfolglos als Journalist, Börsenmakler, Banker und Diplomat versucht hatte, spannte er einem Medientycoon die Frau aus.

Stoff für viele Geschichten

Im Zweiten Weltkrieg avancierte Fleming schnell zum persönlichen Assistenten des Marineabwehrchefs und Admirals John Godfrey und wurde Commander. Eine seiner ersten Missionen, mit denen er in Gibraltar und Südspanien betraut wurde, lief unter dem Codenamen "Goldeneye". Weitere Aufträge führten ihn von Moskau bis Jamaika und brachten ihn in Kontakt mit speziell ausgewählten Agenten der britischen und amerikanischen Geheimdienste. So sammelte sich genügend Stoff an, aus dem er später seine Geschichten strickte.

Als er eines Tages auf den Verfasser des Buches "Vögel der westindischen Inseln" traf, dessen Name James Bond lautete, stand für Fleming fest, wie er seinen fiktiven Romanhelden nennen wird. "Bond ist der Traum eines Autors davon, wie er selbst hätte sein können", sagte Fleming einmal. "Ein Märchen für Erwachsene." Mit dem lebenden, echten James Bond traf sich Fleming später einmal im Goldeneye.

Zu den ersten Fans der Bond-Romane gehörte übrigens der damalige US-Präsident John F. Kennedy, der Fleming unter anderem zum Dinner ins Weiße Haus einlud. CIA-Direktor Allen Dulles wollte Fleming gar Ideen entlocken, wie man Fidel Castro töten könnte. Nach 23 Filmen ist die Schar der Bond-Fans weltweit deutlich gewachsen. Mit großer Gewissheit trifft man den einen oder anderen in den neun Ferienvillen an, die sich um eine Lagune nahe dem Fleming-Haus reihen.

Sie wurden erst im Jahr 2011 vom ehemaligen Gründer des Musiklabels Island Records, Chris Blackwell, erbaut, dessen Mutter Blanche eine enge Beziehung zu Fleming unterhielt und der selbst als Locationscout für den ersten Bond-Film unterwegs war. Gemeinsam schwimmen Gäste zum vorgelagerten Korallenriff, wo Ian Fleming einst einen Oktopus fütterte, oder machen einen Abstecher nach Frenchman's Cove, wo der Autor gern badete.

Und sicher kommt man beim abendlichen Wodka-Martini auf den Konsens, dass sich ein James Bond nie und nimmer an Datenschnüffelei im Internet beteiligt hätte. Bonds beruhigende Worte an Honey Ryder: "Ich kann Ihnen versichern, dass meine Absichten strikt seriöser Natur sind."

Michael Juhran/dpa/abl

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