Japans Tsunami-Touristen: Katastrophenhelfer aus dem Reisebus

Von Heike Sonnberger

Shoppen, schlemmen und ein bisschen aufräumen: Ein Reisebus voller Japaner rollt in die Tsunami-Zone, um dort ein Wochenende zu verbringen. Wer mitfährt, will den Überlebenden helfen. Doch Spaß soll der Ausflug auch machen.

Japanische Busreise: Einkaufen, feiern und ein bisschen arbeiten Fotos
SPIEGEL ONLINE

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Der Reisebus biegt auf einen verschneiten Rastplatz, irgendwo zwischen Tokio und der Katastrophenzone. Es ist Samstagmorgen, viertel vor vier. "Bitte rutschen Sie nicht aus, denn auch auf diesem Rastplatz liegt Schnee", näselt Reiseleiterin Yuko Miura ins Mikrofon. Drei Herzschläge Stille. "Es ist gerade gefallener Pulverschnee. Bitte seien Sie sehr vorsichtig, da dieser Schnee besonders rutschig ist." Im Bus strecken sich Touristen unter ihren Fleece-Decken.

Samstagmorgen, halb sieben. Hiromi Nonaka, 32, lacht über das runde Gesicht. Die Krankenschwester, die ihren Job aufgegeben hat, um Tsunami-Opfern zu helfen, ist auf dieser Fahrt für die gute Laune zuständig. Sie arbeitet für die Hilfsorganisation "On the Road", die diese Fahrt mit einem großen japanischen Reiseunternehmen auf die Beine gestellt hat. "Wir haben noch 30 Minuten für die Vorstellungsrunde, dann gibt es Frühstück, guten Morgen alle zusammen!" Im Bus brummt es unwillig, doch Nonaka lässt das Mikro unbeirrt von Sitz zu Sitz wandern.

Aus ganz Japan sind sie gekommen, aus Taiwan gar, um "auch etwas zu tun" gegen die Qualen des 11. März. Sie haben im Fernsehen gesehen, wie der Tsunami ganze Dörfer zermalmte, dort oben im Nordosten. Und wie Freiwillige aus aller Welt Trümmer wegtrugen und Mahlzeiten kochten, damals vor knapp einem Jahr. Nun wollen sie selbst sehen und helfen.

Seeigel zum Frühstück

Deshalb haben gut 20 Japaner zwischen 20 und 60 Jahren für 300 Euro eine organisierte Tour nach Ishinomaki und Onagawa gebucht. Eineinhalb Tage im Katastrophengebiet, zwei Stunden Müll sammeln und Unkraut wegschaufeln, doppelt so lange Mitbringsel shoppen und Spezialitäten schlemmen. Der Ausflug soll schließlich auch Spaß machen.

Ein paar morgendliche Sonnenstrahlen fallen in die Fischhalle, in der Freiwillige mit Papiergutscheinen morgens um sieben ihr Frühstück zusammenstellen. Thunfisch, Kammmuscheln, Lachseier, Seeigel, dazu Pilzsuppe und Reis: "oishii" - "lecker" - und so günstig!

Sie habe schon darüber nachgedacht, wie es wohl mit den Strahlenwerten im Fisch aussehe, sagt Yuko Shimbori, 34, aus Yokohama. "Doch wir sind extra hierher gekommen, um zu helfen. Da kann man das nicht ansprechen." Der Busfahrer grinst breit: "Alles importiert!" Auf der anderen Straßenseite schimmert das Meer.

Die Reiseleiterin schweigt aus Hilflosigkeit

Reiseleiterin Miura hat vor der Reise versucht, etwas über den Frühstücksfisch herauszufinden. Doch Radioaktivität ist nicht so ein simples Problem wie ein rutschiger Rastplatz. Ewig habe sie im Internet gesucht - und nichts gefunden. "Das ist eine Grauzone, niemand spricht darüber", sagt die zerbrechlich wirkende 48-Jährige und schweigt.

Der Bus rollt nach Ishinomaki hinein, an Sperrmüllbergen und zerknautschten Autos vorbei. Das Wasser hat Betonmasten umgeknickt - "oooh", raunt es im Bus - und Metalltreppen verdreht - "aaah", raunt es im Bus. Ein paar Häuser ragen wie faulige Zähne aus dem trostlosen Brachland.

An einem Schmutzstreifen zwischen zwei Straßen, der früher mal ein Grünstreifen war, steigen die Freiwilligen aus dem Bus. Gummistiefel und Strickhandschuhe für jeden und das Erkennungszeichen: die rote Weste der Hilfsorganisation "On the Road".

Müll sammeln gegen das schlechte Gewissen

Als alle ihre Namen auf ein Stück Klebeband an der Weste gekritzelt und ein paar Dehnübungen mitgemacht haben, traben sie los, um den Schmutzstreifen von Müll zu befreien, damit dort irgendwann ein neuer Wall gegen Flutwellen entstehen kann.

Hideko Nakagawa, 46, aus Kyoto, säße gerade lieber zu Hause und würde Musik hören. Der Wind peitscht ihr den Schmutz der Straße in die Augen. Doch sie stopft tapfer Zigarettenschachteln, Styroporfetzen, Plastiktüten und einen abgeknabberten Maiskolben in einen weißen Nylonsack. Mit der Vorgabe, den brennbaren Unrat vom nicht brennbaren Unrat zu trennen, nimmt sie es nicht so genau. "Brennbar oder nicht, das ist schwer zu sagen." Nur ein Stück Stahl weist sie entschieden zurück: Das gehört eindeutig in einen anderen Sack!

Weil letztendlich sowieso alle Säcke durcheinander auf der Ladefläche eines Pick-up landen, macht es wenig, dass jeder Helfer den Müll nach eigenem Gutdünken sortiert hat. Die Geste zählt: Sie haben geholfen. Und können nun erleichtert die staubigen Handschuhe abstreifen und das bohrende Gefühl, die Menschen im Nordosten allein gelassen zu haben.

Heldengeschichten beim Abendessen

Abends warten eine gedeckte Tafel und ein paar Flaschen Reiswein auf die müden Helfer. Während sie frittiertes Gemüse und Fischhäppchen verspeisen, lauschen sie den Geschichten von drei Tsunami-Überlebenden.

"Ich hörte Kinderstimmen, sie riefen 'Helft uns! Helft uns!", erzählt der Lehrer Yasuhiro Kikuchi, 46. Drei Kinder hatten sich auf ein Dach gerettet, um sie herum die braune Flut. Er stieg komplett bekleidet ins eisige Wasser und brachte die Kinder an Land zu ihren Eltern.

Gleich am 12. März, am Tag nach der tödlichen Welle, habe Ishinomaki den Weg des Aufschwungs beschritten, sagt Kikuchi. Um diese Botschaft gemeinsam zu beschwören, recken die Reisegäste, die Freiwilligen der ersten Stunde und die drei Augenzeugen vor dem Schlafengehen die Fäuste zur Decke: "Für den Wiederaufbau Japans mit aller Kraft!"

Für Trauer ist kaum Platz auf dieser Reise

Da hat die Reiseleiterin ihre Tränen schon weggetupft. Während der Mahlzeit waren sie plötzlich aus ihren Rehaugen gerollt. Ihr Mann habe viele Freunde in der Gegend, einige seien immer noch vermisst. "Meine Brust schmerzt", hatte Miura leise gesagt. Sie habe sich überwinden müssen zu dieser Reise, es ist ihre erste ins Erdbebengebiet. "Ich bin gekommen, aber ich bin schwach." Es klang beschämt.

Am nächsten Morgen holpert der Reisebus über die Schotterstraßen von Onagawa. Noch mehr Sperrmüllberge, Pfützen, Brachland und eine unschuldig schimmernde See. Vom Wiederaufbau zeugen nur ein Einkaufszentrum und die 24-Stunden-Minimärkte, die hier und dort wie bunte Pilze aus dem Boden ragen.

Das Krankenhaus, in dem Tomomi Sato am Tag des Tsunami als Therapeutin arbeitete, liegt auf einer Anhöhe in Onagawa. Die 26-Jährige erzählt den Besuchern von der Flut vor dem Fenster, von nassen, durchfrorenen Menschen, eingewickelt in Krankenhausvorhänge, von Hunger und Depressionen. Und wenn sie den Fernseher anschaltete, schepperte ihr die Floskel entgegen, die man in Japan verwendet wie bei uns "Viel Glück": gambarou! - gebt euer Bestes! "Ich wollte es nicht mehr hören", sagt Sato. "Was sollten wir denn noch tun? Wir gaben doch unser Bestes!"

Sie verabschiedet sich mit einer Bitte: "Vergesst uns nicht."

Shoppen für den Aufschwung

Diese Botschaft steht auch auf den T-Shirts, die ein paar junge Designer aus Onagawa für Touristen entworfen haben. "NEVER FORGET JAPAN 2011.3.11" prangt darauf in sonnengelben Lettern und noch ein englischer Satz, der keinen Sinn macht. Doch das kümmert niemanden, denn wer die T-Shirts kauft, hilft der Region. Und so streifen die Besucher durch das neu errichtete Containerdorf, das eine Handvoll Läden beherbergt, und kaufen eifrig Hemden, Postkarten und regionale Spezialitäten.

Mit Tüten voller Mitbringsel klettert ein Ehepaar aus Osaka wieder in den Bus. Er hätte gestern gern noch zwei Stunden länger gearbeitet, sagt Hochschulprofessor Hachiro Iwai, 56. Seine Frau Noriko, Leiterin eines Meinungsforschungsinstituts, hätte es nicht anstößig gefunden, nur zu shoppen. Schließlich lasse man Geld in der Gegend und komme mit Einheimischen in Kontakt.

So war für jeden etwas dabei. Und auf der Rückfahrt nach Tokio können alle zufrieden einschlummern. Sie haben etwas getan, um die Qualen des 11. März zu lindern. Zumindest ihre eigenen.

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Anders?
einuntoter 02.03.2012
Würden die Menschen in Deutschland sich anders verhalten? Ich glaube nicht.
2. Zumindest?
cwule 02.03.2012
Am letzten Satz "Zumindest ihre eigenen." sieht man, wie ein einziges falsch gesetztes Wort einen ganzen Text verhunzen kann. Die Leute haben, wenn auch kurz, mitgeholfen etwas aufzuräumen und dafür sogar Geld gezahlt. Und vor allem: Die Leute haben Geld in die Gegend gebracht, das die Leute aus dem Erdbebengebiet dringend für den Wiederaufbau brauchen. Wenn es also unbedingt so eines letzten Satzes bedarf, sollte er höchstens heißen: "Auch ihre eigenen".
3. Komischer Artikel.....
Beobachter123 02.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEShoppen, schlemmen und ein bisschen aufräumen: Ein Reisebus voller Japaner rollt in die Tsunami-Zone, um dort ein Wochenende zu verbringen. Wer mitfährt, will den Überlebenden helfen. Doch Spaß soll der Ausflug auch machen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,816040,00.html
Das ist eine super Sache. Jeder Cent der beim Schlemmen und shoppen ausgegeben wird hilft der Region. Am schlimmsten wäre es aus falsch verstandener Pietät das Gebiet zu meiden.
4. Pfui
Beobachter123 02.03.2012
Entschuldigen sie bitte meine Kritik, aber während die Menschen in Japan versucht haben tapfer ihr Schicksal zu meistern und Ruhe zu bewahren hat der Spiegel auf der "Anti- Atomkraft- Welle" reitend täglich von der atomaren Wüste und vom Mega Gau geschrieben. Es gibt auch Menschen in Japan die sich über das Internet über die Lage informieren. Da sind reißerische Schlagzeilen um die Auflage zu steigern schlicht verantwortungslos. Als dann einige verunsicherte Deutschen dann ausgereist sind haben sie von den "Fly- Jin" geschrieben, die ihrer Meinung nach Kopflos geflüchtet sind. So eine Berichterstattung ist pervers!
5. Zynismus unangebracht
algoviano 02.03.2012
Zitat von cwuleAm letzten Satz "Zumindest ihre eigenen." sieht man, wie ein einziges falsch gesetztes Wort einen ganzen Text verhunzen kann. Die Leute haben, wenn auch kurz, mitgeholfen etwas aufzuräumen und dafür sogar Geld gezahlt. Und vor allem: Die Leute haben Geld in die Gegend gebracht, das die Leute aus dem Erdbebengebiet dringend für den Wiederaufbau brauchen. Wenn es also unbedingt so eines letzten Satzes bedarf, sollte er höchstens heißen: "Auch ihre eigenen".
Im Unterschied zu Ihnen habe ich nicht den Eindruck, dass das Wort "falsch" gesetzt wurde, sondern im Sinne dieses zynischen Artikels mit voller Absicht, siehe: "Müll sammeln gegen das schlechte Gewissen", "... macht es wenig, dass jeder Helfer den Müll nach eigenem Gutdünken sortiert hat. Die Geste zählt", "zumindest ihre eigenen": Nach Meinung des Artikelschreibers sind die "On The Road"-Teilnehmer offenbar Leute, deren "Hilfe" den Opfern nicht hilft, sondern bloß eine "Geste" darstellt, die dazu dient, um "ihre eigenen" Gewissensbisse zu beruhigen. Ich halte diesen Artikel für beleidigend und für eine Herabwürdigung ehrlich gemeinten Helfens. Die Hilfeleistung dieser Leute mag klein sein, aber sie erbringen eine Hilfeleistung: sowohl beim Aufräumen des Unrats als auch beim Verzehr vor Ort und bei den Einkäufen in den lokalen Souvenirläden - das alles hilft den Leuten in dieser Region!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Katastrophe in Japan 2011
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare

Getty Images
Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !
Japan ein Jahr nach der Katastrophe