Reisen extrem: Jeeptour durch die Mongolei

Von Peer Bergholter und Jochen Müller

Reifenwechsel bei klirrender Kälte, Eislöcher, die Stoßstangen abreißen: In den Weiten der Mongolei müssen Touristen einiges in Kauf nehmen, um die eisigen Temperaturen zu ertragen. Die Belohnung liegt in der Melancholie der Steppe.

Mongolei: Die Melancholie der Steppe Fotos
Peer Bergholter / Jochen Müller

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Jay sagt kein Wort. Er ist Fahrer, kein Touristenführer. Für Unterhaltung sorgt die mongolische Steppe. Trotz oder wegen ihrer Kargheit bietet sie genug Gesprächsstoff für die Fahrgäste. Sie schnattern im Fond des Jeeps durcheinander, zeigen sich gegenseitig das, was sie aus Deutschland nicht kennen. Diese Weite. Menschenleere. Dann hält Jay mitten auf der Straße an. Als sich ihm die Gäste fragend zuwenden, deutet er wortlos auf die andere Straßenseite. Sofort kehrt Stille ein.

Direkt neben der Fahrbahn hackt eine Schar von Geiern mit ihren Schnäbeln auf ein Tier ein. Hektisch werden Kameras gezückt, Jay nickt stumm. Bis einer der Gäste Anstalten macht auszusteigen. "Nein!", sagt er so bestimmt, dass der junge Mann zusammenzuckt. Und dann, erklärend: "Gefährlich!" Einer der großen Raubvögel dreht langsam den Kopf und fixiert die Fremden. Niemand widerspricht Jay noch.

Warum Touristen in der Mongolei Autos nur inklusive einheimischem Fahrer mieten können, wird klar, sobald die Reisegruppe an einem Herbsttag die Hauptstadt verlässt. Es beginnt eine Fahrt in die Einsamkeit. Die Mongolei hat die geringste Bevölkerungsdichte der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben 1,7 Einwohner. Ein Drittel der Menschen lebt in Ulan Bator, die übrigen zwei Millionen verteilen sich auf einer Fläche, die mehr als viermal so groß ist wie Deutschland. Auf eigene Faust kann ein Ausflug in die Wildnis schnell vom Abenteuer zum Alptraum werden.

Tsuivan und Tee im Truckstop

Als Jay später erneut stoppt, aussteigt, sich in seiner Trainingshose in den Schnee wirft und unter das Auto robbt, stellen die Reisenden keine Fragen. Als Antwort würde es sowieso nur einen Fingerzeig geben. So wie bei der Mittagspause im Truckstop. Jay hatte den Jeep geparkt und mit einer Handbewegung angedeutet, dass es nun an der Zeit für Tsuivan und Tee war.

Das Geschnetzelte mit Nudeln kam ohne Bestellung, das Getränk war dünn und salzig. Dennoch leerte sich die Kanne rasch, denn die heiße Flüssigkeit breitet eine wohltuende Wärme im Körper aus, und Jay schenkte den Gästen nach jedem Schluck sofort nach.

Nun aber eine Panne. Der Reifenwechsel ist Routine und schnell erledigt. Ein Beobachter gesellt sich dazu, die Einsamkeit spuckt einen Hund aus. Woher auch immer. Argwöhnisch betrachtet er das Geschehen. Oder erwartet er einfach eine unverhoffte Mahlzeit?

Heute bleibt er ohne Beute. Jay verstaut den platten Reifen und nickt den Gästen zu, es geht weiter. Am Abend erreicht die Gruppe die alte Hauptstadt Karakorum. Das, was ehemals Sitz der Khane war, ist heute eine lose Ansammlung kleiner Häuser und Zelte. Einziger Hinweis auf die glorreiche Geschichte ist das Kloster Erdene Dsuu, auf dessen Gelände früher auch der Palast stand, doch das ist lange her. Die Mongolen sind ein Nomadenvolk, Archäologen haben es hier schwer.

Soundcheck in der Jurte

In den Gers, den landestypischen Rundzelten, bei uns als Jurten bekannt, wird traditionelle mongolische Kost gereicht. Das Nationalgericht Jemmy ist gekochter Schafskopf. Wer sich am Anblick und dem muffigen Geruch nicht stört, wird mit butterzartem Fleisch belohnt. "Wollt ihr heute Abend mongolische Musik hören?", fragt Jay. Es ist sein längster Satz bisher.

Nach dem Essen kommt ein Mann unbestimmbaren Alters durch die niedrige Tür. Sein Gesicht scheint nur aus Falten zu bestehen, doch seine flinken Hände strafen den Eindruck von greisem Alter Lügen. Auf seinem Gewand prangt stolz ein Orden, Auszeichnung für seine Mühen um den Erhalt mongolischer Kultur. Als er den traditionellen Kehlkopfgesang anstimmt, staunen die Gäste.

Ungewohnte Laute ertönen tief aus seinem Inneren und verbreiten Melancholie. Dazu begleitet er sich auf Zupf- und Streichinstrumenten, ein jedes mit Pferdeköpfen verziert. Nach dem Kammerkonzert knistert das Feuer, niemand spricht.

Draußen ist es totenstill. Und kalt. Nachts fällt die Temperatur auf minus 25 Grad Celsius. Einzige Wärmequelle im Zelt ist der kleine Ofen. Trockener Dung und Nadelholz brennen wie Zunder. Kurz und gut. Wer aufwacht, muss das Feuer neu entfachen - und findet mit Glück noch eine weitere Decke. Harndrang hingegen wird meditativ bekämpft. Zu lang der Weg zum Verschlag, zu eisig der Wind.

Unterwegs auf wilden Ponys

Anderntags endet die Straße plötzlich. Weiter geht es nur über die gefrorene Steppe. Wie Jay den Weg findet, bleibt sein Geheimnis. Schilder gibt es nicht mehr. Im Terelj-Nationalpark angekommen, öffnet sich die Erde zu einem Canyon. Ein Wasserfall ist komplett gefroren, umrahmt von Steilwänden, an denen ausgeblichene Gebetsbänder im Winde flattern.

Von hier aus geht es auf kleinen, zotteligen Ponys weiter. Als die Tiere ohne Vorwarnung in gestreckten Galopp verfallen, haben die Männer alle Mühe, sich im Sattel zu halten. Der kaum Zwölfjährige, der sie begleitet, wartet grinsend ab, was passiert.

Als die Reiter aus dem Westen es schaffen, die wilden Rosse unfallfrei zum Halten zu bringen, wirkt auch der Mongole erleichtert. Ein Blick auf die nackten Finger des Knaben, scheinbar immun gegen die beißende Kälte, verstärkt den Eindruck, dass an diesem Ort nur die Stärksten überleben. Oder die Glücklichsten.

Stoßstange auf dem Autodach

Am nächsten Tag rumpelt der Jeep über die Steppe, die letzte Straße ist eine blasse Erinnerung. Für die Überquerung eines Baches wählt Jay, in Ermangelung einer Alternative, den direkten Weg. Kaum erreichen die Vorderräder das andere Ufer, gibt die Eisdecke nach, und das Heck sinkt ins eisige Wasser. Die großen Augen der Gäste quittiert Jay mit einem Wort: "Shit". Dann lacht er und zündet sich eine Zigarette an.

Alle Versuche, sich selbst zu befreien, bleiben erfolglos. Bis ein Mann vorbeikommt, zwei Wörter mit Jay wechselt und Hilfe holt. Das Glück will, dass das nächste Dorf in Sichtweite liegt. Eine Stunde später taucht ein Lkw auf, der den Wagen herauszieht. Weiter geht es mit verbeultem Heck, die abgerissene Stoßstange bindet Jay mit seinen Schnürsenkeln auf das Autodach.

Als die Gruppe abends am Rande der Wüste Gobi ankommt, bleibt wegen der Verspätung nur Zeit für einen kurzen Ausritt. Statt wilder Pferde warten an diesem Tag phlegmatische Kamele mit dichtem Fell. Während die Sonne beim Versinken die letzte Wärme nimmt, lässt sie die Felsen in der Umgebung rotgolden glühen.

"Mein Gott, ist das schön hier", kommentiert einer der Touristen. "Wenn es nur nicht so kalt wäre!" Die Sätze hören sich fremd an. Es sind die ersten des Tages.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Reise
Maximator1 11.09.2013
Das ist ja wohl eher nicht im September. Ich war letztes Jahr, von September bis Oktober in der gleichen Gegend unterwegs und es waren Tagsüber angenehme 20 Grad. Nichtsdestotrotz eine wunderschöne Reise die sich auf jeden Fall lohnt. Von weiten Steppen zu engen Tälern zu Dünenlandschaften bis zu roten Cliffs und den Bergen. Bei den Einheimischen Chips gegen Airag tauschen oder mit dem eigenen Zelt im nirgendwo übernachten. Ich gehe wieder dorthin.
2. Bevölkerungsdichte
Stefan_G 11.09.2013
Die Angabe "Die Mongolei hat die geringste Bevölkerungsdichte der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben 1,7 Einwohner." ist ungenau, besser wäre die Aussage "Die Mongolei ist der Staat mit der geringste Bevölkerungsdichte aller Staaten" Denn die nicht als eigenständiger Staat, aber als autonom geltende Region "Grönland" ist mit 0,026 Einwohner/km2 ~um einen Faktor 75 dünner besiedelt.
3. Wir sind mit dem Fahrrad durch die Mongolei!
claus_l 11.09.2013
Wer Lust hat, kann sich hier unser Reisetagebuch anschauen: http://www.permondo.com/de/tours/106/blog Ein klein wenig Statistik: • 1.729 gefahrene Kilometer. • In 99 Stunden reiner Fahrzeit. • Durchschnittliche Geschwindigkeit 17,4 km/h • Durchschnittliche Tagesetappe 102 km • Mit 8,5 m Höhenanstieg pro km hatten wir den höchsten Wert aller Etappen bisher. • 12 % Regentage • Übernachtung in o Häusern 52% o Jurten 36% o Zelten 12 %
4. Nicht jedes Taschentuch...
artusdanielhoerfeld 11.09.2013
...ist ein "Tempo" und nicht jeder Geländewagen ein "Jeep". Abgebildet ist ein "Hyundai Galloper", also nennen Sie ihn bitte auch so.
5. zwei Richtungen
anitafahrni 12.09.2013
Kharkorum ist westlich,Terelj National Park östlich von Ulaanbaatar. Deswegen ist dieser Artikel verwirrend!
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