Büchercafé in Jerusalem Schmökern und Schlemmen

Amos Oz, Eva Illouz - sogar Israels Literaturgrößen kommen in dieses kleine Jerusalemer Büchercafé. Wer einen Rückzugsort sucht, kann im Tmol Shilshom nicht nur Lesestoff, sondern auch die israelische Küche entdecken.

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Jerusalem, seine geliebte Heimat, hat den Besitzer des Buchcafés Tmol Shilshom schon mehrmals an den Rand des Bankrotts gebracht. Wenn die Stadt wieder einmal eine blutige Phase in ihrer Geschichte durchlebt, bleiben die Jerusalemer aus Angst vor Anschlägen dem Zentrum lieber fern, die Touristen auch.

Dennoch sagt Besitzer David Ehrlich: "Das Tmol Shilshom kann es so nur in Jerusalem geben. Es gehört hierher - wie ich. In mir ist ein Kompass, der sich auch in den Jahren der Abwesenheit immer nach Jerusalem hin ausgerichtet hat. Die Stadt übte immer eine enorme Anziehungskraft auf mich aus."

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Israelische Küche: Oase mitten in der Heiligen Stadt

Ehrlich brachte die Idee eines Buchcafés aus einem mehrjährigen USA-Aufenthalt mit nach Hause nach Israel. Besucher sollen dort in Ruhe Kaffee trinken und gleichzeitig in den Bücherregalen stöbern können. Nur ein unscheinbares Schild weist von der zentralen Einkaufsstraße auf das versteckte Café in einem verwinkelten Hinterhof hin.

Stammgast: der israelische Poet Yehuda Amichai

Wenn man es über ein paar Ecken und Stufen erreicht hat, zeigt sich die Hufeisen-ähnliche Form. Gab es anfangs nur Kaffee und Bücher, bietet das Tmol mittlerweile auch eine zunehmend raffinierte israelische Küche an.

Gerettet über die harten Zeiten haben das Büchercafé in den vergangenen 24 Jahren seines Bestehens aber immer die Autoren, die Poeten, sagt Ehrlich. Die Soziologin Eva Illouz zum Beispiel, die an der Jerusalemer Universität lehrt und regelmäßig in das Café kommt.

Auch Amos Oz, immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt, schaute hier schon öfter vorbei. In Zeiten der Krise, etwa während der zweiten Intifada, kamen die Literatur-Stars unbeirrt oder gerade deshalb weiter ins Tmol Shilshom und lasen. Sie lockten ein immer noch beachtliches Publikums an und bescherten Ehrlich Einnahmen.

Ehrlichs treuester Gast war lange Israels mittlerweile verstorbener Nationallyriker Yehuda Amichai. Dabei war er von Ehrlichs Idee anfangs gar nicht begeistert: "Amichai sagte zu mir: 'Ein Café, in dem die Menschen Bücher lesen? Sie werden den Kaffee auf die Bücher schütten und beides nicht bezahlen'", erinnert sich Ehrlich an den Rat seines Freundes.

Doch Ehrlich ließ sich nicht beirren - und bekam zur Eröffnung 1994 prominente Unterstützung von Amichai: Der Poet las bei der Eröffnung und sorgte so mit einem Schlag dafür, dass das Tmol Shilshom ein Name in der Literaturszene wurde. Über Jahre hinweg war Amichai, der sich offenbar doch mit dem Konzept eines Büchercafés anfreunden konnte, regelmäßig in einem alten, dunklen Lehnsessel am Fenster des Cafés anzutreffen. Heute erinnert ein Foto an der Wand an den 2000 verstorbenen Gönner des Cafés.

Essen, Kaffee trinken - und lesen

"Was uns neben der Unterstützung der Literaturszene immer am Leben gehalten hat, ist die sture Überzeugung, dass wir wichtig sind für die Stadt und unsere Rolle weit darüber hinaus reicht, den Menschen Essen zu servieren", sagt Ehrlich.

Unter seinen Gästen sind viele Einwohner aus Jerusalem, aber auch einige Touristen haben schon vom Tmol Shilshom gehört. In den Regalen stehen viele hebräische, aber auch fremdsprachige Bücher, eine "vielseitige Auswahl", verspricht Ehrlich, der früher als Journalist gearbeitet hat.

Für den Gründer ist es wichtig, das Tmol Shilshom, benannt nach einem Romantitel von Samuel Joseph Agnon, auch für junge Besucher attraktiv zu machen. Neben regelmäßigen Veranstaltungen gehört dazu für Ehrlich auch, immer wieder neue Speisen anzubieten: "Früher gab es eher Kleinigkeiten und Kaffee, mittlerweile bieten wir aufwendige Gerichte an."

Viele Jerusalemer lieben das Shakshuka, ein typisch israelisches Pfannengericht aus pochierten Eiern in einer Sauce aus Tomaten. Es wird im Tmol Shilshom gerne als spätes Frühstück gegessen, aus einer schweren, dunklen Metallpfanne. Köchin Adar Kaplan-Mor dürfte es wohl kaum von der Karte streichen, sonst drohten vermutlich Proteste der Gäste. Ihr Herz schlägt aber für raffinierte Speisen, die mit traditionellen und neuen Einflüssen in der Küche spielen.

Zum Beispiel die frittierten Quinoa-Bällchen mit Tahina-Sauce und Joghurt, deren Rezept sie von ihrem Vorgänger Michael Katz übernommen hat und die herrlich frisch und leicht schmecken.

Einen Umzug ins nahe Tel Aviv mit seiner lebendigen Cafészene hat Ehrlich noch nie in Erwägung gezogen. "Meine Philosophie ist: Statt einen Konflikt zu verdrängen, werfe ich mich mitten hinein. Weglaufen bringt nichts."

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Rezept: Quinoa-Bällchen mit Tahin-Sauce und Joghurt

Zutaten für eine Portion: 1 Tasse gekochten Quinoa, 1/2 Tasse Öl (zum Beispiel Rapsöl), 1 gekochte Süßkartoffel, eine Handvoll Petersilie, eine Handvoll frischer Minze, eine Prise Salz und Pfeffer, 6 Esslöffel Brotkrümel, 3 Esslöffel Cranberries, 1 geschnittene rote Zwiebel, 1 geschnittener Apfel (zum Beispiel Granny Smith)

Zubereitung: Apfel und Zwiebel klein würfeln und mit den restlichen Zutaten und Gewürzen in einer großen Schüssel vermischen. Öl in einer Pfanne erhitzen und in der Zwischenzeit mit den Händen kleine Bällchen aus der Quinoa-Masse formen. Wenn die Masse nicht formfest ist, zusätzliche Brotkrumen in die Schüssel geben und nochmals vermengen. Bällchen von beiden Seiten für 1-2 Minuten anbraten und auf einem Teller mit Küchenpapier ablegen. Bällchen nach Belieben mit Salat garnieren, sowie Joghurt und Tahin-Sauce (Sesammus) aus dem Glas.

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