Porzellanstadt Jingdezhen Weiß wie Jade, dünn wie Papier

Sogar Straßenschilder und Mülleimer sind aus Porzellan: Die chinesische Millionenstadt Jingdezhen gilt als Geburtsort des "weißen Goldes". Heute sind die Manufakturen eine Touristenattraktion - unter ausländischen Besuchern aber noch ein Geheimtipp.

TMN

Lin ist einer von ungefähr 100 Angestellten, die im Hutian Ancient Folk Kiln Museum unmittelbar vor den Toren der Stadt Jingdezhen arbeiten - ein schlaksiger Teenager von gerade 15 Jahren. Aber er wirkt sicher und flink an der Drehscheibe. Er sitzt auf einem schmalen Brett kurz über dem erdigen Boden und bringt das Material in die gewünschte Form, das später drüben im Laden als feines Porzellan mit klassischen Formen und Mustern verkauft wird.

Von den Töpfern geht es weiter zu den Malern, von Lin zu Sheng, einem der ältesten hier - und einem der berühmtesten. Sheng ist 83, ein dünner, grauhaariger Mann mit faltigem Gesicht, aber mit sicherer Hand. An seinem spartanischen Arbeitsplatz hängt seine kurze Biografie, so wie bei allen anderen Malern in dieser Manufaktur.

Demnach ist Sheng 1930 geboren, begann schon mit elf Jahren als Porzellanmaler und verziert heute immerhin rund 200 Schalen pro Monat. Die Arbeit geht ihm leicht von der Hand. Faszinierend, wie genau und schnell der hagere, alte Mann Bambus und Lotus mit wenigen Strichen auf eine Vase zaubert. 20 oder 30 Pinsel verschiedenster Größe liegen in Reih und Glied neben der fotografischen Vorlage für die Vase, an der er gerade arbeitet.

Kostbare Fracht für Peking

Angefangen hat alles um das Jahr 900, als hier die ersten Porzellane entstanden. Im Jahr 1004 ernannte der Kaiser die Stadt zur Imperialen Porzellanmanufaktur, die nach dem Song-Kaiser Jingde Jingdezhen genannt wurde. Seither gilt sie als Geburts- und Hauptstadt des Porzellans. Blau wie der Himmel, weiß wie Jade, glänzend wie ein Spiegel und dünn wie Papier musste das Porzellan schon damals sein, um den kaiserlichen Ansprüchen zu genügen. Lang war der Weg, auf dem die kostbare, zerbrechliche Fracht von Jingdezhen über Flüsse und Kanäle dann bis ins ferne Peking transportiert wurde.

Seit 1982 gehört das Hutian Ancient Folk Kiln Museum zu den schützenswerten Denkmälern der Volksrepublik. Heute ist es ein Freilichtmuseum, die geziegelten Brennöfen sind gut restauriert und voll funktionsfähig. Eingerahmt von den Bergen, in denen Kaolin, Quarz und Feldspat für die Porzellanherstellung gewonnen werden, und umgeben von lichten Bambushainen sowie dichten Kiefernwäldern, ist das Museum inzwischen ein Magnet für Touristen aus dem ganzen Land. Ausländer verlaufen sich dagegen selten hierher.

Laternen und Ampeln am Straßenrand in der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt haben Masten aus Porzellan, sogar Papierkörbe und Straßenschilder sind aus dem Material, alle mit klassischen Motiven von Landschaften, Bambus oder Pfirsichen bemalt. Auf einer Kreuzung prangt eine überdimensionale Porzellanvase, und im Zentrum wacht ein mindestens 20 Meter langer Porzellandrachen über die Stadt.

Lastwagen, Dreirad-Karren, Motorräder knattern vorüber, beladen mit Kisten voller zerbrechlicher Fracht. In Schaufenstern und vor Läden stapeln sich Teller und Schüsseln. Restaurants und Hotels sind mit Vasen, Schalen und Skulpturen aus dem "weißen Gold" dekoriert. Keine Frage: Jingdezhen ist stolz auf seine Porzellan-Tradition.

Fundstücke von der Müllhalde

Eine Tour durch die Stadt führt zunächst zum Jingdezhen Imperial Porcelain Museum, einer Pagode aus Mingzeiten am Ufer des Changflusses, die vor ein paar Jahren zum Museum für ausgegrabene Porzellane umfunktioniert wurde. Die Ausstellungsstücke stammen allesamt von den historischen Müllhalden der kaiserlichen Brennöfen rund um Jingdezhen, auf denen vor Jahrhunderten der Ausschuss der Manufakturen landete.

Heute sind sie wahre Fundgruben, bringen kostbare Bruchstücke zu Tage, die dann in mühsamer Flickarbeit von Fachleuten wieder zusammengesetzt werden. Eine Sisyphos-Arbeit, deren Ergebnisse hier zu bewundern und in eindrucksvollen Fotos dokumentiert sind.

Im alten Wannengda-Viertel gibt es zwischen stillgelegten Brennereien und Manufakturen etliche garagenähnliche Mini-Werkstätten. Es ist kein Problem, dort Familien beim Töpfern und Bemalen über die Schulter zu schauen. In schummrigen Hinterhöfen zwischen schnatternden Enten und krähenden Hähnen werden auf engstem Raum Teller und Tassen bemalt.

Entlang der Ming- und Quingstraße mit ihren Lädchen mit alten Mauern unter geschwungenen Ziegeldächern wird handgemachtes Porzellan in modernem Design und schrillen Farben präsentiert: zarte Teeschalen in Pink, Türkis und Gelb mit fein eingeritztem Muster, das Stück für rund 35 Euro. Doch die Verkaufsverhandlungen gestalten sich schwierig. Beide Verkäuferinnen reden immer lauter. Zwar wächst damit der Kreis der neugierig dazukommenden Passanten. Doch Lautstärke allein hilft nicht bei der Abwicklung des Geschäfts. Niemand im Laden, niemand in der Nachbarschaft spricht Englisch, niemand akzeptiert Kreditkarten. Es braucht also Zeit und Bargeld, um in Jingdezhen einzukaufen.

Auch die Queen ist Kundin

Neben all den kleinen privaten Produktionsstätten gibt es die großen, in denen meisterliches Porzellan hergestellt und in alle Welt exportiert wird. Dass Handarbeit aus Jingdezhen wieder rund um die Welt gefragt ist, verdeutlichen die Auftragslisten der Manufakturen, auf denen so bekannte Namen wie Disney, die Queen und die Familie Bush vertreten sind. Staatlich betrieben wird nur noch eine große Fabrik, die Hongye Porcelain Company.

Sie präsentiert ihr Programm in hellen, modernen Räumen. Highlight des Angebots ist wohl das Service, das zum 60. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik 2009 entworfen wurde, mit rotem Rand und roten Blumen. Nur 600 Exemplare gibt es davon. Ebenfalls eine Limited Edition mit handgemaltem Rosenmotiv war das Service, das vor Jahren an den Buckingham Palast in London geschickt wurde. Und George Bush senior orderte lange nach seiner Präsidentschaft 2005 ein Blümchenmuster-Service, das allerdings ebenfalls nicht mehr hergestellt wird.

In der privaten Manufaktur Jiayang Porcelain Company ist der Boden rutschig vom Ton, der überall herumliegt. Es regnet. Das Werk wurde 1993 gegründet und zwar genau dort, wo schon zu Mingzeiten ein Brennofen stand. Es gibt ihn noch, nur benutzt wird er nicht mehr. Heute brennt man schneller mit modernen Öfen und Gas.

Ob schneller gemalt wird als früher, sei dahingestellt. Es ist aber schon erstaunlich, wie flink die Pinsel der Malerinnen und Maler im ersten Stock der Manufaktur über die Porzellan-Rohlinge gleiten. Jeder hat ein Foto, einen Auktionskatalog oder ein Buch mit Abbildungen neben sich liegen. Meistens sind es Aufnahmen von Porzellanen, die gerade irgendwo auf der Welt für viel Geld versteigert wurden. Besonders solche - zumeist blau-weißen - Paradestücke sind begehrt. Käufer mit Geld lassen sie sich sogar exklusiv nach historischen Mustern anfertigen. Eine normale Vase, an der die jungen Künstler ungefähr eine Woche lang malen, kostet rund 100 Euro.

Doch schon abends im Hotel wird deutlich, wie wenig Jingdezhen auf Touristen aus dem Westen eingestellt ist. Im Hotel wohnen nur chinesische Gäste, im Restaurant liegen nur chinesische Speisekarten aus, sprechen die Kellnerinnen nur chinesisch. Erst mit Hilfe des Managers, der als einziger im Haus gebrochen Englisch spricht, kommen Spezialitäten der Region auf den Tisch:

Selbst beim Abendessen im Hotel, wo scharfes Rindfleisch mit Gemüse und Bambussprossen mit Erdnüssen serviert werden, vergisst man nicht, wo man sich befindet. Messer und Gabel gibt es nicht, dafür aber Porzellan-Stäbchen mit traditionellem Design, hergestellt - natürlich in Jingdezhen.

Karin Schumann/dpa/sto



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
softgranites 25.04.2013
1. maerchen erzaehler nothing magic
es war einmal ein sagen umworbenes land - wann hoert endlich dieser arrogante "wir sind erstaunt " ton gegenueber asien speziel china auf ? dieser journalismus - geschreibsel ist so widerlich - ja dieses kleine staedtchen mit 3 mill einwohnern ! hat auch internet cafes italiener und first class hotels - aber der journalist der da hin geschickt wird will partout nicht wahrhaben das er dann nix zu schreiben hat - all diese staede der Handwerks produktion sind seit 20 jahren bekannt und offen viele kuenstler ( auch aus dem western ) ziehen vom ganzen land dorthin um einfachste toepferarbeit bis hin zur porzelan kunst auszufuehren - nothing magic ! jeder einzelen bericht in der westlichen presse vorallem hier im spiegel muss immer diesen aha wow das wusste ich noch nicht tonus mitbringen - schreibt doch mal klare fakten wie gross welche ausmasse welche gesellschaft dort lebt gute nacht abendland journalisten ,,,
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.