Streit bei Rekordversuch Alleingang am K2

Seit Wochen bereitet sich ein Team polnischer Bergsteiger auf die erste Winterbesteigung des K2 vor. Einer verliert die Geduld und wagt eine Solotour auf den Achttausender. "Selbstmörderisch", kritisieren Kollegen.

AFP

"Was Denis tut, ist sehr egoistisch", sagte Krzysztof Wielicki. "Denis denkt, es gehe nur um ihn, aber das stimmt nicht. Wenn etwas schief geht, müssen wir natürlich versuchen, ihn zu retten." Der 68-jährige Expeditionsleiter hat sein Teammitglied Denis Urubko nicht mehr verstanden. Per Satellitentelefon beschrieb er dem Magazin "National Geographic" die Lage am 8611 Meter hohen K2.

Urubko, der als einer der besten Bergsteiger der Welt gilt, war nach einem Streit innerhalb des polnischen Bergsteigerteams am Sonntagmorgen zu einer Solobesteigung des Karakorum-Gipfels aufgebrochen. Ohne Funkgerät, ohne Teamunterstützung, ohne zusätzlichen Sauerstoff wollte der polnisch-russische Kletterer allein wagen, was bisher noch niemandem gelungen ist: den gefährlichen K2 im Winter zu erklimmen.

Bisher standen lediglich etwa 300 Menschen überhaupt auf dem zweithöchsten Berg der Welt, 84 starben bei dem Versuch. "Savage mountain" wird der K2 oft genannt: "brutaler Berg". Für Reinhold Messner ist er der "Berg der Berge". "Was auch passiert auf dem Gipfel", sagte Wielicki zu "National Geographic", "wir wollen, dass Denis lebend zurückkehrt."

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Rekordversuch am K2: Denis Urubko verliert die Geduld

Das ist mittlerweile geschehen: Urubko, der als eigensinnig bekannt ist, hat sich aufgrund der schlechten Wetterbedingungen am K2 besonnen und die Solobesteigung abgebrochen. Zunächst sei der 44-Jährige zu einem Camp auf 6700 Meter zurückgekehrt, sagte Asghar Ali Porik, Chef des mit der Expeditionslogistik beauftragten Veranstalters Jasmine Tours zur Nachrichtenagentur AP. Starke Winde und vereiste Hänge hätten Urubko gezwungen, zum Basislager abzusteigen. Nun wolle er gemeinsam mit dem restlichen Team den Aufstieg wagen.

Dramatischer Einsatz am Nanga Parbat

Seit acht Wochen bereitet die Gruppe aus polnischen Bergsteigern unter der Leitung von Wielicki den Rekordversuch vor - nicht ohne Widrigkeiten: Etwa zwei Wochen nach Errichtung ihres Basislagers auf dem Godwin-Austen-Gletscher auf 5000 Meter Höhe erreichte sie ein Notsignal vom Nanga Parbat. Per Helikopter des pakistanischen Militärs brachen vier der polnischen Bergsteiger zum Hilfseinsatz auf - unter ihnen Denis Urubko und Adam Bielecki. In einer spektakulären nächtlichen Kletteraktion konnten sie die Französin Elisabeth Revol retten, der Pole Tomasz Mackiewicz bleibt vermisst.

Im Video: Vom Nanga Parbat durch den Karakorum

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Drama am Nanga Parbat: Überlebenskampf im Eis

Dann wurden zwei Kletterer durch Steinschlag am K2 verletzt: Bielecki brach sich die Nase und erlitt eine Schnittverletzung, ein anderer brach sich einen Arm und wurde ausgeflogen. "Der Berg ist trocken", sagt Wielecki, die Steine seien aufgrund von Schneemangel lose. Sein Plan sieht die Errichtung von drei bis vier Camps auf dem Weg zum Gipfel vor, dort sollen sich die Kletterer ausruhen, aufwärmen und essen können.

Doch aufgrund des Steinschlags mussten die Route geändert und die bisher angebrachten Fixseile und Camps wieder abgebaut werden. Aber auch auf der neuen Route über den Abruzzi-Grat gilt: Die Bergsteiger müssen sich an die Höhe anpassen und zwischen den Camps auf- und absteigen. Sobald das Camp 4 errichtet ist, muss noch das Wetter stimmen. Und das ist extrem am K2: Im Winter fallen die Temperaturen auf unter minus 50 Grad Celsius, der Wind kann Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h erreichen. Da der Berg sehr steil ist, drohen allzeit Lawinen.

Bielecki: "Ich bin sehr besorgt"

"Unser Plan war, Anfang März den Gipfel anzugehen", sagte Wielecki. Urubko gefiel die Routenänderung nicht, berichteten pakistanische Träger der Nachrichtenagentur AFP. Außerdem würden seiner Ansicht nach die Bedingungen im März schlechter werden. Am Samstag fragte er den zweitstärksten Kletterer im Team, Adam Bielecki, ob er mit ihm am 28. Februar zur Besteigung aufbrechen wolle. Ende Februar würde ein Erfolg in Bergsteigerkreisen noch unzweifelhaft als Winterbesteigung gelten.

Bielecki lehnte ab, weder er noch das Team seien bereit, sie sollten zusammenbleiben. "Ich schlug vor, auszuruhen und auf gutes Wetter zu warten", twitterte der 34-jährige Pole. Urubko sei wütend gewesen, berichtete ein Träger. Er habe das Teamzelt verlassen und sei in den Schnee hinausgestapft. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück brach er allein auf. "Ich bin sehr besorgt über ihn", schrieb Bielecki am Sonntag in seinem Tweet. "Währenddessen machen wir weiter."

Nicht nur Bielecki war beunruhigt über Urubkos Spontanentscheidung. "Eine Solobesteigung des K2 im Winter ist selbstmörderisch", sagte Mirza Ali, ein pakistanischer Bergsteiger, zu AFP. "Er ist als Himalaya-Experte bekannt in der Bergsteiger-Community", sagte Karim Shah, ein Freund und Bergsteiger, "aber diese Entscheidung ist nicht richtig und jemandem seines Rufs nicht angemessen." Als "sehr riskant" bezeichnete er das Vorhaben.

"Wir wollen, dass er lebend zurückkehrt"

Der italienische Kletterer Simone Moro, der mit ihm und Cory Richards im Winter 2011 am Gasherbrum II war, sagt über den polnisch-russischen Bergsteiger: "Urubko hat die Mentalität eines russischen Militärs." Er sei sehr stark und habe keine Angst. "Das sind exzellente Eigenschaften, aber er muss richtig geführt werden, um ihn davon abzuhalten, dumme oder fatale Risiken einzugehen."

Urubko hat bereits alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen, als Erster erreichte er den Gipfel des 8035 Meter hohen Gasherbrum II im Winter. Sein erster Versuch am K2 im Winter scheiterte 2011/2012.

Im Video: Tod im Himalaya - Das Mount Everest-Problem

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