Kambodschas neue Tuk-Tuks Im Ei auf Rädern durch Phnom Penh

Zu Tausenden knattern die Tuk-Tuks durch Phnom Penh. Pro Strecke verdienen die Fahrer meist nur zwei Dollar. Um Touristen anzulocken, lassen sie sich viel einfallen - wie Channy, der mit einem Fahrzeug in Ei-Form vorfährt.

Michael Lenz

Von Michael Lenz


"Tuk-Tuk, Sir?" In Phnom Penh buhlen Fahrer um die Gunst der Kunden. In Pulks sitzen sie vor den Hotels und Restaurants der Hauptstadt Kambodschas, stehen schwatzend vor ihren zweirädrigen, von Mopeds gezogenen Kutschen und sprechen jeden an, der vorbeiläuft: "Brauchen Sie ein Tuk-Tuk? Wollen Sie die Killing Fields besuchen?" Lehnen die Umworbenen freundlich ab, fragen sie hoffnungsvoll: "Morgen?"

Bei Channy ist das anders, alle wollen mit ihm fahren - denn sein Tuk-Tuk ist etwas Besonderes: Das fliederblaue Gefährt, das aussieht wie ein futuristisches Ei auf Rädern, zieht magisch Kunden an. "Die Leute sind begeistert, alle wollen das moderne Tuk-Tuk ausprobieren", sagt der 22-Jährige. Er freut sich auch darüber, dass er wenig Konkurrenz hat. Nur 40 Fahrzeuge dieser Art, alle in Signalfarben, rollen bislang durch den dichten Verkehr von Phnom Penh.

Eine Fahrt kostet zwischen zwei und fünf Dollar

Channy arbeitet erst seit einem Jahr als Tuk-Tuk-Fahrer. "Ich bin an der Paññasastra University of Cambodia eingeschrieben und muss mit dem Geld mein Studium finanzieren." Eine Stadtfahrt in Phnom Penh kostet zwischen zwei und fünf Dollar, Kambodschas Parallelwährung zum Riel. Der Preis ist abhängig von den Verhandlungskünsten des Kunden sowie der Entfernung von A nach B.

Richtig lukrativ sind Touren für 20 Dollar zu den Killing Fields oder für sechs Dollar zum Völkermordmuseum Tuol Sleng. Aber wählerisch können die Fahrer nicht sein. "Ich mache alles", sagt Channy. Als Anregung für seine Kunden hat er auf die Innenseite des Tuk-Tuk-Daches Fotos mit lohnenswerten Zielen wie dem Königspalast oder den berühmt-berüchtigten Schießständen geklebt, wo Möchtegernrambos mit Maschinengewehren, Handgranaten und gar Granatwerfern rumballern dürfen.

Neben Tausenden Motorrad- und ein paar Autotaxis sind Tuk-Tuks in der Metropole ohne Busnetz das wichtigste Transportmittel. Schätzungen gehen von mindestens 6000 Stück in Phnom Penh aus, täglich werden es mehr. Für junge Männer vom Land, die hier einen der raren Jobs suchen, ist die Branche oft die einzige Option. Der Mindestlohn eines Textilarbeiters beträgt 100 Dollar pro Monat, Tuk-Tuk-Fahrer können es auf 250 Dollar und mehr bringen. Während der Hauptsaison sind Tageseinnahmen von bis zu 40 Dollar drin.

"Der Fahrer spricht Deutsch und Englisch"

Um seinen Schnitt zu machen, muss man sich jedoch von der Konkurrenz absetzen. Sarin zum Beispiel, der in DDR zum Oberflächenbeschichter ausgebildet wurde, wirbt auf dem großen Schild an der Droschke mit seinen Sprachkenntnissen: "Der Fahrer spricht Deutsch und Englisch". Vom Dach seines traditionellen Tuk-Tuks baumeln Topfpflanzen.

Channy fährt lieber das moderne Ei-Modell aus Glasfaser. Entworfen und produziert hat es der Schweizer Bruno Brunner, der als Vermieter und Verkäufer von Motorrädern sein Geld verdient. "Ich wollte etwas Neues machen und gleichzeitig jungen Kambodschanern eine bessere Verdienstmöglichkeit bieten. Ich selbst verdiene an den Tuk-Tuks nichts", versichert der kahlköpfige Mann mit Hang zu Tätowierungen und Goldschmuck.

Für die Fahrer hätten die Design-Tuk-Tuks neben ihrer Auffälligkeit zwei weitere wirtschaftliche Vorteile: "Mit 30 US-Dollar Miete pro Monat sind sie um zwei Drittel günstiger als herkömmliche Tuk-Tuks. Zudem sind sie um 40 Kilo leichter. Das spart Benzin", sagt Brunner. Der günstige Preis ist durch den Internetprovider Ezedom als Sponsor der Design-Tuk-Tuks möglich.

Eine Ersparnis von 60 Dollar im Monat ist in dem armen Land Kambodscha viel Geld. Channy erzählt, dass er zwischen 12 und 15 Dollar am Tag einnimmt. Sein Standplatz ist fast an der Ecke Siswath Quay/Straße 136. Aber eben nur fast. Den lukrativen Eckplatz haben die Platzhirsche belegt, die dort seit Jahren Touristen und Nachtschwärmern, die in den Bars der 136. Straße Party machen, ihre Dienste anbieten. Channy kümmert das nicht. "Ich falle ja auf", sagt er, und zeigt auf das Hotel Lux gegenüber seinem Standplatz: "Die Gäste können mich schon aus ihren Zimmern sehen."

Karim wohnt seit fünf Monaten im Lux. Der Coach für junge Start-up-Unternehmen in Phnom Penh hat Channy zu seinem Stammfahrer erkoren. "Der ist ein netter Kerl und spricht ganz gut Englisch", erzählt der 35 Jahre alte Ägypter. "Zudem mag ich die modernen Tuk-Tuks. Die Sitze sind bequemer, und der Einstieg ist wesentlich komfortabler." Auch für den Fahrer bietet das eigenwillige Gefährt einen gewissen Komfort: Das lang gezogene Dach schützt ihn in der Trockenzeit vor der heißen Sonne und während des Monsuns vor sintflutartigen Regenfällen.

Solarbetriebene Tuk-Tuks kommen noch dieses Jahr

Noch in diesem Jahr soll es die nächste Tuk-Tuk-Revolution geben: Umweltfreundliche Fahrzeuge von dem auf Solartechnik spezialisierten Unternehmen Star8. Sie brauchen kein Benzin, sondern werden mit Solarenergie angetrieben. Die Produktionsanlage am Rande der Stadt, wo sonst nur die Nähmaschinen der Textilfabriken rattern, ist so gut wie betriebsbereit. Dach und Wände der Fertigungshalle sind mit dem Hauptprodukt des australischen Unternehmens bedeckt - ultradünnen Solarmatten. "Die Fabrik produziert ihren Energiebedarf selbst", sagt Star8-Chef Jacob Maimon nicht ohne Stolz.

Dünn und leicht sind auch die Solarpanele, die bei Tuk-Tuks und kleinen, kastenförmigen Lieferwagen zum Einsatz kommen. Maimon weiß, dass es schwierig werden wird, Fahrer von den Vorteilen der Fahrzeuge zu überzeugen. "Das fängt schon damit an, dass die Solar-Tuk-Tuks nicht mehr dieses Knattergeräusch produzieren, nach dem sie benannt worden sind", sagt Maimon, ein gebürtiger Spanier. Noch abschreckender könnte zunächst der hohe Preis sein, der ja nach Stärke der Lithiumbatterie zwischen 1500 und 4000 Dollar liegen wird.

Für Maimon ist die Rechnung jedoch simpel: "Es fallen die Spritkosten von durchschnittlich 90 Dollar pro Monat weg. Eine Bank findet die Solar-Tuk-Tuks so spannend, dass sie ein spezielles Kreditprogramm für Interessenten auflegen möchte. Die monatliche Rate wird allenfalls so hoch sein wie die Spritkosten für herkömmliche Tuk-Tuks."

Noch braucht Channy die Konkurrenz der Solar-Tuk-Tuks nicht fürchten. Neues braucht Zeit, um sich durchzusetzen.



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