Gedenkstätten in Kambodscha Auf den Spuren der Roten Khmer

Das Grab von Pol Pot, ein ehemaliges Waffendepot: 14 Stätten umfasst eine Route in Kambodscha, die an die Roten Khmer erinnert. Unterwegs trifft man Einheimische, die bis heute die Gewalttäter verehren.

Michael Lenz

Von Michael Lenz


Zwei US-Dollar Eintritt verlangt ein mürrischer Kambodschaner für den Besuch der Einäscherungsstätte von Pol Pot. Der junge Mann grabscht nach den Geldscheinen, kehrt dann wortlos in seine rote Hängematte zurück und lässt den Besucher mit dem Geist von Pol Pot alleine.

Das Grab des ehemaligen Rote-Khmer-Tyrannen ist von einem rostigen Wellblechdach überdeckt. Opfergaben zeigen, dass er bis heute einige Verehrer hat. Auf dem Kamm der Dangrek-Berge an der Grenze zu Thailand ist seine Gruft eine von 14 Attraktionen im Rote-Khmer-Tourismus von Anlong Veng.

Zu denen gehören unter anderem die Stelle, an der die Roten Khmer einst Munition für ihren Bürgerkrieg gegen die Regierungstruppen fabrizierten, das ehemaligen Modellreisfeld zur Unterweisung der Kämpfer in der Kunst der Landwirtschaft und die Häuser ehemaliger Rote-Khmer-Größen wie Außenminister Khieu Samphan.

Jetzt will das Dokumentationszentrum Kambodscha mit dem Geschichtsparcours und dem soeben neu eröffneten Anlong Veng Peace Center in seinem Mittelpunkt mehr Touristen anlocken. Unterstützung dafür kam unter anderem vom deutschen Zivilen Friedensdienst (ZFD) und von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das "Friedenszentrum" soll laut seinem Direktor Sok-Kheang Ly zur Versöhnung in Kambodscha beitragen. "Wir Kambodschaner müssen uns kennenlernen, damit endlich mit dem 'die und wir' Schluss ist", sagt Kheang.

Etwa zwei Millionen Menschen kamen während des vierjährigen Terrorregimes der kommunistisch-maoistischen Roten Khmer ums Leben. 1979 vertrieb die vietnamesische Armee sie von der Macht. Pol Pot und andere Führungskader sowie militärische Kommandeure wie Ta Mok, Beiname "Der Schlächter", flüchteten nach Anlong Veng.

Die Region um die kleine Stadt im Nordwesten Kambodschas wurde zum Restreich der Roten Khmer, in dem der einbeinige Ta Mok das Sagen hatte. Der Mann, der als Kommandeur Tausende Menschen grausam niedermetzeln ließ, mutierte in Anlong Veng anscheinend zum fürsorglichen Landesvater. Einen See ließ er zur Wasserversorgung anlegen, baute ein Krankenhaus, Schulen und Straßen.

Verehrung für den Schlächter

Dafür wird hier der im Juli 2006 in einem Gefängnis in Phnom Penh verstorbene Ta Mok bis heute zum Helden verklärt. Das zeigt schon das große Hinweisschild zum Ta Mok Resort im Zentrum des Städtchens. Auch die jungen Burschen, die im Schatten eines Baumes am ehemaligen Anwesen von Ta Mok Whisky trinken und den am Seeufer spazierenden Mädels nachschauen, sind Ta-Mok-Fans. Sie begrüßen den Besucher mit einem freundlichen "Hello", zeigen auf das Haus und sagen strahlend: "Ta Mok good man."

Der Weg zur Versöhnung ist noch lang. Zwar kapitulierten im Dezember 1998 nach dem Tod von Pol Pot die letzten Kampfverbände der Roten Khmer. Teile ihrer Miliz wurden in die kambodschanische Armee integriert, Ex-Rote-Khmer sitzen bis heute auf hohen Posten in der Regierung des Landes. Anders als das nur 120 Kilometer entfernte Siem Reap mit den weltberühmten Angkor-Tempeln ist Anlong Veng bis heute ein verschlafenes Nest mit wenig Kontakten nach außen. Wenige Touristen wissen von dem täglichen Bus, der für sieben Dollar (Ausländerpreis) von Siem Reap aus über die Kulen-Berge hierher fährt.

Kambodschaner sind offene, freundliche Menschen. Fremde sind willkommen, werden herzlich begrüßt. In Anlong Veng wirkt das anders. Die Älteren, meist wohl ehemalige Rote Khmer, wirken ernst, verschlossen, misstrauisch. Teenager dagegen sprechen den Fremden fröhlich an. "Hello, how are you?" und "Where are you from?" rufen sie und freuen sich über die Antworten.

Noch nicht bereit für Touristen

Abgesehen von ein paar bescheidenen Hotels wie dem Monorom und einigen geschäftstüchtigen Mopedfahrern am Verkehrskreisel, die Touren anbieten, gibt es im verschlafenen Anlong Veng kaum touristische Infrastruktur. In den Töpfen der Straßenküchen garen Schweineinnereien und gestocktes Blut in Gemüse. Die goldbraunen Hähnchen an den zahlreichen Grillstationen am Rande einer staubigen Straße sehen verlockender aus.

In der Nachbarschaft des Supermarktes residiert Distriktgouverneur Virak Yuth. Für den 45-Jährigen sind die Rote-Khmer-Stätten ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung Anlong Vengs, das bisher hauptsächlich von der Landwirtschaft lebt. "Wir haben ein großes touristisches Potential", sagt Yuth. Sein Vater wurde als Offizier einer Artillerieeinheit der Armee von General Lon Nol von den Roten Khmer ermordet. Eine Ironie der Geschichte, dass Yuth nun gerade wegen der Gräueltaten der Vergangenheit auf mehr Besucher hofft.

Wichtig für die touristische Entwicklung ist auch der gerade stattfindende Ausbau des nahen kambodschanisch-thailändischen Grenzübergangs. Dort sollen in Zukunft nicht nur spielwütige Thais in das neue Sangam Resort and Casino auf der kambodschanischen Seite strömen, sondern auch andere Touristen und Backpacker ins Land gelangen können. "Auf dem Weg nach Angkor Wat können sie für ein, zwei Tage in Anlong Veng Station machen", hofft Yuth. In Zukunft sollen Besucher bei der Anlong Veng Peace Tour historisch versierte Führer des Friedenszentrums in Anspruch nehmen können.

Nicht weit von der Pol-Pot-Gedenkstätte betreibt Khemra, 37, ein Restaurant und Gästehaus. In der Nähe steht eine vom ZFD zur Tagungsstätte umgebaute Hütte, die einst Ta Mok als Unterschlupf diente. Das Gästehaus hat Khemras Vater gegründet, der einst als Soldat der kambodschanischen Armee nach Anlong Veng kam. "Nach der Kapitulation der Roten Khmer ist mein Vater geblieben. Er hat das Land eigenhändig gerodet und das Gästehaus eröffnet. Damals kamen Reporter aus aller Welt hierher, um über die Roten Khmer zu berichten. Die haben bei uns gewohnt. Es gab ja sonst kaum Unterkünfte", sagt Khemra.

Die wahre Attraktion von Khemras Anwesen aber ist die atemberaubend schöne Aussicht über die kambodschanische Ebene bis zu den Kulen-Bergen, hinter denen Siem Reap und die Tempel von Angkor liegen.

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