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Arbeit im Waisenhaus in Kambodscha: Gute Tat? Großer Schaden!

Hunderte Urlauber fahren jedes Jahr nach Kambodscha, um in Waisenhäusern zu helfen. Manche Studenten zahlen sogar Tausende Dollar dafür. Sie wollen Gutes tun - aber richten eher Schaden an.

Als Voluntourist in Kambodscha: Heute Waisenhaus, morgen Strand Fotos
DPA

Siem Reap - Frederick ist nach Kambodscha gekommen, um zu helfen - dieses Mal vergebens. Denn gerade müht der 24-Jährige sich, einer quengeligen Gruppe kambodschanischer Kinder das englische ABC beizubringen. Doch diese interessieren sich mehr für glitzernde Aufkleber - das Geschenk von einem Touristen, der ihr Waisenhaus besucht hat.

"Ich war hier in Siem Reap, bin hergekommen und hab sofort einen Job gekriegt", sagt der Rucksacktourist. "Ich wollte irgendwo freiwillig mitarbeiten und Kinder unterrichten, die sonst keine Ausbildung haben." Einen Universitätsabschluss oder eine Lehrerausbildung hat er nicht. Der Schwede ist ein Voluntourist - jemand, der seinen Urlaub mit Volunteering, einem freiwilligen wohltätigen Einsatz, verbindet.

Die Waisenhäuser von Siem Reap, in der Nähe der berühmten Tempel von Angkor Wat, sind beliebt bei Studenten aus reichen, westlichen Ländern. Sie wollen in den Ferien etwas Gutes tun und damit vielleicht auch ihr Gewissen erleichtern. Weil es ihnen so gut geht, dass sie in ferne Länder reisen können, und die Kinder in Kambodscha, einem Land, in dem viele Jahre Krieg herrschte, häufig nicht mal genug zu essen haben.

Kinder sind keine Touristenattraktion

Urlauber wie Frederick meinen es gut, und doch richten diese Helfer mehr Schaden an, meint die Kinderhilfsorganisation Friends International. "Sie unterstützen Institutionen, die sehr mangelhaft sind", kritisiert Sprecher James Sutherland. Niemand überprüfe die Qualifikation der Freiwilligen, und sie würden auch keine Schulungen bekommen.

Auch Unicef warnt in einer Studie vor Gefahren für das Kindswohl durch diesen "Waisentourismus". Friends International macht mit der Kampagne "Kinder sind keine Touristenattraktion" auf die Probleme aufmerksam. Plakate zeigen Touristen, die Kinder wie Zootiere abfotografieren. Hinzu kommt, dass viele der angeblichen Waisenkinder gar nicht elternlos sind.

In Fredericks Waisenhaus der "Kinder- und Entwicklungsorganisation" (CDO) sind nur zwei der 25 Kinder Waisen, das gibt Leiterin Mom Savorn offen zu. Aber die anderen Kinder kämen aus einem armen Dorf, und das Waisenhaus sei ihre einzige Chance auf Essen und Bildung.

So ein Leben schadet der Entwicklung

Das Leben in solchen Einrichtungen schade der körperlichen und seelischen Entwicklung der Kinder und setze sie vielen Gefahren aus, kritisiert hingegen Unicef. Auch die Regierung sieht Waisenhäuser nur als letzten Ausweg. Nach Informationen des Sozialministeriums und von Unicef lebten 2010 etwa 12.000 Kinder in den 269 Waisenhäusern des Landes, nur 23 Prozent von ihnen waren Vollwaisen. Insgesamt gibt es in etwa 550.000 Halb- oder Vollwaisen, bei einer Bevölkerung von etwa 15 Millionen Menschen.

Die 21-jährige Sara aus Portugal arbeitet seit zwei Monaten im CDO-Heim. Sie verteidigt das System: "Die Kinder können hier ein besseres Leben haben", sagt sie. Die Kinder sind dürr, aber relativ gut angezogen. Die Schlafsäle sind erbärmlich - 16 Kinder schlafen in dem aus Wellblech und Holz zusammengezimmerten Jungenschlafsaal auf Matratzen ohne Betttücher und ohne Ventilatoren in der schwülen Sommerhitze.

Sara und Frederick bezahlen nichts für ihre Hilfstätigkeit, aber viele Internetseiten, die ähnliche Freiwilligenpositionen vermitteln, nehmen Tausende Dollar für ihre Dienste. "In Kambodscha beschwert man sich immer über Korruption, da kann ich doch kein Geld von meinen Freiwilligen nehmen", sagt Leiterin Mom.

Manche zahlen 3000 Dollar für ihren freiwilligen Dienst

Die australische Studentin Emma hat einer Organisation 3000 Dollar, umgerechnet 2200 Euro, für einige Wochen in einem Waisenhaus bezahlt. Sie bereue dies heute, sagt sie. "Es macht mich krank, dass ich ein Teil davon war. Ich habe das Gefühl, dass diese Kinder für mein Helfer-Erlebnis ausgebeutet wurden." Die Vermittler nutzen aus, dass Menschen anderen helfen wollen, fügt sie hinzu.

Es koste etwa 2000 US-Dollar im Monat, das Waisenhaus zu betreiben, sagt Mom. Sie finanziere dies vor allem durch Spenden von Besuchern, die alle herzlich willkommen sein. "Viele spenden auch noch nach ihrem Besuch." Acodo, ein anderes Waisenhaus in Siam Reap, wirbt mit einer täglichen "Charity Show" - "Aufführungen, Musik und Tanz von den verwundbaren Kindern" werden angepriesen.

Die Kinder im CDO scheinen sehr an Frederick zu hängen. Ob er sich denn sorge, dass sie darunter leiden werden, wenn er wieder nach Hause fahre? "Deswegen werde ich ein oder zwei Monate bleiben. Manche Leute kommen nur für eine Woche. Was soll das bringen?", sagt der Tourist.

Heute im Waisenhaus, morgen schon am Strand: Dieser schnelle Wechsel von Voluntouristen in den Waisenhäusern sei vor allem für die Kinder problematisch, meint Friends International. "Der seelische Schaden von diesen kurzzeitigen Bindungen kann zu Bindungsstörungen führen", sagt Sprecher Sutherland.

Kate Bartlett/dpa/jkö/emt

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Nichts für Ungut
nopspiegel 12.07.2014
Aber UNICEF und Co sagen das nur aus reinem persönlichen Interesse. Niemand schadet irgendwem mit solchen Einsätzen. Völliger Blödsinn ist das und eine Diskreditierung der Helfer. Eine Frechheit sondergleichen. Es geht auch den wenigsten darum ihr Gewissen zu erleichtern. Warum sollte jemand ein schlechtes Gewissen haben, weil er privilegiert ist. Dafür kann doch keiner was. Im Gegenteil. Die Helfer wollen in der Regel helfen, weil sie wissen, dass die Politiker entweder unfähig oder unwillens sind etwas dagegen zu machen. Mir platzt die Hutschnur, wenn ich so einen Mist hier lesen muss.
2. Ich habe nie verstanden...
Benno Groß 12.07.2014
...warum, außer zur Steigerung des eigenen Wohlbefindens, fachfremde Europäer in Asien und Südamerika Erlebnisssozialarbeit leisten wollen. Würden die Leute ihre Nächstenliebe bei einem profanen Praktikum in einem hiesigen sozialen Brennpunkt ausleben, könnten schon die gespendeten, eingesparten Flugkosten die Strukturen im Entwicklungsland professioneller und nachhaltiger stärken als jeder gut gemeinte, importierte Hilfseinsatz. B.G.
3. Och Joh!
Dr.Fuzzi 12.07.2014
Zitat von nopspiegelAber UNICEF und Co sagen das nur aus reinem persönlichen Interesse. Niemand schadet irgendwem mit solchen Einsätzen. Völliger Blödsinn ist das und eine Diskreditierung der Helfer. Eine Frechheit sondergleichen. Es geht auch den wenigsten darum ihr Gewissen zu erleichtern. Warum sollte jemand ein schlechtes Gewissen haben, weil er privilegiert ist. Dafür kann doch keiner was. Im Gegenteil. Die Helfer wollen in der Regel helfen, weil sie wissen, dass die Politiker entweder unfähig oder unwillens sind etwas dagegen zu machen. Mir platzt die Hutschnur, wenn ich so einen Mist hier lesen muss.
Na dann platzt Ihnen halt die Hutschnur, war sowieso scheinbar nicht viel darunter verborgen. Offensichtlich haben Sie die Intention dieses Artikels nicht mal ansatzweise verstanden: Es wird oft lediglich ein Geschäft mit zahlenden Helfern gemacht, die zwar unausgebildet aber voller Selbstbewusstsein einen undefinierbaren freiwilligen "Feriendienst" anbieten. Das Interesse der jeweiligen "Organisationen" den Status Quo aufrecht zu erhalten, ist geradezu zwingend: keine "Waisen" = keine Helfer = kein persönliches Einkommen. Selbstverständlich hat die UNICEF ein Interesse daran, derart unseriöse Geschäftemacher auf Basis von Kinderschicksalen bloßzustellen. Das ist deren Recht und ureigenste Aufgabe. Dies negieren zu wollen, ist geradezu dümmlich!
4. anscheinend
thapk 12.07.2014
Da ist nicht nur scheinbar, sondern auch anscheinend nicht viel unter der Hutschnur.
5. Waisenhäuser sind immer schlecht...
schutsch 12.07.2014
Sie wären nur zu entschuldigen, wenn in ihnen wirklich Vollwaisen lebten, die keine Verwandten mehr haben. Das trifft aber nur selten zu. Es geht also darum "Spendengelder" zu rechtfertigen, auf dem Rücken von Kindern, die ihren Eltern entrissen worden sind. Das böse Spiel, mit Segnung durch die Jugendämter, gibt es in Deutschland auch.
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