Kamelrennen auf dem Sinai Eine Frage der Ehre

Hufe wirbeln, Reiter peitschen, Tiere keuchen: Kamelrennen auf dem Sinai gehören zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen der Beduinen - nicht allein wegen der Gewinne. Für das Wüstenvolk geht es um viel mehr.

Von Gundula Madeleine Tegtmeyer


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Kamelrennen: Im Sauseschritt durch den Sand

Kalt ist es an diesem frühen Januarmorgen im Wadi Sa'aga in der Sinai-Wüste südlich von Nuweiba. Die Luft ist so klar, wie sie es nur in der Wüste sein kann. Beduinen hocken in Gruppen auf dem Boden. Manche von ihnen tief eingehüllt in ihre schwere abaia. Andere tragen nur eine Übergangsjacke, den baltu, und schützen sich zusätzlich mit Decken gegen die klirrende Kälte. Die Saison der Kamelrennen hat begonnen.

Nach einheimischen Frauen sucht man vergebens. In der Nomadengesellschaft sind Kamelrennen nach wie vor reine Männersache. Mit gedämpften Stimmen wird erzählt, werden Neuigkeiten ausgetauscht, Rennprognosen abgegeben. Und es wird geraucht, viel geraucht. Einige der Männer zupfen das wenige Grün von der spärlichen Wüstenvegetation, um damit ihre Kamele zu füttern, als sei es deren Henkersmahlzeit. Andere hätscheln ihre Tiere und reden ihnen gut zu. Die Wüstenschiffe selbst ahnen nicht, welches Spektakel ihnen bevorsteht.

Plötzlich kommt Bewegung in die verstreuten Männerrunden. Nervosität macht sich unter ihnen breit. Es geht los: Die Startnummern werden vergeben und an den Tieren befestigt, Sattel festgezurrt und den Reitern letzte gute Ratschläge erteilt. Mit Kamelrennen in den Emiraten, wo es um Siegprämien in Millionenhöhe geht, haben die Rennen im Sinai nur eines gemeinsam: Wetten sind tabu. Zumindest offiziell.

Wetten sind tabu - eigentlich

Glücksspiel und Sportwetten gelten im Islam als Sünde. Für diesen Tag wird das einfach vergessen. Oder zumindest verdrängt bis zum Fastenmonat Ramadan, dessen Name sich vom arabischen Verb ramad, etwa: zu Asche verbrennen, ableitet. Schließlich, so scheint die einhellige Meinung zu sein, ist Kairo weit entfernt und das strenge 30-tägige Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird die begangenen Sünden schon "verbrennen".

Über die Höhe ihrer Einsätze schweigen sich die Beduinen allerdings beharrlich aus. Ein unscheinbarer Mann nimmt die Wetten an. Der Andrang ist groß, es kommt zu kleinen Rempeleien. Doch der Buchmacher ist ein erfahrener Mann. Mit einem energischen "Wahed, wahed - einer nach dem anderen!", ruft er die aufgebrachten Gemüter zur Raison und hat die Situation alsbald wieder fest im Griff.

Der wichtigste Wettbewerb auf dem Sinai findet jedes Jahr im August im Dorf El-Midan, westlich von El-Arish statt. Die Tiere treten in unterschiedlichen Alterskategorien an, und weil Kamelstuten schneller in die Hufe kommen als Hengste, wird auch nach Geschlechtern getrennt gelaufen. Dem Sieger winkt eine Prämie von umgerechnet etwa 800 Euro.

Etwas bescheidener dürfte das Preisgeld an diesem Tag ausfallen. Es ist im Vergleich zu den großen Rennen in El-Arish oder im Wadi Zalaga in der Nähe von Sharm El-Sheikh, ein kleines Rennen. Einige Hengste bocken bei der Aufstellung an der Startlinie und versuchen auszubrechen. Das Leben in der Wüste kann entbehrungsreich und rau sein - und so manchmal auch die Methoden: Die Beduinen halten den Tieren brennende Feuerzeuge unter die Hoden.

Endlich stehen alle Rennteilnehmer in Reih' und Glied. Eine große Stofffahne wird geschwenkt, das Startzeichen. Das sehnsüchtig erwartete Rennen beginnt. Andere Wettkämpfe im Sinai mögen größer sein. Hier ist es in jedem Fall die Länge der Strecke, die Respekt verschafft: 20 Kilometer.

20 Kilometer durch den Wüstensand

Einmal auf Tempo gebracht, können die schnellsten Tiere eine Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern erreichen. Von diesen Rekordzeiten ihrer Artgenossen in Dubai und Katar sind die Kamele im Sinai allerdings weit entfernt. Wie im Pferdesport sind erfolgreiche Rennkamele oft ein Vermögen wert. Die Besten von ihnen geben ihre heißbegehrten Gene gegen eine hohe Deckgebühr an die nächste Generation weiter.

Gut drei Dutzend Kamele rennen, als gehe es um ihr Leben. Sie wirbeln so viel Wüstensand auf, dass man nach wenigen Minuten kaum noch die Hand vor Augen sehen kann und das Atmen schwer fällt. Bei den sonst eher zurückhaltenden, wortkargen Beduinen gerät das Blut während des Rennens ordentlich in Wallung. Ihre Fahrzeuge begleiten in halsbrecherischer Fahrt das imposante Spektakel. Dicht aneinander gedrängt stehen die Männer auf den Ladeflächen ihrer Pick-Ups und feuern lautstark und wild gestikulierend ihr jeweiliges Team oder ihren Favoriten an. Keine Zeit, um auf andere Fahrer zu achten. Für nicht wenige endet das Rennen vorzeitig im Gegenverkehr.



insgesamt 6 Beiträge
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ohmscher 11.01.2010
1. Ich falle vom Hocker
Zitat von sysopHufe wirbeln, Reiter peitschen, Tiere keuchen: Kamelrennen auf dem Sinai gehören zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen der Beduinen - nicht allein wegen der Gewinne. Für das Wüstenvolk geht es um viel mehr. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,668371,00.html
Ja, schon recht, ganz toll romantisch, aber was soll ich darüber jetzt diskutieren? ... Also ich finde es ein wenig diskrimierend, dass im Wadi Sa'aga 'die Luft so klar ist, wie sie es nur in der Wüste sein kann.' Ich möchte auch so eine klare Luft bei mir daheim. Und ein Rennkamel. Und eine schwere abaia, oder wenigstens einen baltu! Das wollte ich nur mal dazu sagen. Danke.
Ariane Sager 11.01.2010
2. Ein toller Artikel!
Liebe Gundula, mach Dir nichts aus den ganzen Kritiken, die möglicherweise noch kommen könnten. Ich finde den Artikel wirklich sehr gut und hoffe, dass Du hier noch viele weitere veröffentlichen kannst! Viel Glück dabei, Deine Margret ;-))
saul7 11.01.2010
3. ;-))
Zitat von sysopHufe wirbeln, Reiter peitschen, Tiere keuchen: Kamelrennen auf dem Sinai gehören zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen der Beduinen - nicht allein wegen der Gewinne. Für das Wüstenvolk geht es um viel mehr. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,668371,00.html
Ich halte das für eine unverschämte und überflüssige Kamelquälerei. Was soll der Quark??
ohmscher 11.01.2010
4. Richtige Männer auf richtigen Kamelen
Zitat von Ariane SagerLiebe Gundula, mach Dir nichts aus den ganzen Kritiken, die möglicherweise noch kommen könnten. Ich finde den Artikel wirklich sehr gut und hoffe, dass Du hier noch viele weitere veröffentlichen kannst! Viel Glück dabei, Deine Margret ;-))
Ach so, und ich habe gedacht, der Artikel wäre von Karl May oder von Susanne Osthoff:
Shimodax, 11.01.2010
5. Mal Luft ablassen ...
Zitat von ohmscherJa, schon recht, ganz toll romantisch, aber was soll ich darüber jetzt diskutieren? ... Also ich finde es ein wenig diskrimierend, dass im Wadi Sa'aga 'die Luft so klar ist, wie sie es nur in der Wüste sein kann.' Ich möchte auch so eine klare Luft bei mir daheim. Und ein Rennkamel. Und eine schwere abaia, oder wenigstens einen baltu! Das wollte ich nur mal dazu sagen. Danke.
Jaja, so sind sie die Deutschen ... fahren die fetten Autos wollen dann aber gern wüstenklare Luft (möglichst ohne Sand vermute ich). So läuft das aber nicht, wer Abaia sagt muss auch Baltu sagen ... das ist halt mal der Gang der Dinge heutzutage, selbst in Zeiten der Krise. Aber am Ende atmet dann doch der kleine Mann wieder die Zechenluft, während die Bonzen die superreinen Oxygene auch noch auf Staatskosten kriegen ...
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