Kamtschatka im Winter Gefangen in sibirischer Kälte

Jörg Reuther

Das Feuerholz ist verbraucht, der Lebensmittelvorrat beinahe auch, und vor der Hütte tobt ein Sturm: Michael Martin will die traumhafte Vulkanlandschaft von Kamtschatka fotografieren - und bleibt im Schnee stecken.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Wieder und wieder nimmt das Kettenfahrzeug Anlauf, um den Steilhang zu bewältigen, schließlich wühlt es sich durch den meterhohen Schnee zur Passhöhe zwischen den beiden Vulkanen Korjakski und Awatschinski hinauf. Ich drücke die Türe des Gefährts gegen den Sturm auf - und stehe mitten im weißen Inferno.

Mit Windstärke zehn bläst der Sturm den frisch gefallenen Schnee in riesigen Fahnen nach Norden, nur mit Mühe kann ich mich auf den Beinen halten. Dabei hatte man mich gewarnt: vor dem schnee- und sturmreichen Winter Kamtschatkas, einer dünn besiedelten Halbinsel im Nordosten Sibiriens.

Fotostrecke

18  Bilder
Michael Martin in Sibirien: Die Vulkane von Kamtschatka

Zu dieser Jahreszeit Transport, Logistik und Unterkunft sicherzustellen, war schwierig. Letztlich fand ich durch eine Internetrecherche Witalij mit seinem Kettenfahrzeug, den englischsprachigen und wintererfahrenen Guide Artjom, Schenja und Sascha mit ihren Schneemobilen sowie die Köchin Nadja. Mit von der Partie sind noch meine Freunde Jörg, Wolfram und Mara.

Gemeinsam wollen wir einige der 129 Vulkane Kamtschatkas erkunden und fotografieren. Sie markieren den Verlauf des sogenannten Pazifischen Feuerrings, der den Pazifik umschließt. Die Pazifische Platte taucht in Kamtschatka mit einer Geschwindigkeit von bis zu acht Zentimetern im Jahr unter die Euroasiatische Kontinentalplatte und wird in den Tiefen des oberen Erdmantels aufgeschmolzen.

Nach drei Stunden Fotografieren auf der Passhöhe kehren wir in eine tiefer gelegene Hütte zurück. Ein Holzofen und die Kochkünste von Nadja garantieren uns trotz anhaltenden Sturms einen gemütlichen Abend. Nach zwei Tagen hat sich der Sturm gelegt, und wir fahren weiter zu den südlich gelegenen Vulkanen Wiljuschinski und Mutnowski.

Tiefschneewanderung zum Kraterrand

Am Mutnowski ist das Ziel unseres Trosses aus Kettenfahrzeug und zwei Schneemobilen eine im Winter nicht genutzte Rangerhütte. Wir sind seit Monaten die ersten Besucher, und so kostet es ein Stück Arbeit, sie bewohnbar zu machen. Das Toilettenhäuschen ist bis unter das Dach mit Schnee zugeweht.

Am nächsten Morgen fährt uns Witalij im Kettenfahrzeug so weit wie möglich durch den Tiefschnee die immer steiler werdenden Hänge des Vulkans nach oben, dann steigen wir auf die beiden Schneemobile um. Unser Ziel ist einer der vier Krater des Vulkans Mutnowski. Bald gibt es auch für die Schneemobile kein Vorankommen mehr, sodass wir die Kameras durch tiefen Schnee zum Krater hinaufschleppen müssen.

Oben angekommen, verschlägt uns nicht nur der Blick auf die in der Morgensonne aufleuchtenden Dampfsäulen den Atem. Aus Felsspalten dringt beißender Schwefeldampf, der den umliegenden Schnee gelb färbt. Immer wieder verdunkeln aus einem Nachbarkrater aufsteigende Dampfwolken die Sonne, dazu bläst ein heftiger Wind. Erschöpft, aber mit vielen Fotos kehren wir spätnachmittags in die Hütte zurück.

Am nächsten Tag schneit es heftig, dazu weht ein stürmischer Wind. Trotzdem versuchen wir am Nachmittag, den Kraterrand des nahen Schildvulkans Gorely zu erreichen, müssen aber wegen schlechter Sicht aufgeben. In der darauffolgenden Nacht steigert sich der Sturm zum Orkan, unser Guide Artjom schätzt die Windgeschwindigkeit auf 35 Meter pro Sekunde und warnt uns eindringlich vor einem Gang zum Toilettenhäuschen.

Nur um Schnee zu holen, der auf dem Ofen zu Trinkwasser geschmolzen wird, wagen sich unsere russischen Begleiter nach draußen, können sich aber kaum auf den Beinen halten. An die für diesen Tag geplante Rückfahrt ist nicht zu denken.

Noch eine ernüchternde Erkenntnis: Wir haben das mitgebrachte Feuerholz zu knapp kalkuliert. Die Guides suchen daher die Hütte nach überflüssigem Mobiliar ab und verarbeiten kurzerhand eine Bank und ein Regal mit einem Beil zu Brennholz. So lässt sich die Temperatur immerhin bei null Grad Celsius halten. In Daunenjacken essen wir die letzten Vorräte, dann kriechen wir in die Schlafsäcke und hoffen auf besseres Wetter.

Motorschaden bei Eiseskälte

Um 4 Uhr morgens wache ich auf und vermisse die Geräuschkulisse des Sturms. Ich wecke das Team, um das Wetterfenster zum sofortigen Aufbruch zu nutzen. Um 6 Uhr sind wir startklar, doch nun springt Witalijs Kettenfahrzeug nicht an. Der Zahnriemen ist verrutscht, die Reparatur wird mehrere Stunden dauern - sofern sie überhaupt gelingt.

Jetzt wird es ungemütlich. Die Essensvorräte sind aufgebraucht, und Brennholz ließe sich nur noch gewinnen, wenn wir Hand an die Holzkonstruktion der Hütte legen würden. Trotz Dunkelheit und Eiseskälte beginnt Witalij, den Zahnriemen auszubauen. Nach vier Stunden ist er, neu justiert, wieder eingebaut - und der Motor springt an.

Es geht bei traumhaftem Wetter zurück zum Wiljuschinski-Pass. Auf der Passhöhe fasse ich einen Plan, der zwar viel Geld kostet, uns aber einzigartige Fotos bescheren könnte. Ich bitte Artjom, über das Satellitentelefon einen der zahlreichen MI-8-Helikopter anzufordern, die südlich von Petropawlowsk stationiert sind. Eine Stunde später landet ein orangefarbenes Ungetüm auf der Passhöhe. Jörg und ich klettern dick vermummt an Bord und nehmen mit Gurten gesichert an der offenen Türe Platz.

Zunächst fliegen wir hinaus auf den Pazifik, um die Vulkane mit dem Ozean im Vordergrund fotografieren zu können. Dann in 3000 Meter Flughöhe über traumhafte Landschaften zum Vulkan Mutnowski und kreisen über seinen Kratern. Plötzlich drückt der Pilot den schweren Helikopter nach unten, und wir landen zu unserer Überraschung auf dem bizarr vereisten, 2322 Meter hohen Vulkangipfel.

Ich stehe in der Sonne im eiskalten Wind, blicke über Dutzende Vulkane zum tiefblauen Pazifik und mache meine letzten Bilder. Am nächsten Tag werden wir nach München zurückkehren. Dort wird man uns von sogenannter sibirischer Kälte berichten, die Deutschland wochenlang im Griff hatte.

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10 Leserkommentare
transsib_reisen 08.03.2018
timpia 08.03.2018
ade 08.03.2018
Björn L 08.03.2018
Kein Besserwisser 08.03.2018
k.michael62 08.03.2018
fortyplus 08.03.2018
az26 08.03.2018
erlenstein 08.03.2018
emil_erpel8 09.03.2018

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