Kanadas Westküste Wildnis wagen

An der Westküste Kanadas führt ein junger Ureinwohner durch das Stammesland seiner Ahnen. Unterwegs in einem Labyrinth, in dem ein Tourist allein schnell verloren wäre.

imago/ All Canada Photos

Der Schrei eines Seeadlers durchbricht die Stille. Elegant stößt sich der Raubvogel vom Wipfel einer gewaltigen Zeder ab und gleitet über das Wasser. Seine Jagd muss heute ein leichtes Spiel sein: Keine Welle kräuselt die See, er kann tief ins klare Wasser blicken. Vor fünf Minuten hat Mike Willie den Motor seines kanariengelben Schnellbootes ausgestellt, die Passagiere lauschen auf die Natur.

Fotostrecke

12  Bilder
First-Nations-Tourismus: Mit dem Seewolf in der Wildnis

Nicht das leiseste Plätschern am Bootsrumpf ist zu hören, so windstill ist es heute in der zerklüfteten Landschaft des Broughton-Archipels im Provincial Marine Park mit seinen Inseln, Kanälen und Fjorden. Dann ein Schnauben wie von einem Schwimmer, der nach langem Tauchen wieder an die Oberfläche kommt: "Buckelwale", flüstert Willie und deutet in die Ferne.

Alle paar Sekunden taucht eine gewaltige Schwanzflosse aus dem Wasser und sinkt langsam wieder ab. Eine Wolke steigt auf, wenn einer der Meeressäuger bläst. "Wir nennen es 'sea smoke' - Meeresdampf", erklärt der Guide.

Stolz und selbstbewusst

Willie ist eine imposante Erscheinung: groß, kräftig und mit schwarzem Bart. Er hat die Teilnehmer seiner Tour in dicken Stiefeln und wasserdichten Hosen in Empfang genommen. Sein Unternehmen hat er Seewolf genannt - der einheimischen Bezeichnung für den Orca. "Sie jagen auch in Rudeln, wie Wölfe", erklärt er.

Der junge Mann vom Stamm der Kwakwakawa'wakw gilt als Vorzeigeunternehmer. Vor fünf Jahren machte er sich mit seinen Touren selbstständig - und liegt mit seinen Angeboten im Trend: Der Tourismus der First Nations boomt in British Columbia. Vor 18 Jahren gab es nur fünf indianische Unternehmen, heute sind es über 200, die sich unter dem Dach von Aboriginal Tourism BC zusammengeschlossen haben.

Die First Nations wollen ihre lange unterdrückten Kulturen wieder zu neuem Leben erwecken. Und der Erfolg ist bereits spürbar. Inzwischen baut ein Drittel aller Touristen Angebote der Aboriginals in die Reisepläne ein: Outdoor-Abenteuer, Kulturevents und Kulinarisches. Der Stolz und das Selbstbewusstsein der jungen Generation wachsen, je mehr ihre Kultur auf das Interesse von Gästen aus aller Welt stößt.

Die Heimat der Vorfahren

Willie wirft den Motor wieder an und steuert in den nächsten Kanal. Für seine Passagiere sieht die Seekarte auf dem GPS wie ein verworrenes Labyrinth aus, doch der Einheimische kennt hier jedes Eiland und jeden Fjord.

Jetzt deutet er auf eine Bucht mit weißem Strand: "Die Heimat meiner Vorfahren. Der Entdecker George Vancouver zählte hier Ende des 18. Jahrhunderts mindestens 70 Kanus. Doch er brachte die Pocken mit. Die Weißen pferchten uns in kleinen Reservaten zusammen, um unsere Wälder abzuholzen", erklärt Willie.

Der Guide engagiert sich neben seinen touristischen Unternehmungen in der Stammespolitik, kämpft gegen Holzfirmen und Lachsfarmen und versucht, das Bewusstsein im Stamm wieder zu wecken: "Viel mehr Leute aus meinem Volk sollten hierherkommen und ihre Wurzeln spüren, aber sie stecken im Reservat fest."

Fotostrecke

12  Bilder
First-Nations-Tourismus: Mit dem Seewolf in der Wildnis

Willie stoppt das Boot in einem breiten Fjord. Landgang! Die Füße versinken im Morast. Ein schmaler Pfad führt durch den Wald. "Das ist kein Menschenweg, sondern ein Bärenweg", sagt Willie und deutet auf Löcher im Boden: gewaltige Prankenabdrücke. Grizzlys.

Doch heute will sich kein Bär blicken lassen. Auch nicht am Fluss, den der Guide später mit dem Boot hinabsteuert. Raben krächzen und dicke Regentropfen pladdern. Von den Bäumen baumeln dicke Flechtenbärte ins Wasser. Tang, so dick wie Ankertaue, dümpelt im Meer. Ein Reiher sitzt regungslos auf einem Baumstumpf und flüchtet erst in letzter Sekunde.

Leicht enttäuscht sitzen die Teilnehmer während der Rückfahrt im Boot. Doch dann reißt der Himmel plötzlich auf. Direkt neben dem Bug steigt eine Dampfwolke auf und ein Orca hebt seinen Kopf ins Sonnenlicht. Gemächlich umkreist er das Boot und verschwindet dann mit einem letzten Blasen. Ein Abschiedsgruß aus der Wildnis.

Weitere Informationen
Anreise
Zahlreiche Fluglinien steuern Vancouver an, z.B. KLM oder Air Canada. BC Ferries bietet Fährverbindungen von Vancouver nach Nanaimo auf Vancouver Island, dann geht es weiter mit dem Mietwagen bis Port McNeil (480 km).
Unterkunft
Das einstige Fischerdorf Telegraph Cove wurde in ein Resort mit Zimmern und Hütten verwandelt (DZ ab 75 Euro, Tel. 001/250/9283131, www.telegraphcoveresort.com).
Touren
Angebote von Ureinwohnern vermittelt Aboriginal Tourism BC, Tel. 001/604/9211070.
Die Exkursionen von Sea Wolf Adventures zu den Grizzly-Bären dauern 10-12 Stunden und kosten ca. 300 Euro, Tel. 001/250/9029653.
Geführte Paddeltouren im Einbaumkanu an der Westküste von Vancouver Island bietet die T'ashii Paddle School in Tofino, ab 43 Euro, Tel. 001/250/2663787.
Auskunft

Oliver Gerhard, srt

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Flying Rain 19.07.2018
1. Naja
Naja so langsam kommen die jüngeren Ureinwohner darauf wie man mit ihrem Wissen um die Natur und Landschaft Geld machen kann was ich sehr gut finde wenn man sich so andere Ecken ansieht in denen die Natives sich lieber dem Fusel hingeben.... Die älteren wollten ja lange stumpf nur auf die alte Art leben was ja nicht ganz so toll geklappt hat wenn man das nicht zu 100% durchzieht wärend die jüngeren auch durch bessere Ausbildungen gerade im Tourismusbereich nun losziehen! Weiter so.
le.toubib 26.07.2018
2. Bitte.
Zitat von Flying RainNaja so langsam kommen die jüngeren Ureinwohner darauf wie man mit ihrem Wissen um die Natur und Landschaft Geld machen kann was ich sehr gut finde wenn man sich so andere Ecken ansieht in denen die Natives sich lieber dem Fusel hingeben.... Die älteren wollten ja lange stumpf nur auf die alte Art leben was ja nicht ganz so toll geklappt hat wenn man das nicht zu 100% durchzieht wärend die jüngeren auch durch bessere Ausbildungen gerade im Tourismusbereich nun losziehen! Weiter so.
Vergleichen Sie Reservate in den Staaten nicht mit denen in Kanada. Die Indigenen der U.S.A. konsumieren ihren steuerfreien Schnaps und Tabak alleine, ihre kanadischen "Brüder" verkaufen das Zeugs mit ordentlichem Profit an die Weissen. Aber Hauptsache, die Makah in den Staaten können legitim Wale jagen, drei Tiere innert 5 Jahren! Stammestradition ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.