Auf der Suche nach der großen Freiheit "Man hat nur dieses eine Leben"

Wie muss man leben, um am Ende sagen zu können "Es war großartig"? Für den Abenteurer Mario Goldstein ist die Antwort klar: frei sein und seinen Sehnsüchten folgen - in der Wildnis Kanadas und Alaskas.

Patrick Schilbach/ Knesebeck Verlag

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"Für uns bricht die wohl schönste Zeit auf dem Yukon an. Wir leben im Rhythmus der Natur und treiben langsam durch die Wildnis", notiert Mario Goldstein am 13. Juli 2014 in der Nähe von Carmacks im Yukon Territory ins Logbuch.

Er und seine Frau Ramona sitzen am Bug ihres selbstgebauten Floßes, zwischen ihnen liegt Schäferhündin Sunny in der Sonne. Lachend und entspannt schauen sie inmitten der kanadischen Wildnis den 2000 Kilometern entgegen, die noch vor ihnen liegen. Bis zur Beringsee nach Alaska wollen sie es schaffen.

Vier Wochen später ist die Stimmung an Bord extrem angespannt: Der Wind türmt die Wellen auf dem Fluss immer höher, in der Kabine fliegt alles durcheinander. Ramona Goldstein hält sich an den Balken fest, während ihr Mann versucht, das Floß zu manövrieren. "Ich dachte wir sterben", notiert Ramona Goldstein. Doch sie überstehen das Unwetter. Nach 64 Tagen auf dem Fluss kommen die Plauener wohlbehalten an der Beringsee an.

"Die letzte Nacht auf dem Fluss, über unseren Köpfen die Aurora borealis, werde ich nie vergessen", sagt Mario Goldstein. Es sind Hochgefühle wie dieses, für die der in der ehemaligen DDR geborene 49-Jährige vor vielen Jahren sein altes Leben als umtriebiger Unternehmer hinter sich gelassen hat.

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Sehnsucht Wildnis: In den Weiten Kanadas und Alaskas

Bis auf ein Paar Winterschuhe verkaufte er 2001 sämtlichen Besitz und segelte sieben Jahre lang auf einem Katamaran durch die Welt. Wieder an Land, baute er einen ausrangierten Wasserwerfer der Polizei Dachau zu einem Expeditionsfahrzeug um, und machte sich auf den Weg nach Indien, um den Dalai Lama zu treffen.

Goldstein will frei sein. Mit allen Konsequenzen und auch den Schmerzen, die radikale Lebensentscheidungen in einem selbst und bei anderen verursachen. Seine erste Ehe ging zu Bruch. Goldstein hat zwei Kinder, die den Vater oft lange nicht zu Gesicht bekommen. "Man muss loslassen können", sagt Goldstein.

Vor fünf Jahren war es die Sehnsucht nach echter Wildnis, die ihn neue Expeditionspläne schmieden ließ: Zusammen mit seiner neuen Frau Ramona, will er vom östlichsten Punkt des nordamerikanischen Kontinents auf Neufundland bis an die Beringsee touren. "Wir wussten nicht so recht, was Wildnis überhaupt ist", sagt Goldstein. Wie fühlt es sich an, dort zu sein, wo nicht der Mensch, sondern die Natur das Sagen hat? Wo selbst große Egos ganz winzig werden?

Aus dem Hamsterrad der Gesellschaft abspringen

In Hamburg hatte das Paar das treue Wasserwerfer-Mobil verschifft, das sie dann die ersten 12.000 Kilometer voranbringt. Immer wieder halten sie entlang der Route an und treffen Menschen, die aus dem Hamsterrad der Gesellschaft abgesprungen sind und die Härten des Lebens in der Natur kennen - und auch das große Glück, das dort draußen zu finden ist: Mike McIntosh, der in Ontario mit 18 Braunbären lebt. Oder den Musiker Driftwood Holly, der eigentlich Holger Haustein heißt und aus Sachsen stammt, inzwischen aber mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern auf einer kleinen Farm in der Nähe der Goldgräberstadt Dawson ein nahezu autarkes Leben führt.

Die Goldsteins treffen Casey und Shelley Black, die Gründer des Northern Lights Wildlife Wolf Center, nehmen Ray, einen Anhalter mit, der Kanada zu Fuß durchquert. Sie und einige weitere Aussteiger oder Naturliebhaber porträtieren die Goldsteins in ihrem kürzlich erschienen Buch "Sehnsucht Wildnis - Abenteuer in Kanada und Alaska". "Vor allem im Yukon tummeln sich so viele Lebenskünstler, das ist allein schon eine Reise wert", sagt Goldstein.

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Mario und Ramona Goldstein:
Sehnsucht Wildnis

Freiheit und Abenteuer in Kanada und Alaska

Knesebeck Verlag; 240 Seiten, 35 Euro

Am stärksten beeindruckt ihn Morgan Davis - ein weißbärtiger, zahnloser Einsiedler, der schon als junger Mann seinem Wohlstandsleben in den USA den Rücken kehrte, hinaus in die Welt zog und sich schließlich in einer einfachen Blockhütte in der Nähe von Noëlville in Ontario niederließ. "It´s been a great trip", sagt Davis über sein über 70-jähriges selbstbestimmtes Leben. "Es war eine großartige Reise." Ein Satz, von dem auch Goldstein hofft, dass er ihn am Ende auch über sein eigenes Leben sagen kann: "Man hat nur dieses eine Leben, ich will es bestmöglich nutzen."

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
_gimli_ 10.05.2018
1.
Der Typ ist ganz einfach verantwortungslos und egoistisch. Die Kinder haben halt Pech gehabt, woher die Versorgung im Alter kommt ist egal usw. Ich habe ein langes Interview mit ihm gehört. Prädikat: gesellschaftlich wertlos.
112211 10.05.2018
2. Chips
Tja, und viele andere bleiben bei Chips, Bier, Cola & Kippen hängen, glauben, dass der all-inclusive Urlaub ein Segen sei, und unter einer 4**** Unterkunft sowieso nichts zählt. Gut so, sonst wären die wirklich schönen Ziele dieser Erde dicht.
großwolke 10.05.2018
3. Bei sich sein oder das Glück jagen?
Warum wird das Aussteigertum eigentlich immer so zelebriert? Zufriedenheit beginnt damit, zufrieden sein zu WOLLEN. Das Schöne in dem zu sehen was man jeden Tag hat. Mein Leben zum Beispiel ist wirklich nicht besonders spektakulär: normaler Job, normales Gehalt, normale Wohnung in spießigem Schlafdorf. Aber ein Blick in die Nachrichten reicht aus um zu erkennen, wie fantastisch es ist, jeden Tag einfach nur dieses Langweiler-Leben zu leben. Kein Hunger, keine echten Sorgen, jedenfalls nicht von der lebensbedrohlichen Sorte. Leben in einem Land, in dem Wasser einfach vom Himmel fällt und man die Natur aktiv bekämpfen muss, damit sie nicht in zwei Jahren alles komplett überwuchert, anstatt Angst haben zu müssen, dass die einzige Ziege die Dürrezeit nicht übersteht. Leben in einer Zeit, in der Nahrung für die ganze Woche in einer Stunde aus dem Supermarkt in den Kühlschrank geschafft ist, in der Wäsche waschen bedeutet, ein paar Knöpfe zu drücken und dann zwei Stunden lang einfach nur zu warten darauf, dass es passiert ist. Die Übersättigung lässt viele gar nicht mehr sehen, wie fantastisch, wie nahezu unglaublich dieses satte, bequeme Leben eigentlich ist. Und so jagen sie den Kick am anderen Ende der Welt, bringen sich in Lebensgefahr für ein "freies" Leben, das sofort endet, wenn das Geld alle ist. Ich singe lieber ein Loblied auf das Mittelmaß. Weil das nämlich, historisch wie global, alles andere als mittelmäßig ist, sondern geradezu prächtig.
Pelao 10.05.2018
4. Es gibt die große Freiheit nicht ...
... egal wohin Du auch hinfährst. ... Du selbst begleitest Dich ... wo Du auch bist ... die Enge in den Städten ist ein schützender Kokon vor Dir selber ... ich selbst war für meine Diss einmal 14 Tage allein in den Weiten Patagoniens ... nur ich, ein Pickup, ein Transistorradio und ein junger Hund ... ich bin dankbar für den Hund und die Deutsche Welle, die ich damal über Kurzwelle Nacht für Nacht und Morgen für Morgen empfangen konnte ... die Freiheit fand ich nicht ... weil ich selbst zwischen mir und der Freiheit stand ... und die einzigen Freunde die ich zwischen mir und meiner selbst hatte, waren mein Hund und die Deutsche Welle ... ¿was lernen wir daraus? ... die Freiheit wartet auf Dich nicht in irgendeinem Winkel der Welt ... wenn Du sie nicht selbt in Dir hast ... und wenn, dannn hast Du sie ... egal wo Du Dich gerade befindest ... (dies ist eine wahre Geschichte und fand statt zu Zeit des Golfkrieges im Januar 1991).
huz6789 10.05.2018
5. Winter
Nordkanada bedeutet einen laaaangen, sehr, sehr harten und sehr dunklen Winter. Bücher, Fotos und Beiträge zeigen fast immer nur die Sommersonnenseite. Wie geht es den Aussteigern in dieser Zeit ? Oder wird diese Zeit urlaubhaft ausgelassen, damit alle geschmeidig und unrealistisch weiterträumen dürfen ?
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