Kap Hoorn Wo Atlantik und Pazifik sich umarmen

"Selbst der Teufel würde hier erfrieren", schrieb einst Charles Darwin. Keine Passage auf den Seewegen der Weltmeere ist gefährlicher als die vorbei an Amerikas Südspitze. Selbst mit einem Kreuzfahrtschiff von heute ist es eine ungemütliche Angelegenheit.


Kap Hoorn: Der graue Felsenklotz ist das von Seefahrern gefürchtete Ende der Welt
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Kap Hoorn: Der graue Felsenklotz ist das von Seefahrern gefürchtete Ende der Welt

Puerto Williams - Das Meer brodelt. Riesige Wellenberge bauen sich vor dem Schiff auf und spritzen hoch aufschäumend auseinander, wenn der Bug ächzend hineinstößt. Die heftigen, schlingernden Schiffsbewegungen sorgen dafür, dass das Bordrestaurant des Kreuzfahrtschiffs oft nur zur Hälfte gefüllt ist. Schließlich wird bei Wellen von acht Metern Höhe jede Mahlzeit zu einer Herausforderung.

Die ersten Umrisse einer Insel tauchen verschwommen zwischen tief hängenden, grauen Wolken und dem aufgewühltem Meer auf. Auf der Fahrt von der Antarktis in Richtung Norden erreicht das Schiff die zu Chile gehörende Inselgruppe Diego Ramirez in der Drake Passage, etwa 60 Seemeilen südlich von Kap Hoorn. Die fast 1000 Kilometer breite Meeresstraße zwischen den Süd-Shetlandinseln und der Spitze von Südamerika ist nach dem englischen Seefahrer Sir Francis Drake aus dem 16. Jahrhundert benannt und bekannt als eine stürmische Wasserstraße, in der Wind und tückische Strömungen für eine reichlich unbequeme Seefahrt sorgen.

Nur selten legen an der Inselgruppe Diego Ramirez Schiffe an. Eine kleine Wetterstation der chilenischen Marine ist hier ganzjährig besetzt. Diego Ramirez ist außerdem ein Vogelparadies: Große Brutkolonien von Graukopf- und Schwarzbrauen-Albatrossen finden sich hier ebenso wie Felsen- und Magellan-Pinguine. Und am Strand liegen manchmal südamerikanische Seelöwen.

Eine Anlandung ist nur mit einer Sondergenehmigung und mit einigen Vorbereitungen möglich: Die Passagiere müssen - ausgerüstet mit Gummistiefeln, Rettungswesten und Parkas - mit sturmfesten Schlauchbooten an die Geröllstrände gebracht werden. Doch diesmal bleiben alle Gäste an Bord: "Die Anlandung ist selbst bei optimalen Wetterbedingungen schwierig", sagt der Kapitän. "Bei dieser hohen Brandung und der starken Strömung zwischen den Felsen ist es einfach nicht möglich."

Nach dem Mittagessen heißt es dann "Alle Mann an Deck! - Wir passieren Kap Hoorn!". Die Sonne hat sich für kurze Zeit einen Weg durch das dichte Grau am Himmel gebahnt und taucht die Landschaft in ein stimmungsvolles Licht. Vor dem Schiff tauchen die 406 Meter hohen Felsen auf - die Südspitze des amerikanischen Kontinents. Seine Faszination verdankt das eher unspektakulär wirkende Massiv seinem schlechten Ruf als das von Seeleuten gefürchtete Ende der Welt.

Der Seefahrer Willem Cornelisz Schouten war der Erste, der das Kap 1616 umrundete und nach seinem holländischen Geburtsort benannte. Dieses risikoreiche Unterfangen haben Schriftsteller wie Herman Melville, Samuel Taylor Coleridge, Jules Verne und Edgar Allen Poe in großen Werken immer wieder anschaulich beschrieben.

Kap Hoorn ist noch heute der größte Schiffsfriedhof der Welt: In der eiskalten See liegen mehr als 800 Wracks mit zehntausend Toten. Keine Passage auf den Seewegen der Weltmeere war gefährlicher und unberechenbarer als die um die Südspitze Amerikas.

Während die Umsegelung von Kap Hoorn einst mehrere Wochen dauern konnte und mit größten körperlichen Strapazen verbunden war, können Passagiere heute die Inselwelt bequem vom Deck aus beobachten: Zu sehen sind ein Leuchtturm, die zur Militärstation von Puerto Williams gehörende chilenische Station "Cabo de Hornos" und das Monument der "Kap Horniers", das die Umrisse eines riesigen fliegenden Albatrosses darstellt. Auf diesem Gedenkstein erinnert ein eingemeißeltes Gedicht an die toten Seeleute von Kap Hoorn.

Von Detlef Berg, gms



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