Strände von Kapstadt Hai-Alarm auf dem Handy

Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele große Weiße Haie wie am Südzipfel Afrikas - zum Schrecken von Badegästen und Surfern. Nun soll eine App die Nerven beruhigen.

AP / University of Miami / Neil Hammerschlag

Arthur hat sein Bodyboard bereits geschultert. Den Neoprenanzug hat der Zwölfjährige auch schon angezogen, der tiefblaue Himmel über Kapstadt verspricht Surfspaß. Doch noch hat er nicht alle Vorbereitungen abgeschlossen. Ihm fehlen Informationen: In welcher Bucht herrscht Hai-Alarm? Kommen die großen Weißen? Oder wird das wieder einer dieser unbeschwerten Wellentage, für die die Stadt am Südende des Kontinent berühmt ist?

Bislang orientierten sich die Wasserfreunde in Kapstadt an den verschiedenfarbigen Haifahnen, die über den am häufigsten von den Meeresräubern heimgesuchten Stränden flattern. Wird dort beispielsweise eine weiße Flagge gehisst, bedeutet das: "Ein Hai wurde gesichtet, verlassen Sie unverzüglich das Wasser!" Die Farbe Grün dagegen signalisiert gute Wassersportverhältnisse ohne Raubtier.

Seit Kurzem gibt nun es eine App, die das erledigt.

Arthur wischt ein paar Mal über das Display seines Smartphones, tippt hier und da, und dann weiß er: Vorgestern wurden zwei Haie am Strand von Fish Hoek gesichtet und einer am Tag davor. Muizenberg hingegen bleibt seit gut drei Wochen von Haibesuchen verschont, und in Kalk Bay war schon seit einem halben Jahr keiner mehr.

Arthur entscheidet sich für Muizenberg, nur ein paar Kilometer entfernt von seinem Viertel Hout Bay - hier liegt einer der bei südafrikanischen Surfern beliebtesten Strände.

Hai unter Drohnen-Beobachtung

Am Strand des Kapstadtvororts hat Sarah Waries ihr Büro. Die 28-Jährige arbeitet seit acht Jahren für die Shark Spotters, die die Küsten von Kapstadt überwachen und das Verhalten der Haie beobachten. Gemeinsam mit ihren Kollegen hat sie auch die Hai-App entwickelt.

"Seit einigen Wochen erst kann sie kostenlos heruntergeladen werden, aber schon jetzt haben das fast 2000 Menschen getan", sagt Waries, während die Kapdoktor genannten Sturmböen an den Fensterläden rütteln und das Wasser zu meterhohen Wellen aufpeitschen: "Die Nachfrage ist riesig - und in Australien wollen sie nun ein ähnliches Programm starten."

Schon seit ein paar Jahren dachten die südafrikanischen Haiwarner über die Erstellung einer App nach. Doch es dauerte eine Weile, bis sie die rund 4000 Euro zusammenbekommen hatten, die für die Finanzierung nötig waren. Unter anderem beteiligte sich das Kapstadt-Aquarium Two Oceans.

Was in Südafrika in Sachen Haibeobachtung auf die Beine gestellt wird, ist allerdings schon lange einzigartig. Insgesamt 45 festangestellte Shark Spotter haben mittlerweile die acht wichtigsten Strände im Blick. Oft ist auch einer mit einer Drohne dabei, die er über der See kreisen lässt, um dabei zu helfen, die Haie zu identifizieren. Seit ihrer Gründung im Jahr 2004 - als ein Projekt nervöser Geschäftsleute - haben die Shark Spotter mehr als 2000 große Haie gesichtet.

Fotostrecke

14  Bilder
Alarmsystem in Südafrika: Die Hai-Beobachter von Kapstadt

Anlass der Gründung war eine Haibegegnung, bei der ein Teenager in Muizenberg sein Bein verlor. Tagelang beschäftigte die Geschichte daraufhin die Medien, und es dauerte nicht lange, da blieb die zahlende Kundschaft aus. Spätestens seit Steven Spielbergs Siebzigerjahre-Schocker "Der Weiße Hai" beschert Carcharodon carcharias, wie der größte Raubfisch der Welt wissenschaftlich genannt wird, den Menschen schlaflose Nächte. Die Rote-Liste-Art gilt dabei längst als gefährdet und wird in Südafrika streng geschützt.

Um das Geschäft in Muizenberg wieder anzukurbeln, stellten die Anwohner damals eine Art mit Ferngläsern ausgerüstete Bürgerwehr auf die Beine. Die sollte Alarm schlagen, wenn sich ein Hai ihrer Bucht näherte. Später übernahm die Stadt Kapstadt das Projekt.

Robbe flüchtet hinter Surfer

Unbegründet ist der Aufwand der Stadtväter nicht: Nirgendwo auf der Welt ist die Dichte an den meist circa vier Meter langen Weißen Haien so groß wie hier. "Wir haben riesige Robbenkolonien vor unseren Küsten", sagt Waries und blickt durchs Fernglas auf die schäumende See. "Ganz in der Nähe tummeln sich 60.000 bis 80.000 dieser Tiere - für Haie die reinsten Leckerbissen."

Gleichzeitig stürzten sich immer mehr Wassersportler in die Wogen, sagt Waries. Kein Wunder also, dass immer mal wieder ein Surfer zwischen Haizähne gerät. Vor ein paar Jahren ereignete sich so ein Zwischenfall auch in Fish Hoek. Ein junger Mann sprang auf der einen Seite der Bucht ins Wasser, obwohl Haibeobachter Monwabisi Sikaweyiya längst die weiße Warnfahne gehisst hatte und die Sirene heulte.

"Der Mann ignorierte alle Warnungen und schwamm direkt auf den Hai zu, um die Bucht zu durchqueren", erinnert sich der heute 37-jährige Shark Spotter Sikaweyiya. "Dann geriet eine Robbe zwischen die beiden und suchte hinter dem Schwimmer Schutz."

Ein paar Mal kreiste der Hai um die beiden, immer wieder sprang die Robbe über den Schwimmer, dann biss der Hai zu - und erwischte den Menschen. Sikaweyiya, früher Rettungsschwimmer, später erster Shark Spotter Kapstadts, ist sich sicher, das nicht der Schwimmer das Ziel des Hais war: "Die Tiere ernähren sich von Robben, Rochen oder Thunfisch - Menschen mögen sie gar nicht besonders."

In Fish Hoek nehmen sie die Ängste der Badegäste dennoch ernst. Seit einiger Zeit wird dort jetzt ein Hainetz gespannt. Im Gegensatz zu anderen Netzen können sich die Raubfische in seinen Maschen nicht verfangen, wo sie oft krepieren, sondern werden nur davon abgehalten, in die abgesperrte Zone zu schwimmen.

Im Dezember und Januar kommen wieder die Touristenmassen aus Europa ans Kap der Guten Hoffnung. Monwabisi Sikaweyiya fühlt sich gewappnet. "Sollen sie ruhig kommen", sagt er, "solange sie sich an die Regeln halten, wird ihnen nichts passieren."

Information: Die App "Shark Spotters" kann kostenlos über iTunes und über Google Playheruntergeladen werden.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gerhard5260 29.11.2016
1. Übrigens...
Was viele Menschen nicht wissen: Es gibt auch im Mittelmeer weisse Haie. Sie leben dort aber vorwiegend als Hochsee-Haie und kommen nur selten in die Nähe von Stränden. Am häufigsten findet man sie im westlichen Mittelmeer. Man hat mit Hilfe von DNA-Tests herausgefunden, dass die weissen Haie im Mittelmeer genetisch verwandt sind mit jenen vor der Südküste Australiens.
Oskar ist der Beste 29.11.2016
2. Baden in Kapstadt?
...das ist eigentlich aufgrund der Wassertemperaturen von nicht mehr als 12 Grad gar nicht möglich...erst ab Muizenburg wird es erträglich und dort wird dann auch vor allem gesurft.
Danares 29.11.2016
3. Verreck
Anstatt "krepieren" hätte man hier auch den Ausdruck "verenden" nutzen können...
max-mustermann 29.11.2016
4.
Es zeugt nicht gerade von der angeblich so großen Intelligenz des Menschen gerade dort schwimmen/surfen zu gehen wo es viele Haie gibt. Ich springe doch auch nicht freiwillig ins Löwengehege im Zoo.
k70-ingo 29.11.2016
5.
Zitat von DanaresAnstatt "krepieren" hätte man hier auch den Ausdruck "verenden" nutzen können...
Nö, die Formulierung paßt schon. Die Tiere krepieren/verrecken tatsächlich elendigst in den Netzen. Shark-Watching ist an Südafrikas Küsten keineswegs neu. In Hermanus konnte, wer wollte, schon vor 15 Jahren in den Unterwasserkäfig steigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.