Graffiti-Krach in Kapstadt Gegen die Wand

Egal, wie kunstvoll sie aussehen - Graffitis sollen aus Kapstadts Innenstadt verschwinden. Unterkriegen lassen sich Sprayer nicht. In den Townships werden ihre Werke gefeiert.

Bianca Thielke

Von , Kapstadt


Wieder so ein schöner Tag am Kap der Guten Hoffnung. Strahlend blau der Himmel, lau die Brise, die vom Meer herüberweht. In Camps Bay nippen jetzt die Yuppies am Champagner und knabbern Scampis. In den Gondeln quetschen sich die Touristen hoch auf den Tafelberg.

In Philippi, keine 20 Autominuten von den Sehenswürdigkeiten Kapstadts entfernt, starren die Bewohner einer Arbeitersiedlung mit blutunterlaufenen Augen auf das Treiben eines Mannes, der sich Falko One nennt. Die meisten hier draußen am Stadtrand sind seit dem Vormittag betrunken. Es ist Wochenende, und der Besitzer der Blumenkohlplantage hat ihnen freigegeben.

Müde dösen ein paar Hunde im Staub vor den Wellblechhütten. Falko One schnappt sich einen Eimer und seine Sprühdosen und macht sich ans Werk. Zunächst die blaue Grundierung, dann mit geübten Bewegungen die gesprühten Linien. Wenig später ist wieder einer jener Elefanten fertig, die den Kapstädter Künstler zur "Graffiti-Ikone" und zum "Pionier der südafrikanischen Graffiti-Szene" - wie die Tageszeitung "Cape Argus" schreibt - gemacht haben.

Elefanten als Markenzeichen

"Die Stadtverwaltung will uns aus den schönen Gegenden herausekeln", grummelt Falko One, "dann gehen wir eben in die Townships." Philippi ist nur eines seiner Projekte. Zuvor hat er schon die Slums in Franshoek und Kalbaskraal verschönert. Doch Philippi liegt ihm besonders am Herzen: Keine drei Kilometer von hier entfernt, in Kapstadts Farbigen-Township Mitchells Plain, ist er aufgewachsen und hat als Kind "Rock me Amadeus" auf dem Kassettenrekorder gehört.

Seit 1988 schon ist Falko One mit der Sprühdose unterwegs, hat seine Werke in Singapur und Dubai ausgestellt, wurde zu Straßenkünstler-Festivals nach Deutschland und Großbritannien eingeladen. Seit vier Jahren sprüht er nur noch Elefanten. "Sie sind mein Markenzeichnen", sagt er, "so wie Keith Harings Arbeit sofort an seinen Strichmännchen erkannt wurde, bin ich stolz auf meine Elefanten: Es sind sehr anmutige Tiere. Ich liebe sie, auch wenn ich noch nie einen Elefanten mit eigenen Augen gesehen habe."

Bunte Blüten

Natürlich ist der Elefant auch das afrikanische Symboltier schlechthin. Ausgerechnet seine Heimat hat jetzt Falko One und allen anderen Sprayern den Kampf angesagt. "Kapstadt ist die sauberste Stadt Südafrikas, jedes Jahr kommen Hunderttausende von Touristen", sagt Falko One, "die Verwaltung sorgt sich offenbar um ihr Image und verfolgt die Broken-Windows-Theorie, mit der damals Bürgermeister Giuliani New York aufgeräumt hat." Danach begünstigt eine ungepflegte Umgebung auch schwerere Verbrechen, während eine ordentliche Nachbarschaft Täter von ihrem Treiben abzuhalten vermag.

Falko One hält nicht viel von der Theorie, mit der die Stadtväter jetzt die Sprayer vertreiben. "Schließlich gab es das Bandenwesen schon lange, bevor Ende der Achtzigerjahre die ersten Graffiti in Südafrika auftauchten", sagt er und weiß, wovon er spricht. Mitchells Plain, wo Falko One großgeworden ist, ist Südafrikas drittgrößtes Township mit ein paar Hunderttausend Einwohnern und jeder Menge Kriminalität. Ein Mega-Slum.

In Kapstadt, glaubt er deshalb, treibe der Kampf gegen die Straßenkünstler besonders bunte Blüten. Wenn in der südafrikanischen "Mothercity" der Besitzer eines Wohn- oder Geschäftshauses seine Fassade von einem Graffiti-Künstler gestalten lassen möchte, benötigt er dafür jetzt die Genehmigung der Stadtverwaltung, sonst macht er sich strafbar.

"Graffiti beeinträchtigen die Lebensqualität aller Bewohner und Gäste", heißt es in dem umstrittenen Gesetz, "zudem stellen sie ein öffentliches Ärgernis dar und beschädigen das Image der Stadt, die weltweit für ihre Schönheit bekannt ist, und machen sie weniger attraktiv für Besucher und Menschen, die hier leben und arbeiten möchten."

Erst Misstrauen, dann Begeisterung

Falko One hat kein Interesse, sich mit den Behörden anzulegen. Er findet, dass seine Kunst in den bisweilen chaotischen südafrikanischen Townships ohnehin besser zur Geltung kommt. Stark sind seine Werke immer dann, wenn sie in Beziehung zur Umgebung stehen.

Das finden auch die Bewohner von Philippi. Nachdem sie die Arbeit des Fremden anfangs misstrauisch beäugten, klatschen sie in die Hände und posieren stolz vor den bunten Dickhäutern, und immer mehr bitten darum, dass Falko One sich auch ihrer Hütte annimmt.

Dass an den Wellblechhütten in den Townhsips in letzter Zeit immer häufiger Kunst entsteht, hat sich schnell herumgesprochen. "Es ist kurios", sagt Falko One, "aus der Innenstadt wurden wir vertrieben, weil wir angeblich das Stadtbild verunstalten - jetzt strömen immer mehr Touristen in die Slums, um unsere Bilder zu sehen."

Sogar das Fremdenverkehrsamt hat bei Falko One schon angefragt, ob er Ausflüge zu seinen Township-Werken leiten könnte. Das hat er aber abgelehnt. Das ging dann doch zu weit.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
andraschek 31.05.2017
1. Ja, Graffiti kann durchaus eine Bereicherung sein,
doch leider icht überall, wie zum Beispiel auf Straßenbahnen, Zügen den allermeisten Häusern und noch vielem mehr. Meist sind es die üblen schmierereien die stören und meiner Meinung nach zurecht nicht, von den meisten meiner Mitmenschen, als Kunst negesehen werden. Andererseits kenne ich auch viele Unterführungen Brücken usw. die erst wirklich durch diese Art von Kunst schön geworden sind.
paulpuma 31.05.2017
2.
ja, wenn es schön ist (wie der Elefant auf dem Bild) und die Stelle nicht verunstaltet, dann ist es OK. Dann kann es sogar Zierde sein. Meist aber, das sollten die Journalisten nichts beschönigen, ist es häßlich, will häßlich sein, will Indikator des Niedergangs sein. Gegen das sollte sich eine gesunde Gesellschaft wehren.
xvxxx 31.05.2017
3.
Das Problem ist:Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. D.h. Schönheit ist leider zur Bewertung der Legalität vollkommen ungeeignet. Der Tagger der nur Fame sucht und in der RegelnLs Schmierer gilt, ist, wenn man sich mit dem Thema befasst, nicht weniger "künstlerisch" unterwegs als Banksy, der Schablonenheld, oder der südafrikanische Rosa-Elefanten-Maler.
stefan.p1 01.06.2017
4. Wer ohne Erlaubniss der Eigentümer
Wände oder andere Gegenstände besprayt muß dafür die Verantwortung tragen. Punkt - Keine Diskussion.
dranbleiben 01.06.2017
5. Wer dafür ist,
soll doch bitte ein paar Sprayer sein Haus verschönern lassen oder zumindest seinen Gartenzaun.
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