Karibikinsel Dominica Paradies mit Potenzial

Nebelwälder, Naturpools, 150 Vogelarten: Die Karibikinsel Dominica wurde nun erneut zum "ethischen Reiseziel" gekürt. Doch was sagt das eigentlich aus?

imago

Von Jens Kuhr


Am Ufer des von Urwaldriesen gesäumten Flusses Taberi sitzt Herve Nizard auf seiner Veranda, umflattert von Kolibris, die ihre Schnäbel wie Strohhalme in Blütenkelche stecken. Hier, in seiner Ferienhausanlage, ist von der tropischen Hitze nichts zu spüren, die sonst Dominica prägt. Kühl ist es in dem Tal, in dem Nizard seine Citrus Creek Plantation betreibt, die inzwischen ein touristisches Aushängeschild der Karibikinsel ist.

Der Mann aus Guadeloupe hat die Anlage vor zehn Jahren in der Nähe des Ortes La Plaine errichtet - mit einem Dutzend Häuser, Restaurant und ökologischer Landwirtschaft auf einem acht Hektar großen Gelände.

Nizard nippt am Weißwein und steckt sich eine Zigarette an, eine Hillsborough. "Der Tabak wird auf der Insel angebaut", sagt er. Dann führt er durch die Anlage, in der Holzhütten neben Villen mit Möbeln aus Roter Zeder stehen. Es duftet nach Zitronengras, Jasmin und Vanille - Pflanzen, die Nizard zusammen mit seinen Angestellten angebaut hat.

Der ehemalige Pilot hat lange auf Guadeloupe gelebt, doch ein Besuch auf der Nachbarinsel Dominica veränderte sein Leben. "Die Hilfsbereitschaft der Menschen war der Grund, warum ich hierher zog", sagt Nizard. Elf Menschen aus der Umgebung arbeiten heute für ihn. Sie sind sein Erfolgsgeheimnis. "Ohne ihre lokalen Kenntnisse hätte ich es nicht geschafft." Er profitiere noch immer von der Bevölkerung, und umgekehrt profitiere die Region von seinem Unternehmen.

Community-basierten Tourismus nennen das Fremdenverkehrsexperten. Wenn eine Gemeinde mit daran verdient, dass andere in ihrer Heimat Urlaub machen. Wenn der Kontakt zwischen Reisenden und Einheimischen sich so gestaltet, dass beide Seite etwas davon haben.

Es ist auch eines der Kriterien, nach dem die gemeinnützige Organisation Ethical Traveler aus Berkeley in den USA jedes Jahr die ethischsten Reiseziele der Welt kürt. Dominica hat es gerade erneut auf diese Liste geschafft. Die Auszeichnung kann die seit 1978 selbstständige Republik gut gebrauchen, denn der Optimismus ist den Menschen hier abhandengekommen.

Reisen mit gutem Gewissen
Die ethischen Reiseziele 2017
Dieses Jahr schafften es folgende Länder in die Top-Ten der ethischen Reiseziele, gekürt von der gemeinnützigen Organisation Ethical Traveler: Belize, Chile, Costa Rica, Dominica, Kapverden, Mongolei, Palau, Tonga, Uruguay, Vanuatu. (alphabetische Reihenfolge).
Was sind die Kriterien?
Jedes Jahr veröffentlicht die Non-Profit-Organisation Ethical Traveler eine Liste der zehn ethischsten Reiseziele der Welt. Dafür sind mehr als hundert Entwicklungsländer auf den Prüfstand. Wichtige Kriterien sind die Bemühungen der Länder hinsichtlich des Umweltschutzes, der Menschenrechte sowie der Sozialsysteme. Ebenfalls wichtig ist die Frage, ob die jeweilige Bevölkerung vom Tourismus profitiert.
Wie entsteht die Liste?
Um Veränderungen zu würdigen, vergleicht Ethical Traveler frühere und aktuelle Gegebenheiten. Dabei nutzt die Organisation als Quellen wie die Weltbank, die Nichtregierungsorganisation Freedom House, Reporter ohne Grenzen und das Kinderhilfswerk Unicef. Der Besuch der Reiseziele soll deren positive Entwicklung unterstützen.

Schuld ist Hurrikan "Erika", der 2015 auf Dominica wütete. Wassermassen rissen in wenigen Stunden ganze Dörfer ins Meer, 35 Menschen starben. Inzwischen ist die Infrastruktur wieder hergestellt, selbst die Wanderwege sind in Ordnung. Dennoch: Der Douglas-Charles Airport als einer der größten Arbeitgeber verbucht nach "Erika" weniger Landungen, etliche Mitarbeiter mussten entlassen werden.

150 Vogelarten, Nebel- und Mangrovenwälder

Ähnlich reagierten Hotelbesitzer nach stornierten Reisen und auch viele Bauern mussten aufgeben, weil das Wasser ihr Land wegspülte. Das Unwetter hat die Armut in dem wirtschaftlich ohnehin schwachen Land vergrößert. Viele Insulaner hoffen, dass wieder mehr Gäste kommen. Dafür könnte die Kür Dominicas zum politisch korrekten Entwicklungsland sorgen.

Fotostrecke

16  Bilder
Dominica: Naturschönheit in der Karibik

Einen großen Pluspunkt bekam Dominica bei der Bewertung durch Ethical Traveler wegen seines Engagements im Umweltschutz. Die Regierung vermarktet ihre Insel als "Nature Island". Allein 150 heimische Vogelarten leben auf Dominica, auf einer Fläche kaum so groß wie Hamburg. Auch der ursprünglichste tropische Regenwald der Karibik, seit 1997 Unesco-Weltnaturerbe, gedeiht hier, ebenso wie 55 Orchideenarten sowie Nebel- und Mangrovenwälder. Vor dieser Kulisse drehte Disney "Fluch der Karibik 2". Die Filmcrew um Johnny Depp belegte damals sämtliche Hotelbetten.

Um die größtenteils unberührte Natur zu schützen, bemüht sich die Regierung um eine umweltfreundliche Energieversorgung. Ressourcen? Zur Genüge vorhanden: Es gibt neun Vulkane und unzählige heiße Quellen. Der Boiling Lake ist mit rund 70 Meter Durchmesser der zweitgrößte See der Erde mit kochend heißem Wasser. 365 Flüsse queren die Insel und stürzen als Wasserfälle schroffe Berghänge hinab.

Michael Fadelle, Koordinator des Erneuerbare-Energien-Programms, freut sich darüber, dass Ethical Traveler seine Pläne würdigt. Im klimatisierten Büro in der Hauptstadt Roseau präsentiert er Zahlen: "25 Prozent unserer Energie erzeugen wir aus Wasserkraft." Dazu komme bald ein beträchtlicher Anteil geothermisch gewonnener Energie. Sie soll den Diesel ablösen, mit dem man im Moment 75 Prozent des Energiebedarfs decke. Für die 70.000 Menschen würde der Strom dann viel billiger.

Fotostrecke

10  Bilder
Ethical Traveler 2016: Gutes Gewissen im Reisegepäck

Geologen kritisieren die Pläne als zu unsicher, da die für die Geothermie geeigneten Orte in einer aktiven Erdbebenzone liegen. Besonders in solchen Zonen könnte der Betrieb von Anlagen, bei denen warmes Wasser aus dem Untergrund gepumpt und kaltes nach unten gepresst wird, starke Erdbeben auslösen. Im dicht besiedelten Roseau Valley wäre das eine Katastrophe. Fadelle hält die Probleme für beherrschbar.

Zwei Etagen über ihm, im Gesundheitsministerium, sitzt David Johnson. Der Chief Medical Officer ist für einen weiteren Sektor zuständig, den Ethical Traveler in seinem Bericht an Dominica lobt: das Gesundheitswesen. Johnson erklärt gern, wie gut die 52 über die Insel verstreuten medizinischen Zentren arbeiten, selbstverständlich sei die Behandlung umsonst.

Mit den Themen Gesundheit und Wellness werben auch die für den Tourismus Verantwortlichen um Gäste. Zahlreiche warme Naturpools locken inmitten der üppigen Pflanzenwelt zum Entspannen. Selbst im seichten Meereswasser blubbert es aus dem Boden, etwa am Bubble Beach von Soufrière. Die Gärten strotzen vor exotischer Vielfalt. Allein 14 Bananensorten gibt es, außerdem Mango und Papaya in Hülle und Fülle, Javaapfel, Ananas, Yams und Kakao.

Detox hier, Diabetes da

Doch während Reisende mit exotischen Früchten detoxen und beim Yoga im Regenwald entspannen sollen, leben die Einheimischen nicht besonders gesund. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist jeder vierte Bewohner fettleibig. Damit gehört Dominica weltweit zu den 25 Ländern mit den schlechtesten Werten.

Reisetipps für Dominica
Anreise
Von Europa aus gibt es keine Direktflüge. Am günstigsten ist, mit Air France nach Guadeloupe zu fliegen und von dort am nächsten Tag mit der Fähre (www.express-des-iles.com) nach Dominica (komplett ab circa 700 Euro). Komfortabler: von Frankfurt/Main mit Condor nach Martinique und von dort am nächsten Tag mit Air Antilles nach Dominica (ab circa 860 Euro).
Unterkünfte
Das Fort Young Hotel (ab circa 80 Euro pro Doppelzimmer) in der Hauptstadt liegt ideal für Ausflüge ins Roseau River Valley. Teurer ist das Beau Rive bei Castle Bruce (ab circa 175 Euro pro Doppelzimmer). In herrlicher Umgebung und perfekt für Wanderungen im Süden: Rodney's Wellness Retreat in Soufrière (ab ca. 25 Euro pro Person).
Informationen
Auskünfte erteilt das Dominica-Fremdenverkehrsbüro, Telefon: 0711-26 34 66 24; E-Mail: dominica@tropical-consult.de; Website: www.discoverdominica.com

"Die Folge sind Herz-Kreislauf-Probleme und Diabetes", sagt Sybil Allen-Jones. Die Ernährungsexpertin steht auf dem Wochenmarkt von Portsmouth, um den Menschen zu zeigen, wie gut gesunde Ernährung aus regionalen Produkten schmecken kann: "Anders als in den USA, die hinsichtlich Fettleibigkeit auch zu den Top 25 gehören, sind die Therapiemöglichkeiten der Folgeerkrankungen hier alles andere als gut." Diabetes würde oft nicht richtig behandelt, Beinamputationen gerade bei armen Menschen seien deswegen häufig.

Die Regierung hat bereits die Steuern auf ungesunde Lebensmittel erhöht. "Aber das reicht nicht", sagt Allen-Jones. Sie ärgert sich darüber, dass heimische Früchte und Gemüse längst nicht für alle Menschen auf der so fruchtbaren Insel günstig zu bekommen sind. Gefördert wird die Landwirtschaft nicht. Staatliche Gelder fließen nahezu komplett in den Tourismus.

Herve Nizard, der Ökolandwirt und Ferienhausbesitzer, mahnt, die Möglichkeiten der Regierung nicht zu überschätzen. Er hofft weiter auf Touristen, die einen Tagesausflug nach Dominica machen - und so begeistert sind, dass sie "im nächsten Jahr ihren kompletten Urlaub hier verbringen".

Jens Kuhr ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte teilweise mit Unterstützung vom Dominica-Fremdenverkehrsbüro.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruhepuls 11.02.2017
1. Tödliche Ethik?
Solche Listen sind oft tödlich für die Regionen, die dort genannt werden. Auf der Suche nach der heilen Welt walzen anschließend Touristenmassen solche "Paradiese" platt, zerstören Sozialstrukturen und traditionelle Lebensweisen. Erst kommt der Ökotourist mit Rucksack, der auch seine Spuren hinterlässt und wenn es nur in den Köpfen der Einheimischen ist. Anschließend tourt man dann mit einer Dia-Show durch die Lande (die Reise will ja wieder reinverdient werden) und bringt mit schönen Bildern Tausende auf die Idee: "Boah eh, da will ich auch hin und in der Lagune baden". Und fünf Jahre später kommen dann die "Neckermänner"... Wer wirklich ethisch denkt, lässt solche Paradiese einfach in Ruhe und freut sich an dem Gedanken, dass es sie noch gibt.
herm16 11.02.2017
2. das
Problem ist, wenn hunderttausende Touristen einfallen. Ich halt auch nichts von solchen Artikeln, die animieren hinzureisen. Siehe Galapagos.
frytom 11.02.2017
3.
Ethisches Reiseziel: Die Reise im eigenen Kopf. Kostet nix und ist absolut umweltverträglich. Das ist der beste Tourismus, den man als Mensch leisten kann. Oder wenn's einen rauszieht, einfach vor die Tür gehen, um sich dort zu verwenden. Lokalpolitik betreiben. Denn umweltverträglich nach Dominica zu gelangen, dauert mir mit einem Segelboot ehrlich gesagt zu lange. Ergo bleibt die Haustür, damit Dominica noch lange den Kopf über Wasser behält. So geht richtiger "Veganismus" - ähm nachhaltiger Tourismus. Diese Insel lebt genau nicht vom Tourismus, der Tourismus wird ihr (wahrlich) Untergang sein.
ladozs 11.02.2017
4. Trauminsel
Irgendwann in den späten achtziger Jahren hatte ich das Vergnügen, eine gute Woche auf dieser Insel verbringen zu dürfen. Mit einem Kleinen Propeller-Flieger ging es mit einem ganzen normalen Limousinen- Mietwagen mehrere Stunden in Eigenregie über sehr holprige Straßen quer über das Eiland, um an unser Ziel im Norden zu gelangen. Angekommen, staunten wir nicht schlecht, ein riesiges „Herrenhaus“ mit dem Charme des Morbiden stand für uns zur Verfügung, mit Ledersesseln in einer Bibliothek und einer riesigen Terrasse mit Blick auf die darunter liegende Bucht. Wir waren zeitweise die einzigen „Touris“ überhaupt,eigenes Personal, wie Köchin, Gärtner und Zimmermädchen, warteten auf unsere Anweisung. Das war für uns mehr als ungewohnt,aber wir gaben schließlich nach, weil es ja ihr Job verlangte.Wir kauften den lokalen Fischern einen Teil ihres Fanges und ließen uns köstliche Gerichte zubereiten, die wir am Abend mit den Kindern der Angestellten und einigen Leuten aus dem Dorf teilten. Für die ganzen Kinder im Ort war es eine Mordsgaudi, von uns durch die Ansiedlung gefahren zu werden,immer auf und ab, ein nicht endend wollender Spaß für die damalige Jugend. Zu unserem Abschied stand die ganze Dorfschule einschließlich Lehrkörpern, fröhlich winkend im Spalier! Aus heutiger Sicht würde ich sagen,ein astreiner, ökologisch akzeptabler Urlaub, alle „ethischen Richtlinien“ bei Weitem einhaltend.
C. V. Neuves 11.02.2017
5. Reisewillig
Übrigens, falls man mal relativ eilig eine neue Staatsbürgerschaft nebst Reisedokument braucht sollte man sich durchaus auch mit diesem sympathischen Land befassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.