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Rekordtaucher aus Saint Lucia: Der mit dem Blubb

Von Linus Geschke

Karibikinsel Saint Lucia: Der Rekordtaucher und sein Revier Fotos
Martin Strmiska

Zählt man seine Tauchgänge zusammen, hat Victor Antoine acht Jahre seines Lebens unter Wasser verbracht. Er kennt die meisten Reviere der Erde, findet aber die Unterwasserwelt zu Hause am schönsten.

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Mister Submarine, das menschliche U-Boot, so nennen sie ihn hier auf Saint Lucia. Victor Antoine ist 70 Jahre alt und seit letztem Sommer in Rente. Doch so richtig lassen kann er nicht von der Welt unter Wasser. Von den mit Schwämmen und Fächerkorallen bewachsenen Riffwänden, von den Lobstern und Bärenkrebsen, die rund um die Karibikinsel im Meer schwimmen.

Wenn er über das Meer spricht, wird seine Stimme melancholisch. Aber das ginge ja auch gar nicht anders, sagt er - schließlich sei das Meer ja auch ein Ort der Melancholie.

Unter Wasser ist Antoine ein Fisch unter Fischen. Schwerelos gleitet er durch eine Wolke aus rotbäuchigen Riff-Fischen und begrüßt die vorbeiziehenden Barrakuda-Schwärme mit einem Kopfnicken. "Ich habe viel von der Welt gesehen", wird er später sagen. "Doch so schön wie auf Saint Lucia ist es nirgends." Für ihn ist der Tauchsport nicht nur ein Hobby, sondern Lebensinhalt. Manche würden das eine Sucht nennen. Für ihn ist es Erfüllung.

Über 30.000 Tauchgänge hat Antoine absolviert, rund acht Jahre seines Lebens unter Wasser verbracht - und es damit ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Auf Saint Lucia geboren, hat der klein gewachsene Mann 1966 als Berufstaucher in Französisch-Guyana mit dem Tauchen begonnen. Er war in Venezuela, Brasilien und den USA. Doch nur hier, auf Saint Lucia, fühlt er sich zu Hause. "Wegen der Berge, der Urwälder und des Meeres." Am meisten jedoch liebe er die Menschen hier, "ihre Herzlichkeit und die nie versiegende Kreativität."

Irgendetwas muss schon dran sein: Saint Lucia hat 166.000 Einwohner, weniger als Hamm in Westfalen, und brachte doch bereits zwei Nobelpreisträger hervor. Der Lucianer Sir William Arthur Lewis erhielt 1979 als erster Farbiger den Nobelpreis für Wirtschaft, sein Landsmann Derek Walcott 1992 den für Literatur.

In seinem Hauptwerk "Omeros" beschreibt er seine Heimat wie folgt: "Im Nebel des Meeres liegt eine gehörnte Insel mit tiefgrünen Häfen... ein Land des Lichts mit leuchtenden Tälern und stürmischen Wolken... in den moosbedeckten Wäldern ihrer Berge sprudeln die Quellen."

Meerbarben, Schwämme, gefleckte Muränen

Auch Victor Antoine kennt diese Zeilen auswendig. Er gibt Touristen, die seine Insel erkunden möchten, einen Rat: "Saint Lucia muss man aktiv umwerben und erobern - wie eine weibliche Karibikschönheit."

Und wie? "Das geht am besten tanzend, singend, lachend. In Dörfern, im Dschungel und auf nächtlichen Straßenfesten." Dafür eigne sich zum Beispiel der Friday Night Jump in Gros Islet, bei dem Touristen mit Einheimischen jede Woche eine Party feiern. "Für eine reine Strandliebe unter Palmen ist Saint Lucia doch viel zu aufregend", sagt Antoine.

Über dem bunten Treiben wachen die Pitons wie verwunschene Zauberberge: Die mit saftigem Grün überwucherten Vulkankerne sind nicht nur zum Wahrzeichen der Insel, sondern der gesamten südlichen Karibik geworden.

Sie sind an der höchsten Stelle zwar nur 770 Meter hoch, stellen mit ihren steilen Flanken und den vom Tropendickicht überzogenen Pfaden aber selbst für sportliche Wanderer eine Herausforderung dar. "Manchmal versuchen Touristen, den großen Piton mit Badelatschen zu besteigen", erzählt Antoine. "Die schaffen dann meist nicht mal ein Drittel des Anstiegs."

In direkter Nachbarschaft, nur unter der Wasseroberfläche, liegt Ferry Land - Antoines liebster Tauchplatz. Das Riff fällt steil bis auf 35 Meter Tiefe ab, jeder Quadratzentimeter Fels ist bewachsen. Meerbarben und farbenprächtige Papageifische tummeln sich durch hoch aufragende Röhrenschwämme, gefleckte Muränen schauen aus Riffspalten hervor, und unter einem Überhang reckt ein riesiger Krebs drohend seine Scheren empor. Hier unten wird aus dem alten Mann wieder ein Junge, dessen Neugier schier unerschöpflich scheint.

Victor Antoine (r.): "Ich liebe das Meer und das Meer liebt mich" Zur Großansicht
Linus Geschke

Victor Antoine (r.): "Ich liebe das Meer und das Meer liebt mich"

Erfahrene Taucher mögen im ersten Moment von diesem Spot enttäuscht sein, denn Begegnungen mit spektakulären Arten gibt es nicht. Keine Adlerrochen, keine Haie. Doch für Victor Antoine machen solche Superlative nicht den Reiz des Tauchens aus. Für ihn gleicht jeder Abstieg einem Spaziergang durch einen Garten Eden. Durch eine unberührte Märchenwelt, die den meisten Menschen verborgen bleibt.

In den acht Jahren, die er unter Wasser verbracht hat, gab es keine gefährlichen Momente - von dem Stromschlag durch einen elektrischen Aal mal abgesehen. Er hatte nie einen Tauchunfall, litt nie unter der gefürchteten Dekompressionskrankheit. "Ich liebe das Meer und das Meer liebt mich", sagt er. "Wie könnte es mir dann etwas Böses antun?" Für ihn ist die See kein Ort der Gefahren, sondern ein Hort der Ruhe und sein ganz persönlicher Jungbrunnen.

Tauchen mit Promis

Oft taucht Antoine später am Strand vor dem Tauchshop Scuba St. Lucia auf. 22 Jahre lang hat er dort als Guide gearbeitet. Das Center gehört zu dem vielleicht berühmtesten Hotel von Saint Lucia, dem Anse Chastanet. Die terrassenförmig an einem Berghang errichtete Herberge ist ein Ort, an dem Menschen bis zu 2000 US-Dollar pro Tag zahlen, um in einer Suite zu wohnen - ohne Fernsehen und Klimaanlage. Dafür kann man von jedem Zimmer aus die Pitons sehen.

Harrison Ford hat hier bereits genächtigt, ebenso die Popsängerin Rihanna. Bis heute ist die 2011 verstorbene britische Sängerin Amy Winehouse dem Barkeeper in bester Erinnerung. Auch Antoine hat hier Promis kennengelernt. Einige ließen sich von ihm durch die vorgelagerte Unterwasserwelt führen und anschließend mit ihm fotografieren.

Wenn er selbst mit dem Tauchsport reich geworden wäre, hätte sich Antoine für eine ganz andere Wohnvariante entschieden. "Ich hätte mir", so sagt er, "ein Haus unter Wasser gebaut."

Linus Geschke ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung vom Fremdenverkehrsamt Saint Lucia.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
maybe-7 03.12.2015
schoen geschrieben doch sieht die Wirklichkeit etwas anders aus,siehe www,stlucianews.com
2. Ein schöner Bericht
Baal 03.12.2015
über ein kleines Paradies. Der Mann sieht aus als wäre er mit der Welt im Gleichgewicht. Selten sieht man einen so entspannten Gesichtsausdruck. Hoffenlich lassen die Verantwortlichen dort die Finger vom Massentourismus. P.S. Ich wäre nie darauf gekommen, dass der Mensch (r)echts im Bild Victor Antoine ist.
3. Korrektur
vickyg. 03.12.2015
Fairyland, und nicht Ferry land. Hat schliesslich etwas mit Maerchen (und dem entsprechend verzaubern?!) zu tun und nicht mit einer Fähre...
4. Schöner Artikel
leser008 04.12.2015
Ich find beim Aufräumen auch immer neue Tauchbücher, die ich unterwegs immer mal neu angefangen habe. Mittlerweile hab ich aber auch Spass, mal auf Santorin zu schnorcheln, Lanzarote, oder mein letzter Tip für Kältefeste, der Laacher See.
5. Wer einmal
fred2013 04.12.2015
das Gefühl erlebt hat unter Wasser zu Schweben, will das nie wieder vermissen
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