Karibikinsel St. Lucia Tausend Meilen Aquamarin

Wer den Luxusresorts entflieht und St. Lucia per Taxi erkundet, erlebt das wahre Gesicht der Antilleninsel: Voller Leben und Musik präsentiert sich die Heimat von Künstlern und Nobelpreisträgern. Für die Rolle "Perle der Karibik" wäre die Insel trotzdem eine glatte Fehlbesetzung.

Von Ole Helmhausen

Ole Helmhausen

Ras Jah Lamb kocht in einer winzigen Butze am Rand der Stadt. Die Sperrholzwände seines Restaurants halten Poster von Marcus Garvey und Haile Selassie zusammen. Bob Marley singt, natürlich. "Irie", spricht Ras Jah Lamb den traditionellen Rastafari-Gruß und knallt das Trockentuch über die Schulter. "Pizza?"

Es ist Mittagspause in Soufrière. Das malerisch verlotternde Städtchen im Süden von St. Lucia war immer dann Hauptstadt, wenn die Franzosen auf der Karibikinsel das Sagen hatten. Nun sitzt halb Soufrière wie Sardinen in der Dose bei vegetarischer Pizza und Mangosaft in den Restaurants. Draußen ist es so heiß, dass selbst die Hühner nicht mehr laufen. "Gut für dich", übertönt Ras Jah Lamb Marleys Musik und reicht eine Pizza durch, "kein Fleisch, kein Alkohol. Rasta-Essen, Mann!"

Wenn er nicht am Herd steht, kümmert sich der Rasta-Koch um verwahrloste Jugendliche: An den Wänden hängen auch zerknitterte Zeitungsfotos, die ihn beim Händeschütteln mit allerlei Würdenträgern zeigen. Seinen Sinn für Humor hat er darüber nicht verloren. "Schaut mich an. Ich bin schön. Sehe ich wie 50 aus?" Die Gäste wiehern, gern lacht man mit. Der Mann, ein geborener Selbstdarsteller, könnte tatsächlich als Ende 30 durchgehen.

Luxusresorts unter Vulkanen

Von Anfang November an hat St. Lucia nach vierjähriger Pause mit Condor wieder eine Direktverbindung nach Deutschland. Auf die Teutonen wartet eine breite Palette von Unterkünften. Der Karibikurlaub der Kataloge findet an der Nordwestküste statt, rund um Rodney Bay, dort sind das Coco Palm Resort und das Cap Maison Resort nur zwei der neuesten Mitbewerber um die Gunst der Besucher.

Im Südwesten, im Dunstkreis der Pitons, zweier moosgrüner, über 700 Meter hohe Vulkankerne mit Unesco-Auszeichnung, ohne die kein St. Lucia-Prospekt auszukommen scheint, liegen ein paar der schönsten Resorts der Karibik, darunter das legendäre Ladera Resort, das traditionsreiche Stonefield Estate und das geschichtsträchtige Jalousie Plantation.

Das Jade Mountain fällt sogar mutig aus dem Rahmen. Die abenteuerliche Mischung aus Baumhaus und Raumstation bietet fensterlose, zum Meer hin offene Suiten mit jeweils eigenen Pools, deren Inhalte sich an der Außenfassade von einer Etage zur jeweils darunter liegenden ergießen. Harrison Ford ist hier schon auf dem hoteleigenen Heli-Pad gelandet, und Schluckspecht Amy Winehouse hat der Barkeeper in lebhafter Erinnerung.

Doch diese Luxus-Oasen der wenigen Glückseligen sind nur eine isolierte Parallelwelt auf der Insel. Das andere, das St. Lucia des berühmtesten Sohnes der Insel, ist weniger glamourös. "Bin einfach ein roter Nigger, der lieben die See, genoss koloniale Erziehung, hab' Holländisch, Nigger und Englisch in mir, und entweder bin ich ein Niemand oder eine Nation." So besang Derek Walcott einmal das Inselfeeling. Seit er 1992 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, gilt er als die Stimme der Antilleninsel. Sein St. Lucia, das ungeschönte, von Sklaverei und Befreiung geprägte St. Lucia, beginnt, sobald man die Resorts verlässt und sich in den ungeschminkten Inselalltag stürzt.

"Ca ka fete? - Wie stehen die Aktien?"

Von Castries aus geht das am besten. Und zwar im Taxi. "Ca ka fete?", will Taxifahrer David sofort wissen, "comment y e?" Dass das so viel wie "Wie stehen die Aktien? Wie geht's dir?" heißt, versteht nicht einmal ein Franzose. Castries, eng, verwinkelt und von Containerschiffen mit japanischen Gebrauchtwagen an Bord überragt, war früher die Hauptstadt der Engländer. Zwischen 1660 und 1814 wechselten sie sich insgesamt 14 Mal mit den Franzosen als Inselbesitzer ab.

Am Ende ließen beide eine Gesellschaft zurück, deren afrikanisches Erbe den Menschen ins Gesicht geschrieben steht und die zwei Nobelpreisträger produzierte - der andere ist der Ökonom Sir William A. Lewis. Englisch ist Amtssprache, doch Creole, eine rasante Mischung aus Englisch, Französisch und afrikanisch-karibischen Brocken, beherrscht die Straße. "Maschina kalé trop slow", schreit David durchs Fenster, "ba me le!" Er beschwert sich über den vor ihm dahin kriechenden Bus: "Die Karre ist zu langsam, Mann, lass' mich vorbei!"

David scheint ungefähr die Hälfte der 10.000 Hauptstädter zu kennen. Links und rechts grüßend, zuckelt er sich mit seinem Taxi durch das wuselige, chronisch verstopfte Stadtzentrum. Mit zwei Reifen stets haarscharf am Rand canyonartiger Abwasserrinnen, durch die während der Regenzeit die tropischen Regengüsse meerwärts rauschen. Wir kriechen am Derek Walcott Square vorbei, daneben steht wuchtig und englisch-düster die alte Kathedrale.

An den alten Holzhäusern im Stadtteil Vide Bouteille vorbei geht es in engen Serpentinen den Stadtberg Morne Fortune hinauf, zu Aussichten, die den jungen Walcott zu seinen Wortgemälden inspirierten. "Eintausend Meilen Aquamarin, von Spitze umsäumt, eine Million Yards limonengelber Seide" sah er hier oben, und Dörfer wie "von der See angespülte Lumpen".

Kahlschlag für einen neuen Luxustempel

Apropos "Lumpen". St. Lucia ist keine klassische Karibik-Schönheit. Die Strände sind schmal und übersichtlich, und gleich dahinter beginnt das bergige Innere, wo es so steil zugeht, dass es Straßen und Dörfer eigentlich gar nicht geben dürfte. Zudem ist St. Lucia ein Entwicklungsland mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit und von Kahlschlag, chemischer Industrie und schlecht kontrolliertem Tourismus verursachten Umweltproblemen.

Xavier Llewellyn seufzt und zeigt auf einen nackten Hügel: "Den haben sie kahlgeschlagen. Für ein neues Luxusresort von Raffles." Von seinem Haus hoch über Cap Estate am Nordzipfel der Insel hat St. Lucias berühmtester Künstler einen grandiosen Blick über Atlantik, Karibik und das blau-grüne Meer aus Bergen dazwischen.

"An klaren Tagen sehe ich von hier aus sogar die Pitons im äußersten Süden", sagt er. Die beiden magischen Berge St. Lucias haben Llewellyn, der sich bereits mehrfach für ihren Schutz vor skrupellosen Investoren eingesetzt hat, zu verschiedenen Mixed-Media-Umweltserien aus recycelten Materialien, gestempelten Briefmarken aus aller Welt und alten Drucken inspiriert. "Ah, die Farben hier, das Licht, die Düfte..." Wenn Llewellyn über St. Lucia spricht, hört man in jedem Wort, wie sehr er seine Insel liebt.

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patras 27.10.2009
1. Lasst doch ein paar traumhafte Ecken dieser Welt unbekannt
Ich war 2004 auf St. Lucia. Der Bericht hier zeigt sehr oberflächlich und auch sehr reißerisch, was dieses Inselchen eigentlich beinhaltet. St. Lucia ist ein Paradies, noch. Die Ressorts, die da genannt werden, führen ein Eigenleben im Inselleben. Ich habe in der Nähe von Castries fast privat gewohnt, bin auf den Markt gegangen, habe Begegnungen mit ST.Luciaer gehabt, die unvergesslich sind. Es gäbe so viel zu erzählen über außergewöhnliche Menschen, Lebensphilosophien etc. Was man nicht findet oder nur zu einem geringen Anteil, sind die alles plattmachenden Pauschaltouristen, die die Insel als Kulisse nehmen. Die werden gründlich enttäuscht und das ist auch gut so. Ich reise sehr viel in der Welt heru, besser ich erlaufe mir sehr viel von der Welt. Das hat mich zu interessanten Begegnungen geführt, zu Eindrücken, die mein Leben prägen und verändern. Aber einen so oberflächlichen Bericht, dazu noch reißerisch an die falschen Leute gerichtet, das ist schädlich für alle Seiten. Nur eine Frage: Wo um Himmels Willen ist der Fahrer mit 50 oder gar 60 km durch die Dörfer gefahren? Lasst mal einen Pauschaltouristen die Fahrt von Castries nach Souffriere machen, von Schlagloch zu Schlagloch, ... Lasst St. Lucia und solche Paradiese für die, die es als Paradiese erkennen können.
sitiwati 27.10.2009
2. St Lucia
war die unfreundliches Tourisinsel, die ich erlebt habe, damals war grad Mandela frei unter den Einheimischen war eine gewissen Aggressovität zu spüren, im Hotel, man musste sich anstellen, um einen Platz zu bekommen, setzte ich mich auf einen anderen Stuhk, wie angewiésen, was mir eine nrasceh Tadel einbrachte, als wir zu einer Rundreuse aufbrachen,w ollte ich um 1.15 zum Frühstück, da sianden 2 Frauen u 1 Mann, dei nicht zu bewegen waren, mir eine tasse Tee zu geben, Frhstücksbeginn 7.30, dei Kerle am Strand , dei den Touris Privattouren verkauften, becshimpften uns als Scheissdeutsche weil wir ihre teuren Touren nicht mitmachten, am Markt durfte man keine Fotos machen, sahen dei Einheimischen en Kamera , ging das Geschrei los, dann war da jeden Freitag? so eine Einheimiscehn Party, wir verzcihteten daruf, am nächsten Tag waren die Jungs u Mädeks besonders gut drauf, bluunterlaufenen Augen, die DM war nix wert , wurden 20% unter Wert getauscht ( wir haten uns vorher mit US$ eingedeckt, Erfahrung, dass die DM an vielen Orten nicht bekannt war) also, Cuba 1.Sahen, St Dom 1. Sahne , aber St Lucia , nicht mal gratis! PS man merkte auch, dass auf st Lucia Männermangel herrschet, alle Machos !
abovethebottom 27.10.2009
3. Karibisches Flair?
Zitat von sitiwatiwar die unfreundliches Tourisinsel, die ich erlebt habe, damals war grad Mandela frei unter den Einheimischen war eine gewissen Aggressovität zu spüren, im Hotel, man musste sich anstellen, um einen Platz zu bekommen, setzte ich mich auf einen anderen Stuhk, wie angewiésen, was mir eine nrasceh Tadel einbrachte, als wir zu einer Rundreuse aufbrachen,w ollte ich um 1.15 zum Frühstück, da sianden 2 Frauen u 1 Mann, dei nicht zu bewegen waren, mir eine tasse Tee zu geben, Frhstücksbeginn 7.30, dei Kerle am Strand , dei den Touris Privattouren verkauften, becshimpften uns als Scheissdeutsche weil wir ihre teuren Touren nicht mitmachten, am Markt durfte man keine Fotos machen, sahen dei Einheimischen en Kamera , ging das Geschrei los, dann war da jeden Freitag? so eine Einheimiscehn Party, wir verzcihteten daruf, am nächsten Tag waren die Jungs u Mädeks besonders gut drauf, bluunterlaufenen Augen, die DM war nix wert , wurden 20% unter Wert getauscht ( wir haten uns vorher mit US$ eingedeckt, Erfahrung, dass die DM an vielen Orten nicht bekannt war) also, Cuba 1.Sahen, St Dom 1. Sahne , aber St Lucia , nicht mal gratis! PS man merkte auch, dass auf st Lucia Männermangel herrschet, alle Machos !
Kommt mir alles bekannt vor. Ich habe oefter das zweifelhafte Vergnuegen gehabt in der Karibik zu arbeiten. Der Artikel schildert eigentlich nur meine eigenen Erfahrungen durch die uebliche Spiegel Gutmenschen Brille gesehen. Halt ein anderes karibisches Dreckloch.
marypastor 27.10.2009
4. Santa Lucía
Zitat von sysopWer den Luxusresorts entflieht und St. Lucia per Taxi erkundet, erlebt das wahre Gesicht der Antilleninsel: Voller Leben und Musik präsentiert sich die Heimat von Künstlern und Nobelpreisträgern. Für die Rolle "Perle der Karibik" wäre die Insel trotzdem eine glatte Fehlbesetzung. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,656302,00.html
Keine Perle. Fuer Kenner der Karibik sind alle diese kleinen Inseln gleich. Kreuzfahrer waeren froh, wenn auf jeder Insel ein Schild stuende mit: "Sie sind hier auf Grenada, Antigua, usw." Kein Luxus, schmuddelich, immer dieselben Palmen und Straende, kaputte Huetten, schlechte Taxis, heisse Luft. Was fuer Aussteiger-Freaks, die auch mal ein paar Tage nicht duschen muessen. Was anderes ist Barabados. Da gibt's ein Golf-Spa-Hotel, Usd 2000 pro Nacht nur schlafen, Dinner Usd 300 pro Per Person, Massage 500. Bitte ein Jahr im Voraus buchen.
derbinich 28.10.2009
5. St. Lucia
Ich will hier sicher keinen Stab für St.. Lucia brechen, wie sollte ich auch. Ich war vor ca. 25 Jahren für 7 Wochen da. Jung, ohne Geld und abenteuerlustig. Es hat sich seit dem aber wohl wenig geändert, wie ich dem Artikel entnehmen darf. Es ist halt nix für Dom. Rep., Rimmini und Antalya Hopper. Ich habe damals alles gefunden, was ich gesucht habe. Als junger, dynamischer, neugieriger Mensch sieht man die Sachen wohl anders, als ein normaler Tourist, der sich im Norden der Insel vergräbt und für die schönsten Wochen des Jahres Luxus erwartet. Da gibt es wohl besseres. Wir haben bei Uta gewohnt (die aus dem Artikel). Reich war die da wohl sicher nicht. Sie meint es ernst, dass man sich ernähren kann, von dem was das Land umsonst bietet. Wir durften es mit ausprobieren. Sie hatte einen verbeulten Toyota pick up, mit dem wir die Insel erkunden durften. Wir waren beeindruckt von der Vielfalt der Insel, etwas bedrückt von der Armut, sind aber bei den Einwohnern nur auf Herzlichkeit gestoßen. Vielleicht weil wir auch arm waren. Ich habe gelernt auf Palmen zu klettern, Kaffee zu pulen und zu rösten (20 min/ Tasse, da überlegt man ob man Kaffee braucht) , Tabak zu schneiden (grauenhaftes Kraut), Frühstück sammeln (Früchte, Früchte, Früchte, mit Haferflocken gestreckt, weil man sonst die Aromenvielfalt nicht aushält), statt Kartoffeln Affenbrotbaumfrucht und Kochbananen. Usw. Wir haben im Westen geschnorchelt, im Osten mit den Atlantikwellen gekämpft, in Gros Islet den Freitag durch getanzt, einen Canyon durchstiegen, Strandurlaub, Happy Hour im Norden, Segeln mit einem Aussteiger, Fete in einem kleinen Plantagendorf (10 Hütten), den Urwald im Inneren erkundet, zu 20ig in Bussen fahren, wo eigentlich nur 8 reinpassen und einen Hurrikan, der zum Glück nur St. Vincent erwischt hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Danke Uta, das waren klasse Wochen. Wie das heute ist, weiß ich nicht. Damals war St. Lucia ärmlich, herzlich und wunderschön. Sebastian
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