Karneval auf den Seychellen: Parade mit Piratenjolle

Von Barbara Schaefer

Da tanzen sogar die Soldaten: Karnevalsgruppen aus 35 Ländern feierten am Wochenende auf den Seychellen eine ausgelassene Straßenparty. Auch Düsseldorfer Tanzmariechen waren in tropischer Hitze dabei - und kamen in ihren Samtkostümen ganz schön ins Schwitzen.

Seychellen: Trauminsel im Karnevalsrausch Fotos
Barbara Schaefer

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Simon zupft an einem Fisch aus Pappe herum, der nicht ganz so baumelt, wie er sich das vorstellt. "Diese Lady hat schon viel gesehen von der Welt", sagt der drahtige Schwarze und zeigt auf die überdimensionale Meerjungfrau aus Pappmaché mit Fischen in ihren Haaren. Wieder einmal haben er und seine Freunde vom Londoner Notting Hill Carnival ihre Festwagen und Kostüme in Container verpackt, diesmal ging es auf die Seychellen.

Aus 35 Ländern sind Karnevalsgruppen auf die Insel-Republik gereist, wo an diesem Wochenende zum zweiten Mal der Carnaval International de Victoria stattfindet. Victoria, die Hauptstadt auf der Insel Mahé, ist bislang kaum als Karnevalshochburg bekannt und sonst eher ein behäbiges tropisches Städtchen. Aber nun füllen sich die Straßen, im Veranda-Restaurant Pirates Arms ist kaum noch ein Platz zu bekommen.

In einer Schleife ziehen am Samstag kostümierte Tänzer durch die Straßen, vorbei am Justizpalast, einem Holzgebäude im Kolonialstil, vor dem in der Woche zuvor Sträflinge in gelben Hosen den Garten harkten, und vorbei an ein paar Stuhlreihen mit Ehrengästen in der Francis Rachel Street. Da sitzt der langjährige Staatspräsident James Aix Michel, neben ihm seine sichtlich gelangweilte kleine Enkelin in pinkfarbenen Sandalen.

Doch einmal schaut auch das kleine Mädchen erstaunt auf: Eine exotische Formation aus zehn jungen Frauen mit dicken blauen Samtkostümen und gelben Zöpfen bildet eine exakte Reihe und sinkt auf dem Asphalt vor einer Raffia-Palme in den Spagat: Tanzmariechen aus Düsseldorf. Hinter ihnen winken auf einem Wagen ein Mann mit Federn auf dem Kopf und eine für hiesige Verhältnisse abgemagerte Blonde, das deutsche Karnevalsprinzenpaar Venetia Conti-Mica und Thomas Puppe.

Schwitzen im Gretelkostüm

Fast 40 Düsseldorfer Jecken sind angereist, sie hoffen, so der Faschingsprinz, "auch noch etwas von der schönen Insel zu sehen". Die Tanzmariechen waren vormittags am Strand, dann haben sie sich ihre Perücken mit den Gretelzöpfen aufgesetzt und die langen Wimpern angeklebt. Noch am Sonntag zuvor war die Düsseldorfer Garde beim Karneval auf Teneriffa, aber "so exotisch weit" wie zu den Seychellen waren sie noch nie unterwegs. Allen läuft in der schwülen Hitze der Schweiß über Gesicht und Beine, ihr dickes Kostüm taugt eher für Karnevalsumzüge im deutschen Winter.

Auf die deutsche Blaskapelle, nach deren Musik sich die Jecken bewegen, folgt die Abordnung aus Trinidad-Tobago. Mit wenig Stoff und viel karibischer Tanzwut stehlen sie den Düsseldorfern die Show. Die Besucher am Straßenrand tanzen, die Rastalocken der Jungs wippen, nur die Präsidenten-Enkelin schaut nicht mehr hin, so ähnlich kennt auch sie das schon von hier.

Ähnlich gut eingepackt wie die Deutschen treten die Teilnehmer aus dem Inselstaat La Réunion an. In Kostümen à la Joseph Conrad, die Frauen mit farbigen langen Röcken, die Männer im Dreiteiler - ein Dresscode, wie er heute nicht einmal mehr bei offiziellen Reden gängig ist.

Bald darauf erschallen Kasernenhoftöne, ein Militär ruft Befehle, seine Truppe sieht zwar martialisch aus, aber zum Drill grinsen sie und tanzen. Die Mitglieder der SPDF, Seychelles People's Defense Forces, freuen sich über die Abwechslung vom Alltag: "Wir sind das erste Mal auf einem Karneval." Ihr Kostüm ist ihre Kampfuniform und ihre Schminke Tarnfarbe auf schwarzer Haut, ihr Wagen ein Marineboot, das eine Piratenjolle im Schlepptau hat. Überhaupt, die Piraten: Sie waren ein zentrales Thema der ziemlich ernsten Karnevalsreden. "Geht nach Hause! Keiner will euch hier haben!", rief ein Politiker vom Podium und meinte damit die Kriminellen, die Fischer und Touristen abschrecken, die beiden wichtigsten Einkommensquellen der Inselgruppe.

Nach den Soldaten trippelt eine chinesische Tanzgruppe vorbei, größer konnte der Kontrast nicht sein, befremdlich wirkt ihre Darbietung in dieser tropischen Atmosphäre. Anmutige Bewegungen und Frauenbeine, die aus geschlitzten roten Seidenröcken hervorblitzen.

Samba wie in Rio

Simons Meerjungfrau wird schließlich vorbeigeschoben, flankiert von goldflitternden Flügeln anderer Kostüme aus Notting Hill. Die britische Truppe fällt mit den buntesten Verkleidungen und den erotischsten Tänzerinnen auf. Mit extremen High Heels und wenig Stoff auf der Haut lassen sie zu Sambaklängen die Hüften kreisen - man könnte sie für Brasilianerinnen halten. Auf jede internationale folgt eine einheimische Formation - sie repräsentieren Umweltschutzorganisationen, Internetanbieter, Meeresschutzprojekte, die Universität. Die Tänzerinnen von den Inseln der Seychellen, viele von ihnen barfuß, sind weniger durchtrainiert und zeigen afrikanische Tänze - und stecken das Publikum mit ihrer Fröhlichkeit an.

Die Zuschauer sind fast alle einheimisch. Von den Tausenden von Urlaubern in den Luxushotels - auch knapp 200 Passagiere der havarierten "Costa Allegra" verbringen hier derzeit ihren Resturlaub - sind nur wenige nach Victoria gekommen. Dabei ist es kein sonderlich sonniger Badetag, am gut 900 Meter hohen Morne Seychellois hängt eine schwere, schwarze Wolke, die aber dem Carnaval gewogen und an ihrem Platz bleibt. Die Touristen verpassen eine international besetzte, aber zugleich provinzielle und gerade deswegen charmante Veranstaltung.

Als der letzte Wagen durchgezogen ist, strömen alle auf den Parkplatz vor dem Stadion, das auf flachem aufgeschütteten Land gebaut wurde. Hier mündet alles in einem Jahrmarkt: Zu Reggae-Musik gibt es Plastikkram Made in China. Keine Haarspangen mit künstlichen Frangipani-Blumen, keine floralen Drucke auf Pareos, nichts aus Kokosnüssen - nichts, was Touristen hier gerne kaufen, sondern Kirmes-Krimskrams für die einheimische Bevölkerung.

Und wenn an den herrlichen Stränden der Westküste die Flughunde am frühen Abend im Himmel kreisen und die Sonne in den Indischen Ozean sinkt, hat ein ähnliches Rot auf dem Parkplatz seinen Auftritt: Am Stand der Takamaka-Rum-Destillerie wird "Red Sea" ausgeschenkt, "unser beliebtester Cocktail", sagt Barmann Christopher Lusta, der das Getränk erfunden hat. Es besteht aus weißem Rum und Kokosrum, dazu kommt Passionsfruchtsaft und Grenadine-Sirup. Aus den Lautsprecherboxen tönt der Song "Carnaval Carnaval", gesungen vom einheimischen Popstar Michelle Marengo - besser kann ein tropischer Feiertag kaum ausklingen.

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Karneval auf den Seychellen 2013
Carnaval International de Victoria, Seychelles
Der nächste Karneval auf den Seychellen wird 2013 voraussichtlich am letzten Februar-Wochenende stattfinden. Weitere Informationen:

Seychelles Tourist Office
Hochstraße 17, 60313 Frankfurt,
Tel. 069/29720789;
Mail: info@seychelles-service-center.de; www.seychelles.travel
Anreise
Reisen auf die Seychellen organisiert unter anderem DERTOUR, buchbar im Reisebüro oder auf www.dertour.de. Eine einwöchige Reise mit Station auf den drei Hauptinseln Mahé, Praslin und La Digue kostet ab 980 Euro ohne Flug.
Flüge
Folgende Airlines fliegen von Deutschland aus auf die Seychellen, Flüge ab rund 900 Euro:

Condor, Direktflug ab Frankfurt;
Etihad Airways, via Abu Dhabi;
Qatar Airways, via Doha;
Emirates, via Dubai.