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Karneval in der Karibik: Mit Popcorn und Trompeten

Von Martin Cyris

Die fünfte Jahreszeit ist in der Karibik sprichwörtlich heiß, denn auf mancher Insel wird Karneval im Sommer gefeiert. In diesen Tagen geht es auf Kuba hoch her, wo ein schräges Blasinstrument den Ton angibt.

Karneval in der Karibik: Kuba feiert Fotos
Martin Cyris

Ein seltsames Geräusch nähert sich, begleitet von Pauken und Trompeten. Unbekannte Klänge aus einem Blasinstrument. Kein tröööt. Auch kein tätärätää. Es ist mehr ein dideldideldumtröööt. Entfernt erinnert es an die Flötentöne eines Schlangenbeschwörers auf einem orientalischen Basar. Doch die einzige Schlange weit und breit besteht aus Menschen. Vielen Menschen - Teilnehmern einer farbenfrohen Parade.

Es ist Karneval in Santiago de Cuba. Die fünfte Jahreszeit und damit Zeit, ins corneta china zu blasen, das chinesische Horn, eine Art Holztrompete mit einem sehr eigentümlichen Klang. Aus dem Karneval in der Großstadt ganz im Osten Kubas ist sie nicht wegzudenken. Genauso wie die zahlreichen Schlaginstrumente der Orchester, die damit musizierend und lärmend durch die fast rund um die Uhr schwülheißen Straßen ziehen: mit Glocken und Pfannen, Bremsscheiben und Hacken, Basstrommeln und Congas. Ein eigener kubanischer Karnevalsrhythmus wurde nach den Congas benannt.

Ohnehin ist Santiago de Cuba die heißeste Brutstätte für weltbekannte Klänge: Bolero, Son und Rumba entstanden dort. Aber zum Karneval gibt der Conga den Ton an. In der letzten Juliwoche musizieren und tanzen kostümierte Karnevalstruppen durch die Hautstadt der kubanischen Provinz Oriente. Einige Stadtteile haben ihre eigene Conga-Parade. Den Gruppen, genannt comparsas oder orchestras, schließen sich oftmals Hunderte Schaulustige an und ziehen gemeinsam los - tanzend und singend. Die bekanntesten Karnevalsorchester, etwas Los Hoyos, sind Stars in ganz Kuba.

500 Jahre Santiago

Im Karneval ist es üblich, diesen Promis ganz nahe zu sein. Außer bei der allabendlichen Parade: Bis zum 27. Juli versammeln sich viele Gruppen zu einer Parade über den Paseo de La Alameda. In diesem Jahr einen Tag länger als sonst. Der Grund: Santiago de Cuba feiert sein 500-jähriges Jubiläum.

Aus diesem Anlass wird das Stadtzentrum modernisiert. Überall wird gehämmert und gestrichen, gepflastert und geteert. Sogar öffentliche WLAN-Hotspots gibt es seit Neuestem: an zentralen Plätzen wie dem Plaza de Marte und dem Parque Céspedes, dem Hauptanziehungspunkt für Touristen. Zudem wurden die Preise für öffentliches WLAN am 1. Juli mehr als halbiert. Die Stunde kostet jetzt zwei CUC. Für manche Kubaner bedeutet die Preissenkung eine enorme Verbesserung der Lebensqualität. Zumindest für die, die Zugang zur Zweitwährung CUC haben.

Die ist auch die Eintrittskarte für den genießbaren Teil der Gastronomie entlang der Parade. Bunte Umzugswagen mit karibischen Schönheiten rollen über den Asphalt, Tanztrupps schwingen die Hüften und laute Conga-Combos stoßen ins Horn. Hinter Absperrungen und auf Holztribünen schwingen die Zuschauer mit.

Wer genug von den Umzügen hat, geht während des Karnevals auf die Avenida 24 de Febrero, unter Einheimischen La Trocha genannt. Dort versammeln sich Tausende auf einer Partymeile. Es gibt Popcorn, frittiertes Huhn und dünnes Bier aus Plastikbechern. Rum spielt im kubanischen Karneval eine untergeordnete Rolle, den Kultcocktail Mojito dürften die wenigen Touristen auf La Trocha vergeblich suchen. Dafür wird an jeder Ecke getrommelt und geschrammelt: Salsa, Mambo, Cúmbia und Reguetón zum Mittanzen.

"Der Karneval in Santiago ist der beste in ganz Kuba", sagt Idanaisy. Mit ihrem Freund Juan hat die junge Kubanerin 16 Stunden Busfahrt aus Havanna auf sich genommen, um das Volksfest zu erleben. Vielleicht, weil Santiago als die karibischste, sprich: quirligste Stadt in Kuba gilt. Aber vielleicht auch, weil im Karneval von Santiago ausnahmsweise nicht die ansonsten umgarnten Touristen, sondern die Einheimischen in der ersten Reihe sitzen. Bei der Parade müssen Fremde mit Plätzen fernab der Haupttribühne vorlieb nehmen, das Zentrum des Geschehens ist Kubanern vorbehalten. Auch andere Städte in Kuba feiern Karneval, allerdings zu völlig unterschiedlichen Terminen.

Karnevals-Hopping à la Karibik

Das gilt auch für andere Inseln in der Karibik. Der Karneval orientiert sich mancherorts - anders als etwa in Europa - nicht am Kirchenkalender, sondern an historischen Ereignissen. Weshalb es auch im Frühling und Sommer eine Reihe von Karnevalsevents gibt.

Bereits an Ostern wird in Jamaika gefeiert. Die Straßenumzüge wurden von der Musiklegende Byron Lee ins Leben gerufen - um die nationale Einheit zu stärken und einfachen Menschen eine Plattform zu geben. Ans Ende der Sklaverei erinnert der Karneval auf Saint Lucia, der alljährlich in der zweiten Julihälfte startet. Ähnlich wie sein großer Bruder auf Trinidad and Tobago (dort feiert man im Februar) beginnt er mit dem J'Ouvert. Das bedeutet so viel wie "Tagesanbruch" und artet jedes Mal zu einer versifften Schlacht aus Öl und Farbe mit viel Alkoholkonsum aus. Danach folgt eine farbenprächtige Parade mit Dutzenden Trucks und übergroßen Lautsprechern, aus denen Soca-Musik schallt. Die Teilnahme an dem Umzug ist heiß begehrt aber für dortige Lebensverhältnisse extrem kostspielig. Nicht wenige opfern ein oder zwei Monatslöhne, um dabei zu sein.

Ähnliche Verhältnisse auf der Karibikinsel Grenada. Der dortige J'Ouvert gilt als die Mutter aller J'Ouverts und ist noch dreckiger und öllastiger als auf anderen Inseln. Um die Pampe wieder abzubekommen, winden sich im Anschluss unzählige Teilnehmer im Sand von Grand Anse Beach, dem Hauptstrand der für ihre Gewürze bekannten Insel. Nach dieser notdürftigen Reinigung geht es zum zweiten Teil über, einer bunten Straßenparade. "Spicemas" wird auf Grenada in diesem Jahr am 10. und 11. August gefeiert - jedes Jahr exakt eine Woche nach den Festivitäten anlässlich der Sklavenbefreiung.

Eine Nummer kleiner - aber immer noch bunt und ausgelassen - fallen die Festivitäten eine Woche zuvor auf der kleinen Karibikinsel Antigua aus. Höhepunkte sind auch hier der J'Ouvert und die street parade am folgenden Tag (3./4. August 2015). Und sogar die als eher gediegenes und ereignisarmes Promirefugium abgestempelte Karibikinsel Anguilla geht im Karneval alljährlich Ende Juli und Anfang August aus sich heraus.

Für Kurzentschlossene bietet sich außerdem ein Besuch auf Barbados an. Vom 27. Juli bis zum 3. August steigt dort das "Crop Over Festival". Es erinnert an die Geschichte der Sklaven und geht gleichzeitig in eine rauschende Mischung aus Zuckerrohr-Erntedank und Karneval über. Zu den allseits bekannten Karibikrhythmen kommen dort auch Flöten der sogenannten Tuk-Tuk-Spieler zum Einsatz. So etwas Ähnliches wie die comparsas in Santiago de Cuba mit ihren lauten corneta chinas. Und doch ganz individuell - jeder Karibik-Karneval ist ein bisschen anders.

Martin Cyris arbeitet als freier Journalist für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von Condor.

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1. Hay un caragol en el mar
Xangod 24.07.2015
Ich war einmal im Juli zum Karneval in Santiago. Es war einserseits der blanke Wahnsinn, wenn nachts die einzelnen Congas mit ihren Corneta china-Spielern und Trommlern aus den jeweiligen Barrios durch die dampfenden Straßen und Gassen zogen. Aber auch brutal. Santiago liegt in einem Talkessel von Bergen umringt. Und der Sommer ist die Regenzeit in Kuba und in dem aufgeheizten Kessel sinkt die Temperatur auch nachts kaum unter 30 Grad und kurze aber heftige Regenschauer lassen die Luftfeuchtigkeit enorm ansteigen. Schon bei dem Gedanken muß ich schitzen. Dazu zu viel Rum und es haut einen Queso aleman regelrecht um, während die Kubis vom Säugling bis zum Greis gerade in dieser schwülen nächtlichen Hitze in Extase geraten.
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