Karneval in Syrien Alaaf al Arabia!

Anfangs hielt man sie schlicht für verrückt, mittlerweile kommen Tausende, um mit ihnen zu feiern: Die Bewohner des Dorfes Marmarita haben den Karneval nach Syrien geholt und verteidigen ihre närrische Freiheit mit immer aufwendigeren Paraden.

Anastasia Taylor-Lind für GEO Special

Von "GEO Special"-Autor Roland Schulz


Es ist zwei Stunden nach Mitternacht, als Amjad Hanna Zweifel kommen. Dem Pfau fehlen noch alle Federn, der Elefant hat nur ein Ohr, der Sonnenwagen keine Strahlen und der Rest des Karnevalszugs keine Reifen. Stahlruten stechen aus den Gerippen halb fertiger Gerüste, die längst hätten Prunkwagen sein sollen, überall am Boden liegen Draht, Holz und Glasfaser, bei jedem Tritt knirscht und knackt es.

Fast hätten die Flügel der Engelskostüme Feuer gefangen, weil manche Helfer inzwischen so betrunken sind, dass sie ihre Zigaretten am Schweißbrenner anzünden, wenn sie im Wahnsinn dieser letzten Nacht ihre Feuerzeuge nicht mehr finden. Noch zwölf Stunden. Sie haben noch zwölf Stunden. Amjad Hanna zweifelt, ob sie es schaffen.

Er hat seit zwei Tagen nicht geschlafen, wie die meisten jungen Männer des Dorfes Marmarita. Seine Augen tränen. Seine Bewegungen sind fahrig, sein Händedruck ist ohne Griff. Er hat keinen Tropfen getrunken, aber die Erschöpfung lässt ihn wie einen Tanzbären taumeln. Er steht zu Füßen des haushohen Pfaus, der laut Plan der erste Prunkwagen sein soll, und beobachtet seine Freunde, die, mit Federboas behängt, versuchen, dem Kopf des verdammten Vogels endlich Federn anzukleben. "Wir werden es schon schaffen, wir werden es schon schaffen", sagt Hanna. Seine Freunde und er haben einen Ruf zu verlieren.

Seit 1972 feiert das syrische 5000-Seelen-Dorf Marmarita seinen Karneval, immer im August, immer am Abend vor Mariä Himmelfahrt. Was als kleine Karawane kostümierter Esel begann, ist inzwischen ein Umzug geworden, der sechs Stunden dauert. "Wir sind in der gesamten arabischen Welt berühmt", sagt Hanna. Al Dschasira war da, der arabische Nachrichtensender, außerdem CNN, das türkische Fernsehen, das libanesische, und sogar Kamerateams aus Saudi-Arabien kamen, angelockt von der Aussicht auf ausgefallene Bilder: Zehntausende Besucher, die Karneval feiern! Aber ja, auch mit Alkohol!

Exil-Syrer aus Brasilien machten den Anfang

"Angefangen hat es mit einer verrückten Idee", sagt Hanna. Er ist 24 Jahre alt, er war damals noch gar nicht geboren. Aber er kennt diese Geschichte; wie jeder junge Mann in Marmarita, der sie Jahr für Jahr vor dem Karneval von Neuem hört. Es war ein heißer Sommer im Wadi Al Nasara, dem "Tal der Christen", wie die von Kirchen und Kreuzritterburgen geprägte Region im Westen Syriens heißt.

Die Gegend, vor der Gebirgskette des Dschebel Ansariye gelegen, wurde aus zwei Gründen gerühmt: wegen der Gelehrtheit ihrer vor allem christlichen Bewohner, die Marmarita den Spitznamen "Dorf der 500 Doktoren" eingetragen hatte - und aufgrund ihres angenehmen Klimas, das selbst die Höllenglut syrischer Sommer erträglich machte. Viele der syrischen Auswanderer, die sich seit der Zeit der Osmanen in die Welt aufgemacht hatten, stammten aus dem Tal der Christen. Immer im Sommer pflegten sie nach Syrien zurückzukehren, um der alten Heimat zu beweisen, wie weit sie es gebracht hatten.

Höhepunkt der Heimkehr war Mariä Himmelfahrt, ein Hochfest für die orthodoxen wie für die katholischen Christen des Tals. So geschah es 1972: Eine Gruppe nach Brasilien ausgewanderter Syrer auf Heimaturlaub kam am Abend vor Mariä Himmelfahrt auf die Idee, verkleidet durchs Dorf zu reiten, und zwar auf Eseln. "Man muss wissen: Die waren betrunken", sagt Hanna. Es sind keine Fotos von diesem ersten aller Karnevalszüge überliefert, aber in der Erinnerung des Dorfes blieb haften, dass die Esel leere Bierdosen hinter sich herzogen. "Die Reiter waren sehr betrunken damals", sagt Amjad Hanna. "Aber es gefiel allen so gut, dass sie im nächsten Jahr weitermachten." Eine Tradition war geboren.

Hauptsache, der verdammte Vogel wird fertig

In der Luft liegt der dumpfe Geruch der Klebepistolen, vor Amjad Hannas Augen stieben Federn und Flaum in vielen Farben, aber der Pfau ist immer noch nackt. Aus einer Feierlaune heraus haben sie erst an den Flügeln, dann am Kopf, dann wieder an den Flügeln und schließlich an einem anderen Wagen weitergearbeitet. Nur noch acht Stunden.

Hanna zieht ein verwaschenes Blatt Papier hervor, auf dem ein geflügelter Prunkwagen zu erahnen ist. Ist aus dem Internet. Hat ein Kumpel ausgedruckt. Es ist ihr einziger Bauplan für den Pfau: ein Foto. "Wir sehen uns an, was sie in Rio de Janeiro machen, in Venedig, in Köln", sagt Hanna. "Wo ist das her?", brüllt er in das Chaos, das ihn umgibt. "Ah, Notting Hill Carnival." Ist auch egal. Hauptsache, der verdammte Vogel wird fertig.

Zwei Monate zuvor hatten die Männer von Marmarita begonnen, sich auf den Karneval vorzubereiten. In den Internetcafés mogelten sie sich an den Sperren vorbei, mit denen der syrische Staat versucht, seinen Bürgern den Zugriff auf Webseiten zu verstellen, die offiziell als schädlich gelten. Dort, auf verbotenen Seiten wie YouTube oder Facebook, suchten sie nach Vorbildern für ihre Wagen. Im Dorf zogen sie von Haus zu Haus, um Geld für ihre Pläne zu sammeln. Ihr Hauptquartier schlugen sie im Innenhof des aufgelassenen Klosters des Heiligen Petrus auf.

Im Zentrum der Vorbereitungen standen vier Männer: Amjad Hanna und sein Busenfreund Mudar Isaak, beide gerade fertig mit dem Maschinenbaustudium, kümmerten sich um die Planung. Zaher Yazji und Shadi Jakob, zwei 37-jährige Veteranen des Karnevals, die eigens dafür ihren Jahresurlaub nahmen, besorgten den Bau der Wagen.

Zusammen gaben die Männer ein prächtiges Bild ab: Zwei schlaksige Jünglinge, die die verwuschelten Frisuren von ihnen verehrter Popstars trugen, auf ihren Handys laute englische Musik hörten und weder rauchten noch tranken, arbeiteten Seite an Seite mit zwei stämmigen Mannsbildern, die im Unterhemd am Schweißgerät standen, ihre Zigaretten gleich am Stumpen der alten anzündeten und als ersten Arbeitsschritt eine Kiste Arak ins Kloster geschleppt hatten. In Marmarita war man sicher: Gegen diese Mannschaft kommen die Nachbardörfer nicht an.



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pressemelders 07.02.2011
1. Herr von und zu
Schade, dass ein positiver Bericht von Lebensfreude aus der arabischen scheinbar wieder Christen als Protagonisten hat. Warum kann man im Islam scheinbar nicht mal zwanglos feiern, ohne irgendwelche Aufseher fürchten zu müssen. Und in den gemäßigten Regionen sind diese Aufseher vielleichjt keine Taliban mit AK-47, aber ein Vater oder Dorfältester wacht dort doch scheinbar immer irgendwie.
ofelas 07.02.2011
2. langsam
Zitat von pressemeldersSchade, dass ein positiver Bericht von Lebensfreude aus der arabischen scheinbar wieder Christen als Protagonisten hat. Warum kann man im Islam scheinbar nicht mal zwanglos feiern, ohne irgendwelche Aufseher fürchten zu müssen. Und in den gemäßigten Regionen sind diese Aufseher vielleichjt keine Taliban mit AK-47, aber ein Vater oder Dorfältester wacht dort doch scheinbar immer irgendwie.
Stimme zu, in einem Orten wie Dubai koennen die einzelnen Muslime ausgehen, und sich vergnuegen ohne das gleich ein Dorfältester sich einmischt, aber das sind die Ausnahmen. Diese stramm hierarchise Organisationsstruktur wird sich vielleicht nur langsam entspannen, aber es scheint sich was zu bewegen, und mehr Eigenwille in der Politik fuehrt zu mehr Eigenwille fuer den einzelnen.
berry115 07.02.2011
3. ne!
Zitat von pressemeldersSchade, dass ein positiver Bericht von Lebensfreude aus der arabischen scheinbar wieder Christen als Protagonisten hat. Warum kann man im Islam scheinbar nicht mal zwanglos feiern, ohne irgendwelche Aufseher fürchten zu müssen. Und in den gemäßigten Regionen sind diese Aufseher vielleichjt keine Taliban mit AK-47, aber ein Vater oder Dorfältester wacht dort doch scheinbar immer irgendwie.
Der Kommentar ist hier fehl am Platz! "Christen als Protagonisten"... es gibt wohl immer Leute, die differenzieren wollen!
F. Oblong 07.02.2011
4. Ja, schade
Zitat von pressemeldersSchade, dass ein positiver Bericht von Lebensfreude aus der arabischen scheinbar wieder Christen als Protagonisten hat. Warum kann man im Islam scheinbar nicht mal zwanglos feiern, ohne irgendwelche Aufseher fürchten zu müssen. Und in den gemäßigten Regionen sind diese Aufseher vielleichjt keine Taliban mit AK-47, aber ein Vater oder Dorfältester wacht dort doch scheinbar immer irgendwie.
Was den Karneval (bei uns Fasnet) angeht muss man aber wissen, dass die Begeisterung dafür bei Nichtkatholiken sehr viel geringer ist, was sich ja auch im Nord-Süd-Gefäller der Kampagnen widerspiegelt. Ich kenne Protestanten, die ihren Kindern verbieten, mitzumachen.
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