Afrikas größtes Naturschutzgebiet Grenzenlose Wildnis

Im Kavango-Zambezi-Naturschutzgebiet kämpfen Ranger für bedrohte Löwen, Elefanten und grenzenlose Natur. Doch das Miteinander von Mensch und Tier rund um den Park ist nicht immer einfach.

Winfried Schumacher

Von Winfried Schumacher


Ein alter Löwe nähert sich dem Geländewagen, die Augen auf Mike Nyoni gerichtet. "Es ist Xanda", flüstert der Safari-Guide, "Cecils Sohn". Bald tauchen nacheinander sieben Löwen vor dem Jeep auf und lassen sich auf einem Termitenhügel nieder. Von hier haben sie einen guten Blick über das Buschland. Vielleicht hat das Rudel Glück und in der Nähe taucht unverhofft ein Gnu oder ein Wasserbock auf.

"Cecil war eine Ikone", sagt Nyoni. Im Sommer 2015 geriet der Hwange-Nationalpark weltweit in die Schlagzeilen, als ein US-amerikanischer Zahnarzt den Löwen in einem angrenzenden Jagdgebiet erschoss. Das mächtige Tier war ein Wahrzeichen Simbabwes. Seit 1999 hatten Wissenschaftler der Universität Oxford das Leben des Rudelführers erforscht.

"Cecil hat nicht nur im Park sondern auch in meinem Herz eine große Lücke hinterlassen", sagt Nyoni. Als Guide hatte er den berühmten Löwen jahrelang begleitet. "Löwen sind in einigen Teilen des Parks oft misstrauisch und scheu, aber Cecil war vollkommen an die Jeeps gewöhnt."

Viele befürchteten damals, dass durch seinen Tod eine ganze Generation ausgelöscht würde. "Wenn neue Männchen ein Rudel übernehmen, töten sie die Jungen, die nicht ihre eigenen sind", erklärt Nyoni, "das hat natürlich seine Auswirkung auf die Population." Cecils Familie aber hatte Glück. "Sein Sohn hat nun das Territorium übernommen, daher leben hier noch immer seine Nachkommen."

Hwange ist Simbabwes größter Nationalpark und seit fünf Jahren Teil des größten länderübergreifenden Naturschutzgebiets der Erde. Am 15. März 2012 wurde das Kavango-Zambezi Transfrontier-Schutzgebiet, kurz: KaZa, eröffnet. Es vereint mehr als 30 Nationalparks und Reservate in Angola, Namibia, Botswana, Sambia und Simbabwe. Auf einer Fläche größer als Deutschland leben Hunderte bedrohte Tierarten, darunter etwa die Hälfte aller Elefanten und ein großer Teil der letzten Löwen Afrikas.

Herzstücke des KaZa-Schutzgebiets sind neben dem Hwange-Nationalpark Namibias Caprivizipfel, Botswanas Okavangodelta und Sambias Kafue-Nationalpark. Sie sind durch Korridore verbunden, durch die die Herden von Park zu Park wandern können.

Die Sorgen der Bauern

"Löwen und andere Arten kennen keine Grenzen", sagt Nyoni. "Das haben wir an Cecils Geschichte schmerzlich erfahren." Daher sei es wichtig, die bestehenden Schutzgebiete besser miteinander zu vernetzen. "Die Tiere müssen in Gebiete ausweichen können, wo es weniger Druck durch Jagd und eine wachsende Bevölkerung gibt."

Fotostrecke

16  Bilder
KaZa-Naturschutzgebiet in Afrika: Fünf Staaten, ein Ziel

Nicht überall stößt die grenzenlose Wildnis des KaZa-Schutzgebiets auf Begeisterung. Außerhalb des Hwange-Nationalparks weidet Vieh im offenen Buschland, Hühner und Ziegen suchen zwischen Lehmhütten nach Fressbarem. "Erst vor vier Tagen haben Löwen eine meiner Kühe getötet", sagt Luis Kumalo aus dem Dorf Ngamo. Für den Kleinbauern und Vater von sechs Kindern ein bitterer Verlust. "Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Überbleibsel aufzulesen", sagt Kumalo. "Ihr habt Versicherungen für eure Autos. So etwas gibt es für uns nicht."

Der Konflikt der Bauern von Ngamo mit den Löwen von Hwange steht beispielhaft für das schwierige Miteinander von Mensch und Wildtier rund um das Schutzgebiet. Durch die Ausdehnung von Weidegründen wird es für die einheimische Fauna immer enger. Viele Arten kommen nur noch in isolierten Restbeständen vor. Löwen etwa haben nach Angaben des WWF innerhalb von 50 Jahren drei Viertel ihres Lebensraums verloren. Nur noch etwa 20.000 Tiere soll es in ganz Afrika geben.

Die Schlingensammler

Nicht weit von Ngamo streift ein Team der Scorpion-Anti-Wilderer-Einheit von Wexau durch die Savanne. In der Ferne zieht eine Gruppe Rappenantilopen vorbei, am Himmel kreisen Geier. Fernab von den Pisten der Safari-Touristen durchkämmt die Einheit das Unterholz nach Schlingen, die in der Nacht von Wilderern ausgelegt werden.

"Wir haben in den vergangenen fünf Jahren mehrere Hundert Drähte sichergestellt", sagt Edwin Muchenje, Leiter der Einheit. Sie werden von Einheimischen vor allem für Antilopen ausgelegt. Oft werden sie aber auch anderen Arten zum Verhängnis. "Einmal fanden wir eine Löwin in der Schlinge. Leider waren wir nicht rechtzeitig dort - wir konnten sie nicht mehr retten."

Das KaZa-Schutzgebiet soll verhindern, dass die Wilderei fortschreitet und auch noch die letzten Wanderrouten verschiedener Arten zwischen den Reservaten verloren gehen. Indessen wächst längst auch innerhalb des Gebiets der Druck auf die Tierwelt. In Sambias Kafue-Nationalpark wurden die letzten Nashörner wahrscheinlich bereits in den Neunzigerjahren ausgerottet, in Simbabwe sind sie äußerst selten geworden.

Eine Zukunft für Mensch uns Tier

Zwar hat die Elfenbeinwilderei hier noch nicht die dramatischen Ausmaße wie in Tansania und Mosambik angenommen, Naturschützer fürchten jedoch, dass das Abschlachten der Elefanten auch in Sambia und Simbabwe zunehmen wird, solange der illegale Handel mit China und Vietnam nicht unterbunden wird.

"Die Vorbehalte gegen KaZa waren bei vielen Einheimischen zunächst groß", sagt Edward Muchenje, "aber langsam setzt sich das Verständnis durch, dass alle vom Schutz profitieren können." Einige Bauern arbeiten nun als Ranger und Guides, andere bauen Gemüse für die Lodges im Park an.

Selbst Kleinbauer Kumalo möchte das Schutzgebiet nicht mehr missen. "Ohne den Park gibt es keine Arbeitsplätze, und die jungen Menschen ziehen in die Städte." Als er von Cecils Tod erfuhr, war auch er erzürnt. "Wenn es die Löwen nicht mehr gibt, bleiben die Touristen weg, und dieser Ort hat keine Zukunft."

Winfried Schumacher arbeitet als freier Autor für SPIEGEL ONLINE. Die Recherchereise wurde unterstützt von Abendsonne Afrika und Wilderness Safaris.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eunegin 15.03.2017
1. größtes Naturschutzgebiet - gleich rein mit dem Jeep!
Ja, man kann über Vermarktung, Einnahmequelle, Schutz verschiedener Meinung sein. Ich finde es aber schon bezeichnend, dass man ein Bild mit wunderbarerer Natur zeigt - und dann ein Geländewagen durchbrettert. Ich fahre ja auch nicht mit dem Auto durch den Wald im Nationalpark Bayerischer Wald....
kuwacker 15.03.2017
2. Ein guter Artikel...
... über die Konflikte zwischen Artenschutz und den berechtigten Ansprüchen der Bewohner dieser einzigartigen Landschaft. Zur Beruhigung: noch ist der Tourismus dort (auch durch die Übernachtungspreise) so sehr reguliert, dass keine Safari-Autobahnen durch die Parks führen und die Tiere riesige Rückzugsgebiete haben. Leider fehlen Hinweise auf die schlimme Situation der Nashörner, die unter extremem Wildererdrucks stehen und auch in den Schutzgebieten kurz vor der Ausrottung stehen. Auch hier ist die Nachfrage aus Asien nach dem medizinisch nutzlosen Horn die Ursache. Obwohl die Ranger täglich ihr Leben im Kampf riskieren, werden täglich 3 Rhinozerosse von Wilderern abgeschlachtet. Strikte Handelsverbote, die auch streng geahndet werden - auch, wenn korrupte Staatsorgane beteiligt sind - sind die letzte Chance der Dickhäuter und der Löwen im südlichen Afrika.
Oskar ist der Beste 15.03.2017
3. ...also...
...ich war in den letzten 5 Jahren 11 mal in dem Gebiet, davon 6x in Hwange und im Okawango 4 mal: Zunächst einmal ist der Hype über Cecil vollkommen übertrieben. Das Tier war 15 Jahre alt und hatte damit seine Altersgrenze ohnehin schon erreicht, dann hat die Tötung dieses Tieres Hwange enorme Spenden und Aufmerksamkeit gebracht, was für den Erhalt dieses Parks enorm wichtig ist. In Hwange gibt es geschätzt über 1000 Löwen, was diesen Park zu einem der größten Löwenpopulationen in Afrika macht. Tatsächlich ist den Einheimischen die Jagd auf Impalas erlaubt, damit sie überhaupt etwas Fleisch essen können. Zum Thema Nashörner und Jeeps in den Parks: Nashörner gibt es in Hwange gerade einmal 3-4, die wirklichen Probleme sind in Süd Afrika, wo ein regelrechter Krieg tobt, der bereits mehr als 300 Menschenopfer gefordert hat. Und der Impakt, den ein paar Jeeps haben, die durch die Parks brettern ist gleich Null! Bitte nicht immer nur diese Dinge von der Couch her betrachten, sondern sich vor Ort selbst ein Bild machen. (und das muss nicht teuer sein!). Gut finde ich an dem Beitrag, daß dieser auch eine Werbung darstellt, daß Gebiet zu besuchen und das dies auch deutlich gemacht wurde: Wir waren vor 3 Wochen in Hwange und es waren 3 weitere Touristengruppen im Park.
Oskar ist der Beste 15.03.2017
4.
Zitat von euneginJa, man kann über Vermarktung, Einnahmequelle, Schutz verschiedener Meinung sein. Ich finde es aber schon bezeichnend, dass man ein Bild mit wunderbarerer Natur zeigt - und dann ein Geländewagen durchbrettert. Ich fahre ja auch nicht mit dem Auto durch den Wald im Nationalpark Bayerischer Wald....
Dieser Hinweis zeigt, daß Sie noch nie in den beschriebenen Gebieten gewesen sind. Und die positiven Effekte, die der Tourismus auf die Gebiete hat, überwiegt bei Weitem die Effekte, die die Fahrt von ein paar jeeps hat. Sie würden ja schliesslich auch nicht mit einem Mountain Bike auf Safari gehen?!
frankenbaer 15.03.2017
5. @1
Lospoltern ohne zu denken! Zu Fuß durch den Nationalpark? Viel Spaß!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.