Kibbuz-Gründerin in Israel: Karges Land, große Ideale

Aus Hasorea berichten und Thies Schnack

Sie hatten keine Ahnung von Landwirtschaft oder Geld - und träumten von einer besseren Welt im Heiligen Land: Viele Kibbuz-Gründer flohen vor über 70 Jahren aus Deutschland. Heute erkennen die Letzten, dass ihre Ideale verblassen - doch noch immer ziehen die Dörfer junge Deutsche an.

SPIEGEL ONLINE

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Das Dorf wirkt wie eine Oase. Friedlich liegen die flachen Steinhäuser mit den roten Ziegeldächern in der Sonne, verbunden von schmalen Teerwegen. Dort geht eine Frau im schwarz-weißen Sommerkleid mit einem kleinen Jungen an der Hand spazieren. Die Szenerie von Hasorea hat etwas von einem südfranzösischen Campingplatz im September.

Es ist der Ort, in dem Hanna Oppenheimer nun seit 1937 lebt. Der Ort, den die heute 94-Jährige als junge Frau mit aufgebaut hat. "Ich kriege überhaupt nicht mehr mit, was im Kibbuz passiert", grummelt die alte Dame. Der wache Blick aus den wasserblauen Augen entlarvt den Satz als Koketterie. Hanna Oppenheimer ist voll auf der Höhe ihrer Zeit. "Es hat sich viel verändert hier. Die jungen Leute machen vieles anders als wir damals. Und das ist gut so."

Hanna kommt 1916 als Hanna Cohen in Dresden zur Welt. Als Teenager wird sie Kommunistin und träumt von einer besseren, sozial gerechten Welt. Die Realität könnte gegensätzlicher nicht sein. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 beginnen die Judenverfolgungen. Hanna Oppenheimer will kämpfen, gemeinsam mit ihren sozialistischen Freunden, viele davon Juden wie sie. Hitler hält sie wie viele für eine dunkle Übergangserscheinung. Ihre Eltern wissen es besser und drängen Hanna zur Flucht ins damalige Palästina.

Ein neues Leben im Gelobten Land

1937 kommt sie in Haifa an. Die Briten, die das Mandat über Palästina ausüben, haben ihr ein teures und begehrtes Zertifikat ausgestellt. "Ich habe meine Flucht als Verrat an Deutschland empfunden", sagt Hanna noch 73 Jahre später. Sie hatte sich bereits in Deutschland den "Werkleuten" angeschlossen, einer Jugendbewegung deutscher Juden. Gemeinsam mit einem guten Dutzend Gleichgesinnten beginnt sie nun im Gelobten Land ein neues Leben. Ein karges Stück Erde wurde ihnen zugewiesen, sie nennen es Hasorea. Es wird ihr neues Zuhause.

Die Kibbuz-Bewegung gründet auf Gleichheit, strikter Basisdemokratie und Gemeinschaftsbesitz. Die Mitglieder bekommen kein Geld für ihre Arbeit im Kollektiv. Dafür kommt der Kibbuz für Unterkunft und Essen auf. Sogar die Kleidung teilen sich die frühen Kibbuzniks, wie sie später in Israel genannt werden. Alle Entscheidungen werden in der gemeinsamen Versammlung getroffen. Hanna Oppenheimer lächelt. "Wir haben über die lächerlichsten Dinge abgestimmt, Dinge, bei denen das überhaupt nicht notwendig gewesen wäre."

Es sind schwere erste Jahre. Die Neulinge, keiner ist über 23 Jahre alt, müssen sich alles hart erarbeiten. Sie haben keine Ahnung von der Landwirtschaft, von der Organisation des Zusammenlebens, vom Geld, die meisten sprechen kein Hebräisch. "Wir haben schnell gemerkt, dass die Menschen nicht gleich sind. Es gibt so viele unterschiedliche Schicksale und Geschicke. Aber alle hatten die gleichen Rechte." Viele haben ihre Familie in den Konzentrationslagern der Nazis verloren, auch Hanna Oppenheimer. Trotz des Traumas leben sie ihren Traum vom funktionierenden sozialistischen Kollektiv.

Ein bisschen Exotik im Kibbuz

Fast 75 Jahre nach Hanna Oppenheimer kommt eine neue Generation junger Deutscher nach Hasorea. Charlotte Besch und Janina Horx haben sich den Kibbuz als vorübergehende Heimat ausgesucht. Sie gehören zu den 15 freiwilligen Helfern, die gegen Kost und Logis in einer Gastfamilie ein paar Monate hier verbringen. Sie sind weder Juden, noch Sozialisten, sondern junge Mädchen, die nach der Schule hinauswollten in die weite Welt, ein bisschen Exotik kann da nicht schaden. "Israel ist ein spannendes Land. Die Leute sind herzlich, und man fühlt sich hier gleich zu Hause", sagt Charlotte.

Über die Geschichte von Hasorea wissen die beiden jungen Frauen Bescheid, dafür sorgt schon die Kibbuz-eigene Bibliothek mit ihrer ausführlichen Chronik. Doch nach ihrer Zeit im Kibbuz werden sie weiterziehen: Länger zu bleiben als ein paar Monate können sie sich nicht vorstellen, da sind sich Charlotte und Janina einig.

Hanna Oppenheimer weiß, dass der Kibbuz nicht mehr die Strahlkraft früherer Tage hat. Ihre eigenen drei Kinder sind längst aus Hasorea weggezogen. Viele Kollektivsiedlungen haben sich von den Idealen ihrer Gründer entfernt und sind heute gewöhnliche Dörfer und Kleinstädte. Von den heranwachsenden Kibbuzniks zieht es viele nach Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa.

Die Ideale der ersten Stunde verblassen. Das Israel der Gegenwart verdrängt den Traum von einer besseren Welt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Israel-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite