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Kilimandscharo: Der härteste Spaziergang der Welt

Von Ole Helmhausen

Der Kilimandscharo gilt als leichtester Berg der "Big Seven": Rund 20.000 Touristen kraxeln jährlich auf ihm herum. Doch die Höhenkrankheit macht so manchem Gipfelstürmer einen Strich durch die Rechnung. Das Protokoll eines Aufstiegs.

Danielle und ich sind keine Trekker. Wir sind auch keine Camper. Nachts haben wir gern ein richtiges Dach über dem Kopf. Deshalb entscheiden wir uns für den so gern als Coca-Cola-Route geschmähten Marangu-Trail. 40 Kilometer hinauf, 40 Kilometer hinunter. Fünf Tage soll die Tour dauern, im Preis inbegriffen: die Übernachtung in Hütten und drei Mahlzeiten täglich, zubereitet von "unseren" Trägern. Die müssen wir anheuern, ebenso wie die Guides, das schreibt die Parkverwaltung so vor. Nur laufen müssen wir selbst.

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Marangu-Trail: Aufstieg auf der Coca-Cola-Route

Die Nacht vor dem Aufstieg verbringen wir im Marangu-Hotel, einem von Bougainvillea überwucherten Kolonialgemäuer à la Jenseits von Afrika. Dort findet abends auch das traditionelle Briefing statt. Der Hotelbesitzer Desmond Brice-Bennett spricht von der Höhenkrankheit, von Kopfschmerzen, Erbrechen und sich verfärbendem Urin. Erste Zweifel machen sich breit. Ob die Marangu-Route wirklich leichter sei als die anderen, fragt ein indisches Paar bang.

Nein, leichter sei die Marangu-Route sicher nicht, nur bequemer, sagt Desmond und mustert seine Zuhörer. Alles eher Freizeit-Wanderer als Hardcore-Hiker. Jeder habe eine reelle Chance, aber es könne auch jeden erwischen. In all den Jahren hat Desmond viel gesehen. Kettenrauchende Bürohengste, die den Gipfel locker schafften, und austrainierte Athleten, die kalt von der Höhenkrankheit erwischt wurden. Unabhängig von Alter und persönlicher Fitness.

Immer mit der Ruhe

Die Experten unterscheiden vier mehr oder weniger abgrenzbare Zonen, in denen sich der Sauerstoffmangel unterschiedlich auf den Organismus auswirkt. Doch schon am ersten Tag verlassen wir die so genannte Indifferenzzone (0 bis 2000 Meter), innerhalb derer die Höhe körperliche Höchstleistungen nicht oder nur wenig beeinflusst. Vom Gate des Kilimanjaro National Park (1970 Meter) sind es 730 Höhenmeter bis zu den Mandara Huts, dem ersten Etappenziel. Unsere Träger lassen ihre Last wiegen, keiner darf mehr als 25 Kilogramm schleppen.

Die zunächst nur leicht ansteigende Marangu Route ist mit Bordsteinen und Entwässerungsrinnen so gut ausgebaut, dass sie auch durch den botanischen Garten zuhause führen könnte. Das indische Paar vom gestrigen Briefing überholt uns. "Haben unseren Guide nach unseren Chancen gefragt", teilt er im Vorbeigehen mit. "80 Prozent". George zuckt die Achseln. "Pole pole", zitiert unser Guide Ostafrikas Zauberformel, immer mit der Ruhe.

Nach vier Stunden durch einen Dschungel moosbehangener Bäume tauchen die Mandara Huts auf, schwarze A-Frame-Hütten auf einer Lichtung. Die Stimmung ist prima. Unsere Hütte teilen wir mit einem Pärchen aus Holland, beide rank, schlank, himalajaerfahren. Beim Abendessen treffen wir die Inder wieder. "Habe unseren Guide gebeten, dafür zu sorgen, dass wir es auf den Gipfel schaffen", sagt er. Sie führt uns ihre Apotheke vor.

Die empfohlenen Akklimatisationstaktiken sind: viel trinken, gut schlafen, keine Medikamente. Vor allem langsam aufsteigen, und zwar höchstens 500 Höhenmeter pro Tag. Letztere Empfehlung befolgen wir zwangsläufig nicht: Das zweite Etappenziel liegt 1000 Meter höher. Stolz auf unsere Weitsicht, einen Extra-Tag gebucht zu haben, marschieren wir anderntags los.

Bald lassen wir den Dschungel hinter uns und gehen die nächsten elf Kilometer durch eine Gras- und Heidelandschaft. Der Mawenzi, der etwas über 5000 Meter hohe Nebengipfel des Kilimandscharo, schiebt sich ins Blickfeld. Auf halber Strecke überholen wir die Inder. "See you later", sagt er und lächelt tapfer. Sie sieht aus, als wäre sie gern woanders.

Wir fangen an, durch die Nase zu atmen, um unser Tempo besser zu regulieren. Dies ist die sogenannte Zone der vollständigen Kompensation (2000 bis 4000 Meter). Hier sollen die ersten Symptome von Höhenkrankheit auftreten, Kopfschmerzen, Übelkeit, Leistungsabfall. Tatsächlich stellt sich bald ein unangenehmes Klopfen im Schädel ein. Danielle hat kaum geschlafen, sie wird einsilbig. Unser Optimismus von vorhin verwandelt sich in Missmut. Hoffentlich produzieren wir während des Extra-Tags genug Sauerstoff transportierende rote Blutkörperchen, auf Deutsch: Plötzlich sind wir nicht mehr so sicher, den Gipfel zu erreichen.

Nach einer widerlich steilen Steigung erreichen wir am späten Nachmittag die Horombo Huts. Über dem Lavakamm hinter den Hütten grüßt die weiße Mütze des Kibo. Wir beziehen unsere Hütte und dämmern in der Horizontalen dem Abendessen entgegen. Die beiden Holländer liegen schon in ihren Schlafsäcken. Rechtzeitig zum Dinner begrüßen wir ein neues Symptom: Brechreiz.

Negative Gruppendynamik auf der Hütte

Die Horombo Huts sind ein Verkehrsknotenpunkt. Hier begegnen sich auf- und absteigende Gruppen. Beim Abendessen kursieren die Neuigkeiten des Tages. Ein höhenkranker Japaner musste evakuiert werden. In Hütte drei liegen zwei transportunfähige Deutsche. Die Inderin wirft Diamox ein, das hier gängige Mittel gegen Höhenkopfschmerz.

Wir sind die Einzigen, die sich nicht besonders fühlen. Alle anderen Wanderer sind dagegen gut drauf, doch abends ist die Restauranthütte halbleer. Typischer Fall negativer Gruppendynamik? In Nepal, steht zu lesen, geschähen 80 Prozent der tödlich verlaufenden Lungen- und Hirnödeme auf organisierten Trekkingtouren, obwohl nur 40 Prozent aller Trekkingtouristen an solchen teilnähmen.

Am nächsten Tag brechen wir in aller Frühe auf. Bis zur Kibo Hut sind es elf Kilometer. Und noch einmal knapp 1000 Höhenmeter. Nach einem steilen ersten Abschnitt kommt der sechs Kilometer lange Sattel in Sicht: Durch das braune, fast vegetationslose Nichts strebt der Trail breit und ausgetreten dem Fuß des Kibo entgegen. Aus dem erwarteten Spaziergang wird jedoch nichts. Wir gehen nicht nur durch eine karge, stetig ansteigende Mondlandschaft, sondern auch durch die sogenannte Zone der unvollständigen Kompensation (4000 bis 7000 Meter).

Bergsteiger wissen, dass hier ohne ausreichende Akklimatisation erhebliche Störungen zu erwarten sind. Während ich plötzlich den zweiten Atem bekomme, geht es Danielle immer schlechter. Nach zwei Drittel des Wegs besteht sie auf einer Pause. Die beiden Holländer kommen mit eingefallenen Gesichtern zurück. Sie haben es bis zum Uhuru Peak (5895 Meter) geschafft. Das härteste, was sie je gemacht habe, sagt sie, dann schleppen sie sich weiter. Danielle steht nur mit Mühe wieder auf und erbricht sich ohne Vorankündigung. Das letzte Drittel dauert eine Ewigkeit. An Fotografieren ist nicht mehr zu denken.

Die Kibo Huts (4700 Meter) sind die wohl ungastlichste Bleibe des Kontinents. Für den müden Wanderer steht ein zugiges Steinhaus mit düsterem Flur und vier Räumen mit Etagenbetten zur Verfügung. Das lässt Gemütlichkeit ebenso wenig aufkommen wie die Kälte, die unerbittlich in die müden Glieder kriecht. Doch geschlafen wird hier ohnehin kaum. Der Aufstieg beginnt kurz nach Mitternacht und dauert fünf, sechs Stunden. So sieht man die Sonne über Afrika aufgehen und hat auch noch genug Zeit für den Abstieg bis zu den Horombo Huts.

Während wir in unsere Schlafsäcke kriechen, diskutiert das indische Paar den Abstieg. Ihr geht es schlecht, aber umkehren will sie nicht, ihm zuliebe. Er macht sich Vorwürfe, dass er sie überredet hat zu diesem Trip. Am Ende beschließt er abzusteigen, die Gesundheit geht vor.

Immer bis zur nächsten Serpentine

Um Mitternacht kommt George mit heißem Kaffee. Es ist bitterkalt. Im Schein der Stirnlampen essen wir ein paar Happen, dann geht es los. Die Nacht ist windstill und sternenklar, ideale Bedingungen für den Aufstieg. "This is it", sagt George. Hinter den Kibo Huts verschwindet der Trail zwischen erstarrten Lavaströmen. Den Kopf im Nacken, erkennen wir knapp tausend Meter über uns die schwarze Linie des Kraterrands.

Es ist so hell, dass wir den Trail auch ohne Stirnlampen erkennen. Einen Fuß vor den anderen setzend, brechen wir im Gänsemarsch auf. Während die Gespräche rasch verstummen, finde ich meinen Rhythmus und versuche, den Kopf abzuschalten. Doch während die Umrisse der Kibo Huts langsam in der Schwärze versinken, stellt sich der Brechreiz wieder ein. Langsam aber sicher reduziert sich der Wille zum Durchhalten auf die Länge einer Serpentine, dann geht's hechelnd in die Pause.

Bei 5000 Metern fordern Höhe, Schlafmangel und leerer Magen ihren Tribut. Zu Füßen eines hausgroßen Lavabrockens namens William's Point geht Danielle in die Knie. Doch schnell hat sie sich wieder aufgerappelt und geht weiter. Zwei Minuten später wiederholt sich das Spiel, doch sie weigert sich, aufzugeben. Als sie ein drittes Mal fällt, schreitet George ein. Danielle sagt später, es habe sich angefühlt, als habe jemand den Stecker gezogen. Wir lassen nach uns kommende Gruppen passieren und kehren um. Danielle ist enttäuscht und fühlt sich als Spielverderberin. Doch das Spiel mit der Gesundheit ist selbst der Kilimandscharo nicht wert.

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