Paillettenmarkt in Delhis Altstadt Das große Funkeln

Sie bringen Beyoncés Jogginghosen zum Glitzern, verschönern Designerkleider und zieren Elsa-Kostüme auf der ganzen Welt: die Pailletten vom Kinari Bazar. Ein Besuch in Indiens faszinierender Funkelfabrik.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

Rebecca Conway

Dreck. Nichts als Dreck. Die Altstadt von Delhi ist grau vom Staub der indischen Tiefebene. Die Gassen sind so eng, dass die Fahrradrikschas an den Hauswänden entlangschrammen und kaum je ein Sonnenstrahl aufs Pflaster fällt. Straßenköter wühlen nach Essbarem, eine Ratte balanciert über ein zwischen Fassaden hängendes Stromkabelbündel. Doch dann ist da dieser Silberschimmer.

Einem der Lastenträger, die sich mit vielen Kilos auf dem Buckel einen Weg durch die Stadt bahnen, ist ein Sack geplatzt. Pailletten rieseln auf die Straße. Der Mann, der von all dem nichts merkt, legt eine Spur aus glitzernden Scheibchen.

Wer ihr folgt, steht auf einmal vor Rajiv Gupta. Mitten im Schmutz birgt dessen Laden ungeahnte Schätze: Die Guptas sind Paillettenfabrikanten und -Händler, und das seit fünf Generationen. Ihr Geschäft, vor hundert Jahren auf ein paar Quadratmetern auf Straßenniveau eröffnet, hat sich über die Jahrzehnte auf vier Stockwerke und diverse Nebengebäude ausgebreitet. Von den Regalen funkelt es bis unter die Decke. In durchsichtigen Säckchen lagern hier Abermillionen bunte Plättchen aus Plastik und Metall. Die Einkäufer internationaler Modehäuser kommen ihretwegen in die zwielichtigen Gassen von Delhi.

"Ich war 2006 zum ersten Mal hier und komme seitdem alle paar Monate", sagt Mané Virdee, während sie Tüten mit dem neuesten Glitzerwerk der Guptas begutachtet. Die Britin arbeitete damals für das Cool-Britannia-Label AllSaints und war für das zuständig, was in der Modebranche "Embellishment", also Verschönerung, heißt. Wenn ein T-Shirt, Kleid oder Rock bestickt, mit Halbedelsteinen oder eben mit Pailletten besetzt werden sollte, machte sich Virdee weltweit auf die Suche nach originellen Materialien.

Prise Sternenstaub am Kragen

"Niemand kann Pailletten so gut wie die Inder", sagt Virdee. In China schneide man präziser zu, mache bessere Strick- und Drucksachen. "Aber wenn man jemanden sucht, der einen Millimeter kleine Pailletten in höchster Präzision per Hand appliziert, wird man nur in Indien fündig." Auch die besten Pailletten der Welt stammten von dem Subkontinent, auf dem sie erfunden worden sein sollen. Unter im Indus-Tal gefundenen Grabbeigaben fanden sich winzige Goldplättchen, die einst die längst zu Staub gewordenen Gewänder der Toten schmückten.

Virdee hat inzwischen ihr eigenes Label "Mané" und produziert zweimal im Jahr eine kleine, sehr feine Kollektion. Dazu fliegt sie mehrmals jährlich von London nach Delhi, denn alle ihre Stücke sind mit Pailletten verziert: Bei T-Shirts ist es vielleicht nur eine kleine Prise Sternenstaub am Kragen, bei Abendkleidern kann auch mal jeder Quadratzentimeter Stoff mit schimmernden Scheibchen bestickt sein.

Virdees Markenzeichen sind dreidimensionale Arrangements, bei denen sie mit Pailletten verschiedener Größen, Formen und Farben Blüten, Flugzeuge, Fische oder einfach nur wilde Muster auf die Outfits zaubert. Fashonistas weltweit gefällt das: Virdees über und über in hellblaue und goldfarbene Pailletten gehüllte Edeljogginghose hängt zum Beispiel bei Beyoncé im Schrank. Auch die Vogue schwärmt von Virdees handgearbeiteten Teilen.

Viele der Glitzersteine stammen vom Kinari Bazar, dem Epizentrum des internationalen Embellishment-Geschäfts. Dutzende Geschäfte bieten an, was Modemacher brauchen, um aus Alltagskluft etwas Besonderes zu machen. Stickborten und Bommel, Häkelbordüren und Troddeln quellen aus überfüllten Regalen.

Schneeflocken für kleine Eisköniginnen

Guptas Designteam entwickelt ununterbrochen neue Pailletten, mit denen Modemacher dann "spielen können", wie die 34-jährige Virdee ihren Arbeitsprozess nennt. Diese Saison sind asymmetrische Scheibchen aus Kunststoff mit Hologrammdruck der letzte Schrei. Für Produzenten von Kindermode haben die Kreativen winzige Schneeflocken auf den Markt gebracht, mit denen Mädchen-T-Shirts auf Walt Disneys Eiskönigin Elsa getrimmt werden können.

Großabnehmer ordern schon mal einige Tonnen der kostbaren kleinen Plättchen. Kleine Label wie "Mané" kaufen oft nur ein paar Kilo und übergeben sie an eine Näherei ihres Vertrauens.

Und dann sind da noch die indischen Hausfrauen. "Wir zählen eine ganze Reihe Damen aus den alteingesessenen Familien zu unseren Kunden", sagt Gupta. Die Mode hier funktioniert nach dem Prinzip "viel hilft viel", und so kämen viele Frauen aus Delhis besseren Vierteln den weiten Weg in die Altstadt, um ihre ohnehin schon quietschbunten Saris und Kleider noch weiter aufzupeppen. "Diese Kundinnen kaufen ein paar Handvoll Pailletten, gehen damit zu ihrem Schneider - fertig ist der Hingucker."

Alt-Delhi sei schon zu Zeiten der Mughal-Kaiser das modische Zentrum des Reichs gewesen, sagt Gupta. "Wer die weltweit größte Auswahl an Pailletten will, muss sich in unsere Gasse wagen." Und über den Dreck drumherum hinwegsehen.

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