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Kingston und die Thousand Islands: Ein Fels, ein Baum, ein Ferienhaus

Bilder, die von der Wand fallen, und Hotelgäste, die plötzlich einen kalten Hauch im Zimmer verspüren – in Kingston, einer der ältesten Städte Kanadas, gehen die Gruselgeschichten für die Spuktouren nicht aus. Vor den Toren der Stadt liegt ein Ferienparadies aus über tausend Inseln.

Kingston - Emily McKinnon sieht ein bisschen so aus wie der Tod auf Urlaub. Ihr Gesicht ist ganz bleich, eine dunkle Kapuze verhüllt die blonden Haare, und ihr schwarzer Umhang reicht bis zu den Knöcheln. In der linken Hand hält die junge Frau eine Laterne, in der ein Teelicht schwach flackert. Und wenn Emily ihre blassen Lippen öffnet, dann erzählt sie Geschichten von Grabräubern, Geistern und Skeletten, so dass es einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Emily ist Studentin in Kingston in Kanada, und das dunkle Outfit gehört zu ihrem Ferienjob: Im Sommer nehmen Emily und andere Führer Touristen mit auf "Spuktouren" durch die Stadt am Ontariosee.

"Fort Henry Guard" in Kingston:  Touristen-Spektakel mit Platzpatronen
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"Fort Henry Guard" in Kingston: Touristen-Spektakel mit Platzpatronen

Kingston ist eine der ältesten Städte Kanadas und bietet sich mit seinen vielen Steinhäusern geradezu an für solche "Haunted walks", wie die abendlichen Geistertouren genannt werden. Touristen sind genügend da, liegt doch mit den Thousand Islands im St.-Lorenz-Strom ein Ferienparadies unmittelbar vor der Haustür. Tatsächlich sind es sogar 1864 Inseln, die sich dem Wasser in den Weg stellen, das hier die Großen Seen Nordamerikas verlässt und in Richtung Atlantik abfließt.

Bilder, die von der Wand fallen, und Hotelgäste, die plötzlich einen kalten Hauch im Zimmer verspüren - das sind die Themen, mit denen Emily McKinnon ihre Begleiter in der hereinbrechenden Dämmerung fesselt. Vor einem alten Versicherungsgebäude erzählt Emily, dass dort drinnen immer wieder die Fußspuren eines rennenden kleinen Jungen auf dem frisch gewischten Boden erscheinen - einst verbrannten in dem Haus drei Knaben. Und wieder jagt ein kalter Schauer über den Rücken. "Alle Geschichten, die ich erzähle, sind wahr", beteuert Emily. "Es gibt immer Zeugen oder eine andere Form von Beweis."

Labyrinth im St.-Lorenz-Strom: Die Thousand Islands bestehen tatsächlich sogar aus 1864 großen und kleinen Eilanden
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Labyrinth im St.-Lorenz-Strom: Die Thousand Islands bestehen tatsächlich sogar aus 1864 großen und kleinen Eilanden

Doch Kingston hat auch viel echte Historie zu bieten. Am Fort Henry treffen der Ontariosee, der St.-Lorenz-Strom und der Rideau Canal nach Ottawa aufeinander. Schon im britisch-amerikanischen Krieg 1812 stand an dieser Stelle eine kleine Festung, von 1832 bis 1837 entstand dann ein größerer Bau. Einen Kampf um dieses Fort hat es nie gegeben - heutige Besucher können jedoch den Eindruck bekommen, es stehe einer unmittelbar bevor: Im Sommer übernimmt die Fort Henry Guard (FHG) das Kommando. Die Laien-Schauspieler sorgen mit ihren Infanterie-Gewehren und 24-Pfünder-Kanonen für viel Krach und Rauch, während Hunderte Zuschauer gebannt das Spektakel verfolgen.

Kein Bitte oder Danke

Im Fort Henry werden die Besucher ins Jahr 1867 zurückversetzt. Wenn Schulklassen kommen, wird mit ihnen nicht nur Exerzieren geübt, sondern auch "God save the Queen", während Königin Victoria auf einem Foto an der Wand lächelt. Selbst die Uniformen entsprechen denen der britischen Soldaten im 19. Jahrhundert: "Die Artillerie trägt Blau, die Infanterie Rot", sagt die 23-jährige Rachel Tindale, eine Studentin, die in der Touristensaison als Sergeant in der FHG dient.

Rathaus und Bahnhof:  Kingston war in der Mitte des 19. Jahrhunderts kurzzeitig die Hauptstadt Kanadas
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Rathaus und Bahnhof: Kingston war in der Mitte des 19. Jahrhunderts kurzzeitig die Hauptstadt Kanadas

Wer will, kann seinen Besuch mit einem Essen im Stil des Jahres 1867 abschließen. "Wir tun dann so, als ob der Festungskommandant lokale Honoratioren zum Dinner eingeladen hat", sagt Bankettchef Paul Fortier. Den Gästen wird vorher eingebläut, bloß nicht "bitte" oder "danke" zu sagen, wenn Roastbeef und Yorkshire-Pudding aufgetragen werden. "Solchen höflichen Umgang gab's damals ja auch nicht." Gespielt werden die Kellner von - na klar - Studenten aus Kingston.

Die Stadt ist nicht nur geprägt von Soldaten und Studenten, sondern auch von Gefängnissen: Es gibt neun Haftanstalten, darunter drei der zwölf kanadischen Hochsicherheitsgefängnisse. In den Jahren 1835 bis 1963 mussten viele Häftlinge in Steinbrüchen schuften und den Kalkstein für die Bauten im Stadtzentrum von Kingston gewinnen. Das Nationalen Gefängnismuseum schildert die Entwicklung des kanadischen Strafvollzugs, indem zum Beispiel die Zellengrößen und -ausstattungen einst und heute verglichen werden. Auch wie im 19. Jahrhundert gefoltert wurde und welche kuriosen Fluchtversuche es in Kanada gab, zeigt die Ausstellung. Zu sehen ist unter anderem eine neunschwänzige Peitsche, die noch 1969 in Haftanstalten in der Provinz Manitoba benutzt wurde - das Auspeitschen von Gefangenen wurde in Kanada erst 1972 verboten.

Kingston und die Thousand Islands: Die Region liegt auf halbem Wege zwischen Toronto und Montréal
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Kingston und die Thousand Islands: Die Region liegt auf halbem Wege zwischen Toronto und Montréal

Das Marinemuseum am einst sehr industriell geprägten, heute aber einigermaßen schmucken Seeufer hinterlässt einen weniger beklemmenden Eindruck. Hier erfahren Touristen zum Beispiel, dass im Ontariosee vor Kingston rund 400 Schiffswracks zu finden sind. "Dazu kommen noch so einige Autowracks", erzählt Heather Gregg von der lokalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft. "Viele Fahrer sind so verrückt, im Winter übers Eis zu fahren, wenn der St.-Lorenz-Strom zufriert" - und nicht immer erreichen sie Wolfe Island, die größte der 1000 Inseln.

Geister und schwarze Katzen

Wolfe Island liegt ganz im Westen der Region, die wegen des hier erfundenen "1000 Islands Dressing" weltweit in aller Munde ist. Viele andere der 1864 Inseln bestehen aus nichts anderem als Felsen, ein oder zwei Bäumen und einem Ferienhaus. Das Wasser des St. Lorenz reicht oftmals bis zur Haustür. Besonders gut zu sehen sind die vielen großen und kleinen Inseln von der Uferstraße aus, die über Genanoque und Ivy Lea nach Hill Island führt. Der US-Bundesstaat New York ist nicht weit, die Grenzlinie folgt im St-Lorenz-Strom einem Zickzackkurs, und ohne gute Landkarten würden die Skipper der Yachten schnell nicht mehr wissen, ob sie sich gerade noch in Kanada aufhalten oder schon in US-Gewässern kreuzen.

Beliebtes Souvenir "Thousand  Island Dressing": Die weltberühmte Salatsoße wurde tatsächlich in der Region östlich von Kingston erfunden
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Einen Blick auf beide Seiten der Grenze erlaubt der "Skydeck"-Turm auf Hill Island. In 40 Sekunden befördert der Fahrstuhl die Besucher in 120 Meter Höhe - an klaren Tagen soll die Fernsicht 65 Kilometer betragen. Wer mehr von den Inseln sehen will, kann in Kingston oder Genanoque auch zu längeren Bootsausflügen aufbrechen. Während der abendlichen "Dinner Cruises" grüßen viele Bewohner der Ferienhäuser die Schiffe, indem sie das Licht kurz aus- und wieder einschalten.

In derselben Minute steht Emily McKinnon mit ihren Begleitern gerade vor einer der "Bed-and-Breakfast"-Pensionen im Zentrum von Kingston und erzählt von kleinen Kindern und alten Frauen, die sich wie Geister mitten in der Nacht auf die Betten der dort Schlafenden setzen und genauso plötzlich wieder verschwinden.

Es ist inzwischen dunkel, Emilys Laterne verbreitet wenig Licht. Und während die Gruppe langsam weiterzieht, springt mit einem Satz eine schwarze Katze aus dem nächstgelegenen Vorgarten. Drei junge Touristinnen aus England haben das Tier nicht gesehen - ausgerechnet ihnen streift es um die Beine. Spitze Schreie hallen durch die Nacht. Emily McKinnon lächelt sanft. Genau so hat sie zu sein, die "Spuktour" durchs alte Kingston.

Von Christian Röwekamp, gms

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