Kirschblüte in Japan Frühling mit Paukenschlag

Die Kirschblüte stellt Japan zwei Wochen lang auf den Kopf: Plötzlich ist das ganze Land in ein unwirklich schönes Zartrosa getaucht. Und die sonst so zurückhaltenden Japaner lassen alle Hemmungen fallen: Gefeiert wird, solange der Sake reicht – und die Blüten blühen.

Von Christoph Neumann, Tokio


Noch ein paar Euro übrig? Dann ab in den Flieger und auf nach Japan. Der superbillige Yen macht das ehemalige Hochpreisland derzeit zum Schnäppchen - und außerdem blühen dort jetzt die Kirschen.

Jetzt nicht voreilig abwinken: "In China fällt ein Sack Reis um, in Japan blühen die Kirschen – und?!" Die Reisebibel "Lonely Planet" hat kürzlich die touristischen Topziele 2007 für verschiedene Kategorien ausgewählt. In der Kategorie "Ort zu einer bestimmten Saison" ernannten die Autoren – noch vor "Silvester in New York" oder "Reykjavik zur Mitternachtssonne" – die Kombination "Tokio zur Blütenschau" zur Topdestination weltweit.

Denn wo die Kirschblüte in Europa nur eine von Hunderten Nettigkeiten des Frühlings ist, eröffnet die Kirschblüte in Japan den Frühling mit einem Paukenschlag; fast schockierend plötzlich bettet sie ein ganzes Land in unwirklich schönes Zartrosa und setzt für zwei Wochen den sonst so geordneten japanischen Alltag außer Kraft.

Normalerweise wirken die japanischen Megastädte wie Tokio oder Osaka wenig einladend: Kabel hängen überall kreuz und quer zwischen wahllos in die Gegend gebauten Häuser, meist formlosen Betonklötzen oder wackeligen Behelfshüttchen, optisch aufgelockert allein durch grelle Reklame.

Exzentrischer Maler am Werk

Dass sich in diesem hässlichen Chaos Abermillionen von Kirschbäumen versteckt halten, merkt man erst, wenn sie blühen. Plötzlich schwebt an jeder Straßenecke eine mächtige Baumkrone in dem zarten, fast weißen Rosa, das die Japanische Yoshino-Kirsche, die hier am weitesten verbreitete Kirschart, auszeichnet. Schaut man aus dem Zugfenster, scheint ein exzentrischer Maler, der mit seinem Landschaftsporträt nicht zufrieden war, über die ganze Bildfläche riesige weißrosa Kleckse verschüttet zu haben.

Für den Kirschblüten-Overkill besucht man am besten einen der vielen japanischen Parks. In Japan werden Parks nämlich so angelegt, dass sie punktgenau zur Zeit der Kirschblüte maximal ihre Pracht entfalten. Im Kaiserlichen Park Shinjuku oder im Yoyogi-Park, beide in Tokio, wandeln die Spaziergänger unter rosa Wolken, die sie mit den Händen greifen können. Hunderte von kleineren, dicht gepflanzten Kirschbäumen bilden ein undurchdringliches Dach aus Blüten.

In dem kleinen See in der Mitte des Inokashira-Parks westlich von Tokio rudern die Ausflügler auf einer weißen Decke, die Himmel und Erde zu verschmelzen scheint. Hier hängen die Bäume so weit in den See hinein, dass das gesamte Wasser das Blütenmeer widerspiegelt. Rund um den Kiyomizu-Tempel in Kioto klammern sich die Kirschbäume an die steil abfallenden Hänge und umrahmen das Weltkulturerbe wie auf einer gigantischen Ansichtskarte.

Der radikale Wandel, mit dem die Kirschblüten das Antlitz des gesamten Landes verändern, erinnert am ehesten noch an Schnee. Aber während wohl kaum einer bei Schnee draußen Orgien feiert, dominieren die Hanami, die "Blütenschau"-Feste, die japanische Freizeit völlig während der kurzen zwei Wochen, in denen die Kirschen in voller Blüte stehen. In dieser fünften Jahreszeit verabreden sich die Japaner im Park mit einer möglichst großen Gruppe und stecken zunächst das Partyareal mit großen blauen Plastikplanen ab. Mit dem Ablegen der Schuhe vor der Plane dürfen die sonst so korrekten und zurückhaltenden Japaner auch die ganzen Konventionen ablegen, die sie sonst so gängeln, denn dann trinken, lachen, tanzen, schreien, spielen, schmusen sie, bis die Sake-Vorratspackungen alle sind.

Eierpizza zu Tintenfisch im Gemüsemantel

Den Sake kauft man dann schnell ein paar Meter weiter nach; um die bekannteren Hanami-Plätze etabliert sich immer auch eine gastronomische Infrastruktur: Hier kann man sich durch die volkstümliche japanische Schnellküche futtern, die die Japaner gerade bei Straßenfesten so lieben und die japanische Restaurants in Europa selten anbieten: Also keine Sushi, sondern die japanische Eierpizza Okonomiyaki, gebratene Buchweizennudeln mit Sojasoße, Bratfisch auf Spieß oder Tintenfisch im Gemüsemantel.

Neben der kulinarischen Erfahrung sind die Hanamis auch die Gelegenheit schlechthin, als westlicher Tourist, jung oder alt, mit den sonst oft verschlossenen Einheimischen in Kontakt zu kommen: Nur ein paar Schritte durch das Dickicht aus blauen Planen manövrieren, die in der Hanami-Saison die Wiesen praktisch völlig abdecken, freundlich in die Gegend lächeln, und schon wird man irgendwo zum Mitfeiern eingeladen. Das allmähliche Besaufen kommt dabei zupass: Wo sich die meisten Japaner sonst schämen, ihr Schulenglisch tatsächlich auszuprobieren, werden sie bei der Hanami noch nach dem zum letzten Mal in der siebten Klasse gehörten Wort für "leicht gesalzener Reiscracker" suchen, um sich ja maximal dem Ausländer verständlich zu machen.

Diese Feste wiederholt man dann man möglichst oft in der kurzen Kirschblütezeit, bis man alle Freunde, Kollegen und Mitstudenten durchhat, und falls dann immer noch nicht die von allen gefürchteten Phase der "Blätterblüten" angefangen hat, in der sich erste grüne Blätter unästhetisch unter die letzten rosa Blüten mischen, beginnt man noch mal mit der ersten Gruppe, oder schiebt, besser noch, eine zweite Hanami-Schicht abends ein. Dann sind die Kirschbäume fast noch schöner, weil sie von unten angestrahlt werden und strahlend weiß vor dem schwarzen Nachthimmel leuchten.

Erhabene Zeitlosigkeit im modernen Tokio

Berühmt für die Nacht-Hanamis ist der Park des Yasukuni-Schreins in Tokio, der im Ausland vor allem als angebliche Verehrungsstätte für Kriegsverbrecher berüchtigt wurde. Daran denken die Japaner, die im Schatten des riesigen Torii-Tores trinken, natürlich nicht; eher schon an ihren anschließenden Verdauungsspaziergang zum nahe gelegenen Kaiserpalast, in dem auch heute noch die japanische Kaiserfamilie residiert. Auf den Hängen des Palastgrabens blühen überall Kirschbäume in verschiedenen rosa Schattierungen; über ihnen ragen dunkel die uralten Steinmauern und die Silhouette der geschwungenen Dächer der Palastbauten auf, und im sonst unerbittlich modernen Tokio fühlt man zum ersten Mal eine echte, erhabene Zeitlosigkeit.

Übrigens kommen die Kirschen im japanischen Supermarkt aus Kalifornien. Denn die Früchte der Japanischen Kirsche sind nämlich klein und hart. Die Kirschbäume werden wirklich nur wegen ihrer Blüten gepflanzt, nur, damit sie in zwei kurzen Wochen das Land auf den Kopf stellen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.