Am Anfang war der Vogel, das sollte man der Fairness halber sagen. Man hat ihn nach seinem Schrei benannt, eine Art "kieeww, kieeww". Denn Kiwis, und damit kommen wir schon zu den speziellen Nicht-Eigenschaften dieses Tieres, können nicht nur nicht fliegen, sie können auch nicht singen. Aber es wäre falsch, nun voreilige Schlüsse über diesen Vogel zu ziehen, der gar nicht wie ein Vogel aussieht, sondern wie ein kniehohes Wollknäuel, aus dem drei Stricknadeln herausstechen.
Dann kam der Mensch. Denn "I'm a Kiwi", sagen auch die Neuseeländer, wenn sie die Welt bereisen. Und das tun sie, weil sie einen Vogel haben - und ihn lieben. Schon um 1900 erhoben die Neuseeländer den Kiwi zu ihrem Nationalsymbol, versahen fast alles mit einem Kiwi-Emblem und nannten sich schließlich selbst voller Stolz Kiwis. Und das sagt ja schon einiges aus, über Mensch und Tier.
Und dann kam die Frucht, die einstmals als "chinesische Stachelbeere" bekannt war. Als sie in den fünfziger Jahren in Neuseeland im großen Stil angebaut wurde, erkannten die Kiwis, also die Menschen, in der runden, braunen, felligen Frucht schnell die Ähnlichkeit zum Kiwi, dem Vogel, und benannten sie nach ihm.
15 deutsche Auswanderer, ein Pferd und einen Polizisten
Um Mensch und Vogel näherzukommen, muss man nach Stewart Island. Sie ist die drittgrößte der Nation, von der es immer heißt, sie bestünde nur aus Nord- und Südinsel. Aber es gibt auch noch die Südsüdinsel, das etwas in Vergessenheit geratene Stewart Island. Denn es ist so: Von Norden nach Süden nimmt die Bevölkerung Neuseelands stetig ab. Stewart Insel ist so groß wie das Saarland, und es leben dort nur 400 Menschen. Es gibt ein Dorf namens Oban, ein paar Hotels und Pensionen, 15 deutsche Auswanderer, ein Pferd und einen Polizisten. Und wenn der Polizist einmal nicht da ist, dann weiß das die ganze Insel.
Auf Stewart Island leben auch 25.000 Kiwis, und das wiederum ist einer der Gründe, warum jährlich etwa 35.000 Touristen anreisen, in der Hoffnung, einem dieser nachtaktiven Laufvögel, dem Symboltier Neuseelands, zu begegnen. Damit ihre Chancen etwas steigen, bieten Phil und Zane Smith Kiwi-Touren an. Und weil "Kiwi" eben nicht nur Vögel und Früchte, sondern auch die Einwohner Neuseelands bezeichnet, kann man beim sogenannten Kiwi-Spotting eine ganze Menge über dieses Ende der bewohnten Welt lernen.
Phil und sein Sohn Zane fahren seit 22 Jahren in der Abenddämmerung von der Halfmoon Bay hinüber zum Ocean Beach. Der Dieselmotor des Schiffes namens "Wildfire" dröhnt im Zwielicht, und Zane erzählt etwas Unverständliches. Erst später, wenn der Motor des Schiffes aus ist, wird einem klar, dass man auch ohne den Lärm kein Wort von Zanes Kauderwelsch versteht.
Nach mehrmaligem Nachfragen findet man heraus, dass es "keine Kiwi-Garantie" gebe, aber sie in 22 Jahren nur sieben Mal keine gesehen hätten. Das entspreche einer Erfolgsquote von 98 Prozent, was die zehn Touristen an Bord zuversichtlich stimmt: Backpacker aus Deutschland und Hobbyornithologen aus Amerika, Vogelnerds mit Ferngläsern, Schlapphüten und Riesenkameras, die vermutlich teurer waren als die Reise hierher.
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